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Pizza zum Abschied

Das Asylbewerberheim schließt. Der Strom an Flüchtlingen ist abgeebbt. Strukturen lösen sich auf. Das Willkommensbündnis will aber abrufbereit bleiben.

© André Braun

Von Marcus Möller

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Das ehemalige Heizkraftwerk in Leipzig Lindenau/Plagwitz hat sich innerhalb von kurzer Zeit in ein Zentrum für digitale Kunst und Kultur verwandelt.

Roßwein. Das Asylbewerberheim Roßwein wird Anfang nächsten Jahres geschlossen sein. Grund hierfür ist allerdings nicht der Protest rechtsextremer Bewegungen: In einigen Facebook-Gruppierungen war nach Bekanntwerden der Schließung der Eindruck vermittelt worden, die Schließung stehe im Zusammenhang mit den Forderungen besorgter Bürger. Tatsächlich aber ist die Geschichte des Asylbewerberheims Roßwein ein Erfolg für jene, die sich den Flüchtlingen geöffnet haben, anstatt abzuschotten. „Wir haben in diesen anderthalb Jahren einen Grundstein gelegt“, sagt Uwe Glawion, ehrenamtlicher Helfer der ersten Stunde und zuletzt Koordinator der Flüchtlingsarbeit. Trotz aller Widrigkeiten sei es insgesamt ruhig und ordentlich zugegangen, die Arbeit mit den Menschen erfolgreich verlaufen. Nun wird das Bündnis „Willkommen in Roßwein“ vorerst ruhen. „Bei Bedarf werden wir wieder bereit sein“, sagt Peter Freund, der Pressesprecher der Gruppe. Angesichts der kürzlich ausgesprochenen Drohung des türkischen Staatschefs, die Grenzen wieder zu öffnen, ist derzeit fraglich, ob die sinkenden Flüchtlingszahlen ein Zustand von Dauer sein werden.

„Es ist schade, dass funktionierende Strukturen nun wieder aufgelöst werden“, findet Freund. Man müsse aber akzeptieren, dass bei sinkenden Flüchtlingszahlen Standortentscheidungen getroffen werden. Betreute man zu Spitzenzeiten noch bis zu 270 Menschen in den Gebäuden der ehemaligen Ingenieurschule waren es zuletzt nur noch 70.

Die Hälfte hat bereits einen anerkannten Asylstatus – das heißt, sie sind gesetzlich Hartz-IV-Empfängern gleichgestellt, haben eine Arbeitserlaubnis und Anspruch auf eine Wohnung. In Roßwein selbst, schätzen Freund und Glawion, wird man für 15 bis 20 Flüchtlinge Wohnraum finden. Diese werden weiterhin durch das Bündnis betreut. Außerdem gibt es eine vom Landkreis organisierte Betreuung für Flüchtlinge, die nicht mehr in Heimen leben, sowie Migrationsberatungsstellen, wohin sich Flüchtlinge bei Fragen wenden können. Die 35 Asylbewerber, die noch auf ihren Bescheid warten, ziehen in die Unterkunft nach Hainichen um.

Zu ihnen gehört auch der Syrer Mouaz Aldakkak. Der 23-Jährige ist seit September 2015 in Deutschland. Während gut 200 in Roßwein angekommene Syrer meist sehr schnell ihren Asylbescheid bekamen, wartete Mouaz bislang vergeblich auf Post von den Behörden. Eine frustrierende Situation für einen jungen Mann, der trotz aller Widrigkeiten sehr tatkräftig erscheint.

Ohne Deutschkurs lernte er die Sprache – kaufte sich stattdessen Bücher und ein Radio. Die autodidaktische Lernweise scheint ihm zu liegen: Mittlerweile spricht und versteht Mouaz Deutsch sehr gut und ist stolz, das Sprachlevel A2 eigenständig erreicht zu haben. Im Heim gilt er als beliebter Dolmetscher. In Syrien studierte Mouaz Hotelmanagement. Nach dem Studium jedoch hätte er zur syrischen Armee und somit in den Krieg gemusst. Für Mouaz unvorstellbar: „Ich möchte keine Waffe halten.“

So entschied sich Mouaz für die Flucht. Seine Eltern und Verwandte sammelten Geld, um ihm diese zu ermöglichen. Etwa 3000 Euro waren nötig. Er versucht, einmal in der Woche seine Eltern zu kontaktieren, was aufgrund der Zustände in Syrien derzeit nicht immer möglich ist. Umso mehr belastet ihn der derzeitige Schwebezustand, nicht arbeiten zu dürfen. „Ich würde gern in eine größere Stadt ziehen, in der es mehr Leute in meinem Alter gibt“, sagt Mouaz. Stattdessen geht es für ihn wohl erst einmal nach Hainichen.

Ein ähnlicher Schwebezustand besteht derzeit auch, was die Stelle von Koordinator Uwe Glawion angeht. Bis zum 31. Dezember dieses Jahres ist sie vorerst befristet. Alles andere ist offen.

Das Inventar und die Kleiderspenden des Heims sowie das Material für den Deutschunterricht wird das Bündnis an andere Einrichtungen verteilen. Was die Fahrradwerkstatt angeht, so sei es eine Frage des Fördergeldes, sagt Peter Freund. Grundsätzlich sei die Fahrradwerkstatt ohnehin für alle Bürger gedacht – nicht nur für Asylbewerber. (mit sig)