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Lässt Pirna den Balkon von Copitz verlottern?

Der Blick vom Burglehnpfad auf die Stadt ist einzigartig. Doch Wildwuchs bedroht das Idyll – und die Freien Wähler hadern mit dem Rathaus.

Von Thomas Möckel
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Blick vom Burglehnpfad auf Pirnas Altstadt: Seit fünf Jahren wurden die Bäume nicht mehr verschnitten.
Blick vom Burglehnpfad auf Pirnas Altstadt: Seit fünf Jahren wurden die Bäume nicht mehr verschnitten. © Daniel Schäfer

Herbert Zieschang ist ein großer Gönner der Stadt, ohne ihn wäre Pirna um einen komfortablen Weg ärmer, von dem aus Wanderer einen herrlichen Ausblick auf Elbe, Altstadt und Schloss Sonnenstein haben. Zieschang stammt ursprünglich aus Pirna, später aber wurde Wiesbaden sein Wohnort. Oft kehrt er für Besuche zurück, eines seiner liebsten Ausflugsziele ist der Burglehnpfad in Copitz, der Burglehnstraße und Ehrenhain miteinander verbindet. Von dem Weg eröffnet sich für Wanderer ein toller Blick über Pirna.

Auch Zieschangs Frau liebt Pfad und Aussicht, doch es gab ein gravierendes Problem. Mehrfach versuchte Herbert Zieschang Anfang der 2000er-Jahre, mit seiner im Rollstuhl sitzenden Frau den Burglehnpfad entlangzugehen. Doch er scheiterte jedes Mal an der unebenen Fläche. Der Pfad war damals ein noch unbefestigter Weg. Das sollte sich aber alsbald ändern.

Seit 2005 stiftete Zieschang privat mehr als 400.000 Euro, um den Pfad auf Vordermann zu bringen, das Geld war einzig für diesen Zweck bestimmt. 2006 verschob Pirna den Weg oberhalb der Copitzer Felswände einige Meter von der bröckelnden Felskante in Richtung Feld, verbreiterte ihn und ließ ihn pflastern. An den Aussichtspunkten ließ die Stadt neue Bänke aufstellen und den dichten Bewuchs auslichten – für einen fortan ungetrübten Blick auf die Stadt. Doch dieses Idyll ist jetzt bedroht.

Bald ist nichts mehr zu sehen

Pirnas Freie Wähler haben große Sorge, dass die Stadt das Areal um die stark frequentierte Spaziertrasse zunehmend verlottern lässt. Aufstrebendes Dickicht könnte der Aussicht, die im 18. Jahrhundert schon der Maler Canaletto genoss, bald den Garaus machen. „Wir haben jetzt dort einen Zustand“, sagt Fraktionschef Ralf Böhmer, „wo man in zwei, drei Jahren unsere Stadt – zumindest in den Monaten April bis November – nicht mehr sehen wird.“

Der Wildwuchs sei schon jetzt dermaßen groß, dass es schwierig werde, ihm überhaupt noch Herr zu werden. Mittlerweile gebe es nur noch vereinzelte Sichtachsen, Bäume und Sträucher seien schon ewig nicht mehr verschnitten worden. Aus Böhmers Sicht ist das ein Unding, zumal Zieschang das Geld auch mit dem klaren Auftrag gespendet habe, den Weg zu erhalten und zu pflegen. Etwas flapsig fragte Böhmer bereits Ende 2021 im Rathaus nach, was die Stadt zu tun gedenke, um dem Gönner der Stadt auch weiterhin die Ehre zu erweisen.

Nach Aussage des Rathauses befinde sich entlang des Burglehnpfades an der Hangkante ein relativ geschlossener Baumbestand, der durch einzelne Sichtachsen auf die Altstadt unterbrochen werde. Diese Sichtachsen lässt die Stadt regulär alle drei Jahre freischneiden. Doch der letzte Schnitt liegt schon etwas länger zurück: 2017.

Fünf Jahre nichts gemacht

Laut der Stadt wäre 2020 wieder ein Freischnitt notwendig gewesen, der allerdings ausblieb. Infolge der trockenen Sommer, so das Rathaus, habe man 2020 und 2021 das vorhandene Geld vollständig für den Mehraufwand einsetzen müssen, Totholz im Bereich des Burglehnpfades zu beseitigen. Doch für 2022 sei vorgesehen, den Bewuchs an den Aussichten auszulichten – sofern es die finanzielle Lage erlaube.

Für Böhmer bietet diese Auskunft nicht wirklich Grund zur Freude. Er hadert vor allem mit dem Umstand, dass die Stadt so lange untätig blieb. „Fünf Jahre hat sie gar nichts gemacht, obwohl sie sich selbst zum Ziel gesetzt hat, alle drei Jahre gegen den Wildwuchs vorzugehen“, klagt der Fraktionschef. Jetzt habe man inzwischen 2022, und es bleibe nur noch bis Ende Februar Zeit, die Aussichten freizuschneiden. Danach beginnen Vegetationsperiode und Vogelbrutzeit – da sind solche Eingriffe vorerst tabu.

Es ist nicht das erste Problem dieser Art an dem beliebten Spazierweg. Bereits 2011 monierten Ausflügler, das Gras und Bäume am Burglehnpfad ungezügelt in die Höhe wuchsen und das gesamte Umfeld einen ungepflegten Eindruck mache. Die Stadt war damals mit der Pflege in Verzug geraten, weil sie Gartenarbeiten in der Innenstadt den Vorzug einräumte.

Respektloser Umgang

Den erneuten Verzug kann Böhmer nicht nachvollziehen, erst recht lässt er das finanzielle Argument der Stadt nicht gelten. Denn selbst für diesen Fall hat Herbert Zieschang vorgesorgt. Im September 2010 hatte er der Stadt weitere 100.000 Euro zukommen lassen. Mit diesem Geld – so der Wunsch des Sponsors – ließ das Rathaus eine Solaranlage auf der Turnhalle der Diesterweg-Grundschule in Copitz errichten. Den Erlös aus dem Stromverkauf sollte die Stadt dafür einsetzen, den Burglehnpfad und das angrenzende Gelände zu pflegen.

Von der Stadt will Böhmer nun minutiös aufgelistet haben, was mit den Solar-Einnahmen in den vergangenen fünf Jahren passiert ist. Vor allem will er wissen, wie hoch der Erlös aus dem Stromverkauf war und wofür Pirna dieses Geld verwendet hat. Denn offenbar, so Böhmer, sei man sich im Rathaus nicht bewusst darüber, was in dieser Angelegenheit wie umgesetzt werden muss.

Einstweilen zieht der Fraktionschef ein bitteres Fazit. „Ich finde, der Umgang der Verwaltung ist nicht nur respektlos gegenüber dem Gönner unserer Stadt und seiner Familie“, resümiert Böhmer, „sondern es ist auch ein fahrlässiger Umgang mit seiner von ihm gesponserten Investition.“