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Die besondere Hilfe in Notlagen

Etwas versteckt in Pirna gibt es ein spezielles Angebot: die unabhängige Teilhabe-Beratung. Aber was verbirgt sich dahinter?

Peter Findeisen (r.) in der neuen Beratungsstelle: "Ich fühle mich hier sehr gut betreut."
Peter Findeisen (r.) in der neuen Beratungsstelle: "Ich fühle mich hier sehr gut betreut." © Daniel Schäfer

Peter Findeisen, 74, war in seinem aktiven Leben Sicherheitsingenieur. Seine Aufgabe bestand darin, in Betrieben Lärm zu messen, um die Beschäftigten vor allzu viel Krach zu schützen. Findeisen, längst Rentner, lebte bis März 2019 in Dresden. Nachdem seine Lebensgefährtin gestorben war, zog er in eine altersgerechte Wohnung in Königstein. Findeisen ist noch recht rüstig und nie um einen flotten Spruch verlegen. Allerdings ist er in bestimmten Angelegenheiten auf Hilfe angewiesen.

Seit einem schweren Sturz ist er zu 40 Prozent schwerbehindert. Diesen Anteil möchte er gern auf 60 Prozent erhöhen lassen. Je höher der Grad der Behinderung, desto leichter kann man von bestimmten finanziellen Lasten - beispielsweise von der Rundfunkgebühr - befreit werden. Zudem benötigte er einen Rat, um einen Wohngeldantrag auszufüllen.

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Eine Seniorenbetreuerin in Königstein empfahl ihm dafür eine besondere Anlaufstelle: die "Ergänzende Unabhängige Teilhabe-Beratung" (EUTB) in Pirna, die vielen gar nicht geläufig ist, obwohl ihr Angebot breit gefächert ist. Sächsische.de erklärt, was sich hinter der EUTB verbirgt.

Was ist die EUTB?

Die EUTB gibt es seit 2018 in Pirna, die Beratungsstelle befindet sich im Haus Gartenstraße 38. Der Träger ist die "Stiftung Lebenshilfe Sächsische Schweiz/Osterzgebirge - Wohlfahrt in Sachsen". Die Beratungsstelle ist zuständig für den gesamten Landkreis. "Wir sind auch die einzige Beratungsstelle der Stiftung im Kreis", sagt Antje Matschas vom Stiftungsvorstand, verantwortlich für das EUTB-Projekt. Finanziert wird das Projekt vom Bundesarbeitsministerium, die Mittel sind bereits bis Ende 2022 bewilligt.

Wen berät die Beratungsstelle?

Grundsätzlich unterstützt und berät sie Menschen mit Behinderung und jene, die davon bedroht sind, deren Angehörige, aber auch alle anderen Interessierten zu Fragen der Rehabilitation und Teilhabe.

Ein klassisches Beispiel: Jemand besitzt bereits einen Schwerbehinderten-Ausweis, Behörden haben es aber abgelehnt, den Grad der Behinderung zu erhöhen. Bei der EUTB finden Betroffene Rat, wie es nun für sie weitergehen kann.

Oder aber Eltern bekommen ein behindertes Kind, wissen aber nicht, an welche Stellen sie sich wenden sollen, um das Kind optimal versorgen und betreuen zu können. 

Oder ein Arbeitnehmer erleidet einen Arbeitsunfall und ist aufgrund dessen nicht mehr tauglich für den ersten Arbeitsmarkt. Gleichwohl will er weiter am Arbeitsleben teilhaben. Die Beratungsstelle hilft dann beispielsweise dabei, geeignete Fortbildungen oder Umschulungen zu finden. 

Zur Klientel gehören beispielsweise auch Arbeitnehmer, die plötzlich einen schwerbehinderten Arbeitnehmer beschäftigen müssen, aber nicht wissen, welche Möglichkeiten und Unterstützung es dafür gibt. "Wir wissen nicht in jedem Fall Rat, aber wir wissen, an wen sich die Betroffenen im konkreten Fall wenden können", sagt Antja Matschas.

Wie geht die Beratungsstelle vor?

Die EUTB versteht sich als ergänzendes Angebot zu den Beratungsangeboten staatlicher Stellen wie beispielsweise Sozialamt, Jobcenter oder Rentenversicherung. 

Das Besondere allerdings: die EUTB agiert unabhängig. Die staatlichen Stellen, sagt Antja Matschas, decken ja das jeweilige Beratungsspektrum schon ganz gut ab, vertreten dabei aber stets auch eigene Interessen. "Wir aber sind unabhängig und nur unseren Klienten verpflichtet", sagt sie. 

Darüber hinaus begleiten die EUTB-Berater Betroffene auch bei Behördengängen, um ihnen dabei Sicherheit zu geben. Die Beratung bei der EUTB ist kostenlos.

Was ist das Besondere bei der EUTB?

Die EUTB beschäftigt eine sogenannte "Peerberaterin". "Sie ist sozusagen unser Aushängeschild", sagt Antje Matschas. Peerberater sind Menschen, die selbst behindert sind oder an einem Handicap leiden, aber gleichwohl selbst beraten - unter dem Motto "Betroffene beraten Betroffene". "Wir sind sehr froh, dass wir so jemanden für unsere Beratungsstelle gefunden haben", sagt Antje Matschas. 

Wann und wo berät die EUTB?

Die Beratungsstelle befindet sich im Haus Gartenstraße 38 in Pirna. Zudem gibt es eine Außenstelle in Freital, Am Bahnhof 8. In Pirna gibt es feste Sprechzeiten jeweils dienstags von 9 bis 12 und donnerstags von 15 bis 18 Uhr, in Freital jeweils montags von 10 bis 12 Uhr. Darüber hinaus können Ratsuchende auch individuell Termine vereinbaren. Im Notfall machen die Berater auch Hausbesuche.

Zu erreichen ist die Beratungsstelle telefonisch unter 03501 5009603, per Mail oder über die Internetseite .

Peter Findeisen ist oft Gast in der Pirnaer Beratungsstelle, für ihn ist sie ein guter und verlässlicher Partner. "Ich fühle mich hier sehr gut betreut", sagt er, "weil alles auf einem guten Vertrauensverhältnis basiert."

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