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Dreimal Deutsche Einheit

Sie erlebten die gleiche Geschichte - aus verschiedenen Perspektiven. Zum Tag der Deutschen Einheit kommen auf der Festung Königstein Zeitzeugen zu Wort.

Zeitzeugen auf der Festung Königstein zu 30 Jahre Deutsche Einheit: (v.l.) Katja Metz, Helmut Cedra und Dr. Martin Kupke.
Zeitzeugen auf der Festung Königstein zu 30 Jahre Deutsche Einheit: (v.l.) Katja Metz, Helmut Cedra und Dr. Martin Kupke. © Daniel Schäfer

Kein Lehrbuch kann Geschichte so beschreiben wie jemand, der dabei war. Um zu erfahren, wie sich die Zeit rund um den Mauerfall und den Tag der Deutschen Einheit vor 30 Jahren angefühlt hat, waren am Freitag insgesamt 18 Zeitzeugen aus Ost und West auf der Festung Königstein zu Gast. Wie sie die politische Wende und die anschließende Wiedervereinigung miterlebt haben, davon erzählten sie als "lebendige Bibliothek". Den ganz persönlichen Erinnerungen konnten Gäste lauschen, darunter Schüler der Oberschule Königstein, die diese Zeit nur aus Büchern kennen.  

Mit dabei waren Unternehmer, einfache Bürger und auch Migranten. Sächsische.de hat sich drei dieser Zeitzeugen ausgesucht, um ihre Geschichte festzuhalten. Darunter sind Katja Metz aus Königstein im Taunus, die die Wende vom Westen aus miterlebt hat. Außerdem Helmut Cedra, der als Werksleiter die Papierfabrik in Königstein durch die Zeit der Wende gebracht hat. Und Dr. Martin Kupke, der für seinen Beitrag zur friedlichen Revolution mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. 

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Die Perspektive aus dem Westen

Katja Metz, geb. 1959, Königstein/Taunus. Als ich noch bei der Post gearbeitet habe, sind vor allem ältere Menschen zu mir gekommen, um ihren Verwandten in der DDR "Westpakete" zu schicken. Sie haben die Leute im Osten vor allem mit Lebensmitteln versorgt. Mein Mann und ich sind nie persönlich in der damaligen DDR gewesen, aber wir haben oft mitbekommen, wie Leute versucht haben von dort zu fliehen. Manche haben es geschafft und manche sind erschossen worden. Dass da Menschen auf Menschen geschossen haben, die eigentlich aus dem selben Land kommen, ist heftig. Wir haben damals eine Familie aus Leipzig in unserem Haus aufgenommen, die aus der DDR ausgewiesen wurden. Mit ihr haben wir 15 Jahre lang in guter Gemeinschaft zusammen gelebt. Und wir stehen auch heute noch in Kontakt. Inzwischen leben sie in Leipzig. 

Katja Metz
Katja Metz © Daniel Schäfer

Als die Mauer fiel und die Reisefreiheit ausgerufen wurde, konnten wir das gar nicht so richtig glauben. Unsere Tochter ist damals nach Königstein in Sachsen gefahren, um eine Familie zu besuchen. Deren Tochter kam im Austausch zu uns. Das war der erste wirkliche Austausch zwischen Ost und West für uns. Die Wende hat vor allem Freiheit gebracht. Vorher hatten wir in unserem Königstein im Taunus zu vielen Städten Kontakt, aber die Städtepartnerschaft zum sächsischen Königstein hat sich erst nach der Wiedervereinigung entwickelt. Für mich hat dieses Ereignis eine große Bereicherung dargestellt. Heute arbeite ich im Management eines Entsorgungsunternehmens und engagiere mich politisch in meiner Heimat. Mittlerweile habe ich viele Bekanntschaften im "Osten", die ich nicht mehr missen möchte.

Der Mann, der Papier machte

Helmut Cedra, geb. 1936, Gohrisch. Wenn mich Leute fragen, was ich während der Wende gemacht habe, dann antworte ich: Papier. Ich bin ausgebildeter Diplomingenieur für Papiertechnik und habe damals in der VEB Feinpapierfabrik in Königstein gearbeitet. Erst als Technologe, später als Produktionsleiter und schließlich als Werkleiter. Durch die Wiedervereinigung habe ich die Fabrik als einzige Führungskraft praktisch im Alleingang durchgebracht. Bis zu 70 Stunden pro Woche habe ich gearbeitet. Aber ich hatte auch ein großartiges Team. Nach der Wende wurden wir zu einem Treuhandunternehmen. Bis wir 1991 von der Papierfabrik Louisenthal übernommen wurden, war ich einer von drei Geschäftsleitern. 

Helmut Cedra
Helmut Cedra © Daniel Schäfer

2002 bin ich aus der Firma ausgeschieden. Nach 40 Jahren in der Papierproduktion habe ich ein Buch geschrieben, in dem es um die gesamte Historie der Fabrik geht. Wir waren damals alle der Meinung, die DDR müsste reformiert werden. Ich hatte sogar eine Mitarbeiterversammlung ausgerufen, zu der rund 100 Arbeiter erschienen sind. Es war schon eine sehr freimütige Aussprache gegen den Staat und es wurden Dinge angesprochen, über die man zu dieser Zeit eigentlich noch geschwiegen hat. Wenige Tage später fiel in Berlin die Mauer. Das war ehrlich gesagt für keinen von uns eine "Hurra-Situation", sondern wurde eher nüchtern zur Kenntnis genommen. Damals war alles ungewiss und niemand wusste, wohin die Reise eigentlich gehen würde. Rückblickend bin ich aber sehr glücklich mit dem, was so gekommen ist. 

Der Geburtshelfer einer neuen Zeit

Dr. Martin Kupke, geb. 1937, Naundorf/Struppen. Die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigungung der beiden deutschen Staaten waren das größte, was ich in meinem Leben erlebt habe. Über die Geschehnisse von damals habe ich in meinem Ruhestand vier Bücher geschrieben. Ich schrieb sie gegen das Vergessen, das Verdrängen und das Verharmlosen der DDR-Geschichte. Das Leben damals war hart. Mangelwirtschaft, die Stasi und die fehlende Freiheit haben einem das Dasein sehr erschwert, aber ich habe nie daran gedacht aus der DDR zu fliehen. Ich war und bin Pfarrer aus Leidenschaft und war damals für die Menschen da. Als am 7. Oktober 1989 in Plauen die erste Demonstration stattfand, begann das Kartenhaus der DDR in sich zusammenzufallen. Mit jeder weiteren Aktion wurde den Menschen mehr und mehr bewusst, dass sie die Macht haben etwas zu ändern. Und mit jeder Demonstration trat auch Stück für Stück die Regierung weiter in den Hintergrund. Ich habe angefangen Reden zu halten und einen Zehn-Punkte-Plan aufgestellt für eine Reform in der DDR. Als dieser den Massen zu Ohren kam, bin ich richtig in den Revolutionsvorgang hineingerutscht. 

Dr. Martin Kupke
Dr. Martin Kupke © Daniel Schäfer

Am 6. November 1989, also drei Tage vor dem Mauerfall, habe ich in Oschatz die politischen Vertreter der Stadt zu einem öffentlichen Gespräch in eine Kirche eingeladen. Über 4.000 Menschen fanden sich zu diesem Tag ein. Die Stimmen gegen die Politiker wurden immer lauter. Die Leute haben getobt und auf noch nie dagewesene Art und Weise gegen den Staat protestiert. Es war ein wahnsinniger Akt für mich, die Menschen in Zaum zu halten und gewaltsame Ausschreitungen zu verhindern, aber ich habe es geschafft. Jedoch wurde allen spätestens an diesem Tag klar: von nun an wird alles anders. Mir persönlich hat man nach der Wende verschiedene politische Posten angeboten, aber ich habe alles abgelehnt und bin Pfarrer geblieben.

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