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Wo die Fledermäuse wohnen

Der Nabu lädt zu einer Wanderung nahe Pirna ein. Damit verknüpft ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch eine Sorge.

Sebastian Schmidt, Leiter der Nabu-Regionalgruppe vor dem Fledermausbunker im Eulengrund.
Sebastian Schmidt, Leiter der Nabu-Regionalgruppe vor dem Fledermausbunker im Eulengrund. © Steffen Unger

Blitzschnell flattern sie über die Köpfe hinweg. "Da war schon wieder eine!", hört man jemanden rufen. Aber ehe man sich herumdreht, sind sie schon wieder verschwunden. Meistens sieht man sie nur aus dem Augenwinkel. Einen richtigen Blick auf sie zu erhaschen - schwierig. Trotzdem kam kürzlich eine große Kinderschar zur Fledermauswanderung des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) am Rande von Dohna. 

Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den Bergkuppen der Sächsischen Schweiz. Während allmählich dunkel wird, werden in Krebs an diesem Freitagabend die ersten Taschenlampen angeschaltet. Knapp 60 Menschen stehen vor dem Gasthof "Polterhof" in einem Kreis. In ihrer Mitte befinden sich zwei Studenten, die - mit Fotos ausgestattet - über die heimischen Fledermäuse erzählen. Die Gruppe, die zum größten Teil aus Kindern und deren Eltern besteht, blickt hin und wieder suchend in den Nachthimmel. Aber die kleinen Tiere sind häufig zu schnell, um sie richtig beobachten zu können. 

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Die Wasserfledermaus jagt gewandt, dicht über der Wasseroberfläche, nach Insekten. In der Pirnaer Region ist sie auch heimisch.
Die Wasserfledermaus jagt gewandt, dicht über der Wasseroberfläche, nach Insekten. In der Pirnaer Region ist sie auch heimisch. © Wolfgang Wittchen

Gegen Versiegelung und Industriepark

Etwas abseits steht Sebastian Schmidt, der die Nabu-Regionalgruppe Oberes Elbtal vor fünf Jahren gegründet hat. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern setzt sich der 29-Jährige in vielerlei Hinsicht für die Natur ein. Neben Müllwegräumaktionen und dem Bau von Nistkästen für Vögel treten sie unter anderem auch für ökologischere Landwirtschaft und den verantwortungsvollen Umgang mit der Versiegelung von Flächen ein. Außerdem versuchen sie größere Bauvorhaben, wie zum Beispiel den Industriepark Oberelbe (IPO), zu verhindern, oder zumindest für einen Ausgleich der negativen Nebenwirkungen zu sorgen. Bodenversiegelung lautet das Stichwort. Durch den Bau des Industriegeländes wird eine große Menge brauchbaren Bodens versiegelt und damit für die Agrarwirschaft unbrauchbar gemacht. Damit werde massiv in den Lebensraum der heimischen Flora und Fauna eingegriffen, meint die Nabu. 

Es sei vergleichbar, so Schmidt, mit dem Bau der Waldschlößchenbrücke in Dresden 2013, der fast nicht stattgefunden hätte, wegen der "Kleinen Hufeisennase", die unter Naturschutz steht. An der Waldschlößchenbrücke stehen nun Mannshohe Blitzer, die von April bis Oktober nachts alles ins Visier nehmen, was schneller als 30 fährt - zum Schutz der Fledermäuse. Solche Schutz-, beziehungsweise Ausgleichsmaßnahmen fordert Schmidt auch für den IPO. Zum einen sollten keine neuen Flächen versiegelt werden. Es ist die Rede von Recycling, also davon, alte Flächen neu zu bebauen, anstatt noch unberührte Flächen zu versiegeln. Zum anderen müssen mehr Bäume gepflanzt werden, am besten genauso viele wie für die Baumaßnahmen gefällt werden. 

Sorge um die "Vögel der Nacht"

Die Entscheidung um den Bau der Ortsumgehung in Pirna lag  vor der Gründung der Regionalgruppe. Daher konnte sich diese auch nicht in die Planung einmischen. Aber auch die Ortsumgehung stellt, vor allem durch den damit verbundenen Verkehr, ein großes Risiko für die Fledermäuse dar, so Schmidt. Wegen des ebenen Geländes fehlen ihnen Anhaltspunkte, an denen sie sich orientieren können, wodurch sie Gefahr laufen, in die Fahrzeuge zu fliegen. Um das zu verhindern, sei das Pflanzen von Bäumen, oder zumindest die Installierung von senkrecht in der Erde steckenden Holzstämmen entlang der Strecke nötig. 

Die Organisation, die mittlerweile rund 900 Mitglieder zählt, engagiert sich oft für Aktionen wie die Fledermauswanderung. Daran beteiligt ist dieses Mal der Krebser Naturkindergarten "Am Fuchsbau". Alle wollen zum Eulengrund in Zehista wandern und dort an einem ehemaligen Militärbunker auf Fledermaussuche gehen. Der Nabu will nicht nur Gutes für Umwelt und Natur tun, sondern auch darüber aufklären - allen voran Kinder. Dass es denen gefällt, merkt man sofort.

Student Friedemann Gaube in Aktion. Der Fledermauskenner zeigt den Kindern, wie er die Tiere mit sensibler Technik wahrnimmt.
Student Friedemann Gaube in Aktion. Der Fledermauskenner zeigt den Kindern, wie er die Tiere mit sensibler Technik wahrnimmt. © Steffen Unger

Nichts mit Batman und Dracula

Von angeregten Gesprächen und Kinderlachen begleitet spaziert die Gruppe Richtung Eulengrund. Auf dem Weg erfahren sie Wissenswertes über die Fledermäuse in der Umgebung. Mehr als 16 verschiedene Arten, darunter die Wasserfledermaus und die Hufeisennase, sind hier heimisch, erklären Friedemann Gaube und Antje Lüpfert. Die beiden Studenten aus Dresden wurden als Fledermausexperten zu der Wanderung eingeladen und leiten diese Tour. Mit Laptop und Mikrofon in der Hand nehmen sie die Laute der umherfliegenden Tiere auf. Ab und zu halten sie an, um der Gruppe die Geräusche vorzuspielen und zu erklären, was es mit den Lauten auf sich hat. Die Kinder staunen, als sie hören, dass Fledermäuse blind sind und sich nur mittels Schallwellen orientieren.

Daher ist es für die Tiere sehr wichtig, feste Punkte, wie zum Beispiel Bäume oder Sträucher zu haben, an denen sie sich orientieren können, sagt Sebastian Schmidt. Auf die Frage, was man zu Hause für den Erhalt der Fledermäuse tun kann, rät er unter anderem zum Kauf von Lebensmitteln aus nachhaltiger Landwirtschaft und zum Bauen von Nistkästen.

Diesen Augen entgeht keine Fledermaus. Papa Jan Delitscher mit seinem vierjährigen Sohn Ole.
Diesen Augen entgeht keine Fledermaus. Papa Jan Delitscher mit seinem vierjährigen Sohn Ole. © Steffen Unger

Als sie den Bunker erreichen, ist es bereits stockdunkel. Schlafenszeit? Von Müdigkeit ist bei den Kindern keine Spur. Mit ihren Taschenlampen leuchten sie die Umgebung ab und hin und wieder huscht tatsächlich eine Fledermaus durch den Lichtkegel. Gruselig fanden sie die Wanderung nicht. Das Feedback der Kinder ist durchgehend positiv. Sie haben sich gefreut, an diesem Abend so viel Interessantes über Fledermäuse erfahren und neue Arten kennengelernt zu haben.

Informationen zu der Nabu-Regionalgruppe gibt es im Internet und bei Sebastian Schmidt unter Telefon: 017634184271.

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