merken
PLUS Pirna

Attacke auf die Aktion "Mensch Pirna"

In der Stadt weisen derzeit große Aufkleber auf die Menschenrechte hin. Nun wurde ein Großteil davon abgerissen und zerstört. Die Polizei ermittelt.

Menschenrechte-Aufkleber zum Thema Pressefreiheit: Zerknüllt entsorgt in einer Mülltonne auf der Dohnaischen Straße.
Menschenrechte-Aufkleber zum Thema Pressefreiheit: Zerknüllt entsorgt in einer Mülltonne auf der Dohnaischen Straße. © Daniel Förster

In der Nacht zum vierten Advent haben bislang unbekannte Täter die Aktion "Mensch Pirna" attackiert. Dabei entfernten, beschädigten oder zerstörten die Randalierer einen Großteil der übergroßen Bodenaufkleber, die derzeit in der Innenstadt auf die universellen Menschenrechte hinweisen.

"Insgesamt fehlen 17 Aufkleber", sagt Ina Richter vom Organisationsteam. Der Aufkleber mit dem Hinweis auf die Pressefreiheit lag beispielsweise zerknüllt in einer Mülltonne auf der Dohnaischen Straße. Der Aufkleber, der sich vor dem Grünen-Büro auf der Schlossstraße befand, fand sich zerrissen in einem Gebüsch neben der Marienkirche wieder. Andere wurden auf Gehwege oder Grünflächen geworfen.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung

Der Anschlag in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember war nicht der erste, der sich gegen die Aktion richtete. Nach Aussage von Ina Richter waren auch schon in den Tagen zuvor Aufkleber entfernt worden. So verschwanden unter anderem die Menschenrechte-Aufkleber vor dem Sitz der Pirnaer Tafel, auf der Gerichtsstraße und vor der evangelischen Stadtkirche St. Marien einen Tag später, nachdem sie aufgeklebt wurden. Der materielle Schaden beläuft sich auf insgesamt knapp 700 Euro.

Aufgrund der Vorfälle haben die Initiatoren der Aktion noch am vierten Advent Strafanzeige erstattet. Zudem hatten nach Aussage der Polizei Beamte des Pirnaer Polizeireviers bei einem anderen Auftrag die beschädigten Plakate feststellt und von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung eingeleitet. Hinweise auf mögliche Täter, so Polizeisprecher Marko Laske, gebe es allerdings noch nicht.

Aktion erinnert an die universellen Menschenrechte

Die Aktion "Mensch Pirna" war Anfang Dezember von einem breiten, überparteilichen Bündnis der Pirnaer Zivilgesellschaft initiiert worden. Anlass ist das 72-jährige Bestehen der universellen Menschenrechte. Die UN-Vollversammlung hatte am 10. Dezember 1948 eine Resolution mit 30 Artikeln beschlossen, die den Menschen grundlegende Rechte zusichern und ihnen ein freies sowie gerechtes Leben ermöglichen sollen.

Partner der Aktion sind unter anderem Parteien wie die Linke, SPD oder Bündnis 90/Die Grünen, Vereine wie der "CSD Pirna", der Pirnaer Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke, die Pirnaer Kirchgemeinden, mehrere Schulen und die Sächsische Zeitung. "Die Aktion bildet also ein breites Spektrum der Pirnaer Stadtgesellschaft ab", sagt Ina Richter.

Die Aktion startete am 10. Dezember zum Tag der Menschenrechte mit einer Info-Kampagne. Zudem sollen große Fußbodenaufkleber auf die Grundrechte hinweisen, jeder Aufkleber steht für einen bestimmten Artikel der Resolution, jeder Aufkleber hat einen bestimmten Paten. Begleitet wird die Aktion mit der Internetseite www.mensch-pirna.de.

"Extremistischer Vandalismus hat in Pirna nichts zu suchen"

Angesichts der Zerstörungswut zeigen sich die Organisatoren nun tief erschüttert. "Diese Zerstörung und der Diebstahl der Aufkleber sei als Beleidigung dieser breit gefächerten Stadtgesellschaft nicht zu dulden, heißt es in einer Stellungnahme. "Wir verurteilen diese Art von Zerstörungswut und es macht uns auch traurig, wie Personengruppen in Pirna mit Menschenrechten umgehen und diese mit Füßen treten", sagt Ina Richter.

Auch von anderen Seiten kommt heftige Kritik: "Mit dieser Sachbeschädigung haben die Verursacher gezeigt, wessen Geistes Kind sie sind", sagt Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos). Eine Aktion für Menschenrechte zu zerstören, bedeute, die Grundregeln des menschlichen Miteinanders über Bord zu werfen. Extremistischer Vandalismus, so Hanke, habe aber in unserer Stadt nichts zu suchen.

Ruf der Stadt wird erneut beschmutzt

Auch der Pirnaer Pfarramtsleiter Cornelius Epperlein bezeichnet die Zerstörung als erschreckend. Diese allgemeine Erklärung der Menschenrechte, sagt er, sei ein Meilenstein nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen.

Dass die Würde eines jeden einzelnen Menschen in seiner ganzen Individualität etwas Schützenswertes ist, sei nach der millionenfachen Entwürdigung und Vernichtung menschlichen Lebens als Folge der Überhebungsideologie der Nationalsozialisten eine notwendige Richtigstellung, die sich aus den besten Gedanken der Aufklärung und der Religionen herleite.

Dass es nicht selbstverständlich sei, diese für alle geltenden Rechte durchzusetzen, zeige sich auch heute noch am Beispiel totalitärer Staaten. Aber auch in Demokratien müssten laut Epperlein systemisch Benachteiligte nach wie vor für ihre Rechte kämpfen. Daher bleibe es ein wichtiges Anliegen, die Menschenrechte im Gespräch zu halten. Darüber gebe es bei allen Partnern der Aktion "Mensch Pirna" einen breiten Konsens.

Umso erschreckender sei es, dass aus einer offensichtlich wieder aufblühenden nationalistischen, rassistischen und selbstüberhöhenden Ideologie diese notwendige Erinnerung beschmutzt werde. "Wer den Gedanken der unverletzlichen Würde jedes einzelnen Menschen derart verunglimpft, handelt damit würdelos, beschmutzt erneut den Ruf der Stadt sowie unserer Region und katapultiert sich selbst aus einer solidarischen Gesellschaft", sagt Epperlein.

Initiatoren führen die Aktion zu Ende

Das Organisationsteam lässt sich unterdessen nicht entmutigen. Die Aktion soll noch bis Ende im Januar mit den noch übrigen Aufklebern begleitet werden. Nach Aussage von Ina Richter nehme die Aktion durch die Zerstörung keinen Schaden, ganz im Gegenteil: Es zeige, wie wichtig es bleibe, sich für die Menschenrechte einzusetzen - und werde die Initiatoren ermutigen, weiter zu handeln.

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna