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Pisa-Sieger machen keine soziale Auslese

Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Pisa-Tests 2003?In der DDR gab es mal so einen lockeren Spruch: im Mittelmaß sind wir Spitze. Der trifft es wohl am ehesten. Denn wir sind vom unteren Drittel ins Feld des OECD-Durchschnitts aufgerückt.

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Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Pisa-Tests 2003?In der DDR gab es mal so einen lockeren Spruch: im Mittelmaß sind wir Spitze. Der trifft es wohl am ehesten. Denn wir sind vom unteren Drittel ins Feld des OECD-Durchschnitts aufgerückt. Erschreckend indes ist der Beleg, dass unser Schulsystem in Deutschland am wenigsten in der Lage ist, Benachteiligungen in der Sozialstruktur aufzufangen. Andere können das. Aber die Logik unseres Schulsystems ist, abzuschieben, wenn sich Probleme einstellen. Wer mit der Sprache nicht klarkommt, ab in Sonderschulen für Lernbehinderte oder in Hauptschulen. Das ist aber gleichzeitig eine soziale Auslese. Sozial schwache Schüler finden sich heute in bestimmten Schultypen überrepräsentiert wieder.

Welche Lösungsansätze sehen Sie?Den, den jene Schulsysteme wählen, die bei Pisa-Tests an der Spitze sind. Und die setzen auf Integration der Schüler. Zum Beispiel in Gemeinschaftsschulen mit einem Pflichtschulbereich für alle und mit heterogenen Lerngruppen. Da werden schwache Schüler nicht hängen gelassen oder abgeschoben. Dass dadurch die leistungsstarken Kinder nicht behindert werden – wie landläufig immer wieder behauptet wird –, beweisen Pisa-Sieger-Länder wie Kanada oder Finnland. Also: Fördern wir die Gemeinschaftsschule. Entsprechende Initiativen gibt es ja in Sachsen, ich meine nur: zu halbherzig. Allerdings räume ich gern ein, dass das sächsische Schulsystem ein bisschen weniger selektiv ist als Systeme im Westen. Das liegt daran, dass es hier einen Schultyp weniger gibt. Das hat aber auch mit der Mentalität der Lehrer zu tun, die zum Großteil DDR-sozialisiert und gewöhnt sind, alle Schüler zum Abschluss zu führen.

Wo sehen Sie in dieser Frage die Eltern? Tun sie sich nicht schwer mit Integration, wenn es um das Wohl des eigenen Kindes geht?Ja, vor allem aus der so genannten Mittelschicht. Die glauben, ihre Kinder gingen unter in der Masse. Das ist aber nicht so. Im Gegenteil. Leistungsstarke Schüler gewinnen an sozialer Kompetenz, wenn sie schwächeren helfen. Ich meine, dass ist in der Wirtschaftswelt nicht unwichtig.

Wenn Deutschland ins Mittelfeld aufgerückt ist, hat der Pisa-Schock von 2000 doch gewirkt?Natürlich. Die Kultusminister haben sich auf gemeinsame Standards verständigt. Oder denken Sie an die Sensibilisierung für die Ganztagsschule. Geblieben sind Eifersüchteleien der Kultusminister. In Kanada zum Beispiel wird Schule weniger parteipolitisch verbissen behandelt, dort wird beobachtet, was macht die andere Provinz besser, was können wir abgucken. Das kann ich hier so nicht sehen.

Das Gespräch führte Carola Lauterbach.