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Als das olympische Feuer nach Sachsen kam

1936 übergaben tschechoslowakische Staffelläufer im Grenzort Hellendorf die Fackel mit dem olympischen Feuer.

Das Olympia-Denkmal am Grenzübergang Hellendorf-Petrovice.
Das Olympia-Denkmal am Grenzübergang Hellendorf-Petrovice. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

"Das olympische Feuer auf deutschem Boden – jubelnder Empfang in Hellendorf“, so titelten die Dresdner Neuesten Nachrichten am 1. August 1936. Im beschaulichen Grenzort Hellendorf bei Bad Gottleuba erreichte das olympische Feuer deutschen Boden. Zwei Jahre hatte Carl Diem, Chef des Organisationskomitees der Olympischen Spiele gebraucht, um den allerersten Fackelstaffellauf zu organisieren. Deutschland und die Welt hatten etwas Vergleichbares vorher noch nie gesehen. Die Idee des jüdischen Archäologen und Sportfunktionärs Alfred Schiff setzte Diem mit propagandistischem Geschick um.

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3.000 Läufer seit Athen

Am 20. Juli 1936 hatte der Grieche Konstantin Kondyllis auf dem Olymp die erste Fackel entzündet. Mehr als 3.000 Läufer trugen die Flamme über 3.000 Kilometer durch sieben Länder, bis der Deutsche Fritz Schilgen am 1. August unter den Augen Tausender Gäste, Sportler, internationaler Berichterstatter und Nazi-Prominenz die Flammenschale im Berliner Olympiastadion entzündete.

Hellendorf war bereits Tage vorher festlich geschmückt worden. An Fahnenstangen wehten weiße Flaggen mit den olympischen Ringen neben Hakenkreuzfahnen. Girlanden, Spruchbänder und Banner schmückten den Ort und sie waren entlang der gesamten Strecke des Fackellaufes zu finden.

Überall standen die Menschen Spalier, um die brennende Fackel in den Händen der Staffelläufer zu sehen. Am Vormittag des 31. Juli setzte eine allgemeine Bewegung in Richtung Grenze ein. Von überall her näherten sich Menschen und Fahrzeuge. Auf tschechoslowakischer Seite strömten die Menschen aus den benachbarten Städten heran und sammelten sich auf den Anhöhen und entlang der Straße durch Peterswald, dem heutigen Petrovice.

Auf deutscher Seite sicherten Polizei und Feldjäger ab und regelten das Verkehrschaos regeln. Auch die SA war im Polizeihilfsdienst. Ziel der Menschenmassen war das Rondell in Rundteil, eine mit gelbem Kies hergerichtete Wendeschlaufe. Das tschechoslowakische Zollamt wurde von Menschenmassen belagert.

Gendarmerie und Zollbeamte „haben Mühe, den Andrang in regelrechte Bahnen zu lenken“, so die Dresdner Neuesten Nachrichten. Die Besucherzahl auf beiden Seiten der Grenze wurde auf mehrere Zehntausend geschätzt. Das kleine Fernsprechamt im war völlig überlastet. Die Telefonistin erlebte den wohl aufregendsten Arbeitstag ihrer Karriere. Noch nie waren an diesem verschlafenen Grenzposten so viel Presseleute mit Wünschen nach Ferntelefonaten erschienen.

Gut inszeniertes Medienspektakel

Dreihundert Meter vor der Linie stoppte der Läufer, übergab die Fackel dem Zollbeamten Wäoda, der sie wiederum dem letzten tschechoslowakischen Läufer übergab. Ingenieur Fikl, Obmann des tschechoslowakischen Athletik-Amateur-Verbandes, trug das Feuer die letzten Meter zur Grenzlinie.

Die Übernahme des olympischen Feuers „auf reichsdeutschen Boden“ wurde von den Nationalsozialisten medienwirksam in Szene gesetzt. Die letzte halbe Stunde vor der Übergabe der Fackel wurden schmetternde Reden der Nazi-Größen gehalten, die Hellendorfer Schüler und der Männergesangsverein intonierten deutsches Liedgut unter den Wimpeln der SA-Standarte und entsprechender Marschmusik. Unter dem Klang der tschechoslowakischen Nationalhymne überschritt der Läufer Fikl mit der Fackel die Grenze. Er entzündete den eigens vorbereiteten olympischen Altar unter großem Beifall.

Eine Viertelstunde dauerte die Rede von Gauleiter Mutschmann. Dann entzündete er eine Fackel am Altarfeuer und übergab sie dem ersten deutschen Fackelstaffelläufer, dem Zollassistenten und Turner Paul Goldammer. Sein Weg führte ihn hinunter ins Tal, Hellendorf entgegen. Ununterbrochen standen die Menschen einer neben dem andern, bis Hellendorf und selbst in den Wäldern bis Bad Gottleuba.

Propagandistischer Missbrauch und Erbe

Die Staffelläufer passierten den Pirnaer Marktplatz um 13.45 Uhr, die Augustusbrücke in Dresden um 15.45 Uhr. Überall wurden Feueraltare entzündet, Deutschland- und Horst-Wessel-Lieder gesungen. Die Rede des Gauleiters am Hellendorfer Grenzposten endete mit den Worten: „Adolf Hitler und das gesamte deutsche Volk kennen nur ein gemeinsames Ziel: der Erhaltung des Friedens in der Welt zu dienen.“

Zwei Jahre und zwei Monate später rückte das motorisierte Infanterie-Regiment der Wehrmacht aus Hamburg-Itzhoe über die Hellendorf-Peterswalder Straße vor, um die „Resttschechei“, wie sie die Nazis nannten, gewaltsam zu zerschlagen.

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Die olympischen Spiele von 1936 waren rückblickend Teil einer gigantischen Propagandamaschinerie, die zur Vorbereitung eines zerstörerischen Krieges diente und 1945 im völligen Untergang gipfelte. Die Nazis von damals sind verschwunden. Geblieben ist die friedvolle und völkerverbindende Idee des olympischen Fackellaufes, die ihre Wurzeln schon in der Antike hatte.

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