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Tödliche Unaufmerksamkeit

Bei einem Verkehrsunfall kommt in Heidenau ein 59-jähriger Radfahrer ums Leben. Der angeklagte Lkw-Fahrer bereut es. Bestraft wird er trotzdem.

Nach dem Unfall 2019: Die Ermittlungen zur Ursache beginnen.
Nach dem Unfall 2019: Die Ermittlungen zur Ursache beginnen. © Archivfoto: Marko Förster

Von Friederike Hohmann

Viele Radfahrer fahren lieber - obwohl grundsätzlich verboten - auf dem Fußweg als sich in eine Blechlawine einzureihen und sich so in Gefahr zu bringen. Wird man doch als Radfahrer auf einer Straße wie der S172 zwischen Dresden und Pirna allzu oft gefährlich eng überholt. Im besonders gefährlichen Bereich der Güterbahnstraße in Heidenau wählte ein 59-jähriger Heidenauer den aus seiner Sicht sichereren linksseitigen Fußweg, als er an einem Freitagnachmittag im September 2019 mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von der Arbeit war. Das wurde ihm zum Verhängnis, denn ein Lkw-Fahrer, der mit seinem Fahrzeug aus einer Ausfahrt kommend auf dem Gehweg stand, um in den dichten Verkehr nach rechts einzubiegen, übersah den von rechts kommenden Radfahrer, erfasste und überrollte ihn. An den schweren Verletzungen verstarb dieser noch an der Unfallstelle.

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Nun muss sich der Lkw-Fahrer, der 51-jährige Thomas S., wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Pirna verantworten. In der Verhandlung sagt er, dass er vor dem Unfall schon eine ganze Weile gewartet und den Verkehr beobachtet habe, als er sich entschied, eine Lücke zu nutzen und loszufahren. Den Radfahrer habe er nicht kommen sehen, den Aufprall auch gar nicht richtig wahrgenommen. Das Ausmaß dieses fatalen Fehlers, einer kleinen Unaufmerksamkeit, habe er schon am Unfallort erfasst. Die folgende Nacht habe er schlaflos verbracht, sich immer wieder gefragt, was er anderes hätte tun können.

Richterin Cornelia Rosen fragt immer wieder nach, was in ihm damals vorging und welche Auswirkungen das auf sein jetziges Leben hat. „Da bricht dann eine Welt zusammen“, sagt Thomas S.. Er sei seit fast dreißig Jahren Lkw-Fahrer. „Es hat nie einen Schaden gegeben. Und auf einmal ist alles anders.“ Er habe immer wieder Zweifel gehabt, ob er noch als Lkw-Fahrer arbeiten könne oder sich lieber eine andere Arbeit suchen solle. Man habe ihm aber geraten, möglichst schnell wieder Lkw zu fahren. So habe er erst auf dem Hof Runden gedreht und sich dann mit dem Fahrzeug, das er für einen Containerdienst fährt, in den Verkehr getraut.

Über das Krisenteam habe er Kontakt zur Familie des Opfers bekommen. Das sei für ihn kein leichter Schritt gewesen. Die Ehefrau und die beiden Töchter seien aber schließlich ihm gegenüber sehr offen gewesen seien. Er sei mit seiner Frau auch am Grab des Opfers gewesen, scheue aber den weiteren Kontakt zu dessen Angehörigen. Er wolle ihnen das Leben nicht noch schwerer machen.

Die Frau des Opfers ist als einzige Zeugin geladen. Die beiden erwachsenen Töchter begleiten Sie und möchten den Gerichtsprozess verfolgen. Die Witwe bestätigt, dass Thomas S. ihr sein Beileid bekundete und sie um ein Treffen bat. Sie hätten sich bei ihr zu Hause getroffen. Mit ihren Töchtern habe sie sich vorher abgesprochen, dass man ihm die Last nehmen wolle.

Ihr gehe es bei dem Verfahren weniger darum, welche Strafe Thomas S. bekommt. Sie wolle vielmehr etwas über den Unfallhergang erfahren. Sie habe davon immer wieder so viele Bilder im Kopf und möchte davon ein umfassenderes Bild haben. Das würde ihr helfen. Mit 16 habe sie ihren späteren Mann kennengelernt, 34 Jahre waren sie verheiratet. Plötzlich allein zu sein und nun ein neues Leben führen zu müssen, sei für sie sehr schwer.

In dieser Verhandlung geht es nur um die Rechtsfolgen aus dem Strafbefehl gegen Thomas S. Der Unfallhergang spielt hier keine Rolle, da Thomas S. die Tat selbst, also die fahrlässige Tötung, nicht bestreitet. Wenn die drei Monate Fahrverbot, die der Strafbefehl vorsah, vollstreckt würden, müsste sein Chef ihn entlassen, gibt er an.

Die Richterin verurteilt Thomas S. zu einer Geldstrafe von 5.400 Euro (120 Tagessätze). Ein Fahrverbot von einem Monat hält sie für erforderlich. Das würden die anderen Verkehrsteilnehmer erwarten, auch wenn so etwas jedem von uns hätte passieren können.

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