merken
PLUS Görlitz

Als Granaten auf Sankt Jakobus fielen

Es ist der 6. Mai 1945, zwei Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges in Görlitz. Die Stadtbild prägende Kirche erleidet schwere Zerstörungen.

Von der schweren Artillerie aufgeschlitzter Turmschaft
der Jakobus-Kirche
Von der schweren Artillerie aufgeschlitzter Turmschaft der Jakobus-Kirche © Bistumsarchiv

Von Thomas Backhaus

Die Erde wankt: „Die schwersten, erdbebenartigen Erschütterungen erfolgen morgens gegen 2.30 Uhr und 4.30 Uhr“ schreibt Pfarrer Franz Scholz als Zeitzeuge in seinem Görlitzer Tagebuch. Es ist der 6. Mai 1945, zwei Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Görlitz ist herrenloses Land, nachdem die Wehrmacht fast lautlos Kasernen und Stadt verlassen hat. Zuvor wurde die Stadt an der Neiße am 30. März zur Festung erklärt. Sämtliche Neißebrücken wurden von den abrückenden Wehrmachtseinheiten gesprengt. Rathaus und Görlitzer Türme entgehen der geplanten Sprengung.

Anzeige
Charlie Cunningham eintrittsfrei erleben!
Charlie Cunningham eintrittsfrei erleben!

Der Palais Sommer 2021 findet statt – mit deiner Unterstützung!

Turmschaft wird von oben nach unten aufgeschlitzt

Die katholische Kirche Sankt Jakobus steht hoch auf dem Plateau hinter dem Bahnhof mit dem stadtwärts weisenden 68 Meter hohen Turm. Dieser bietet sich den von Norden kommenden Einheiten der Russischen Front geradezu an. Die Richtkanoniere der schweren Artillerie haben ihre Grundgeschütze auf den Turmschaft der Jakobuskirche ausgerichtet. Sie feuern gezielt ihre Granaten auf das Gotteshaus. Der Turmschaft wird von oben nach unten aufgeschlitzt. Die Detonationen haben eine solche Wucht, dass die Meter starken, Tonnen schweren Pfeilervorlagen, die den mächtigen Turm aussteifen, wie große Bauklötzer seitlich weggedreht werden.

Das dokumentieren Fotos, die unmittelbar nach dem Angriff gemacht wurden. Bei der äußeren Instandsetzung der heutigen Bischofskirche in den Jahren 2012-2015 wurde festgestellt, dass die Einschüsse der Artillerie sich wellenförmig im Kirchgebäude ausgebreitet haben müssen. Anders ist es nicht zu erklären, als dass es zu Rissbildungen und Verformungen in fast allen gemauerten Fensterbögen und Gewölben kam.

Diese haben sich bis zum Chorscheitel-Fenster an der Ostseite über dem Hauptaltar fortgesetzt. Beschädigt wurden durch den Artilleriebeschuss Dachkonstruktion, Turmhelm, alle Kirchenfenster und Orgel, sodass in wenigen Stunden eine Ruine entstand. Die letzte noch verbliebene Glocke kam zum Absturz, zerstörte Gewölbe.

Bomben und Bordwaffenbeschuss

Doch nicht genug. Bombenabwürfe und Bordwaffenbeschuss durch russische Tiefflieger bringen die Stadt im Februar und April zunehmend in Bedrängnis. Strategisches Ziel der Fliegerstaffeln ist der Görlitzer Hauptbahnhof. Hier drängen sich Hunderte Vertriebene aus Schlesien und den Ostgebieten, die weiter nach Westen wollen. Die in einem Bogen angreifenden Tiefflieger werfen auch Bomben auf die hinter dem Bahnhof liegenden Grundstücke Jakobus-Kirche, Sankt Otto-Stift und Luisen-Stift ab.

Die heutige Kathedrale des Bistums Görlitz hatte Glück im Unglück. Eine 250 Kilo- Fliegerbombe fällt in die südseitige Dachfläche vor der Orgelempore. Sie zerschlägt eine Mittelpfette, einen Querbalken der Dachkonstruktion, durchbricht eine Gewölbekappe und landet wie ein Wunder „weich“ im hölzernen Bankgestühl nahe dem Mittelgang.

Blick durch die zerstörte Fensterrosette Ostseite Turm auf das nördliche Querhaus der Jakobus-Kirche und zur Heilig-Geist-Kirche
Blick durch die zerstörte Fensterrosette Ostseite Turm auf das nördliche Querhaus der Jakobus-Kirche und zur Heilig-Geist-Kirche © Bistumsarchiv
Die schwere Artillerie hat am 6. Mai 1945 starke Kriegsschäden an der Jakobus-Kirche verursacht.
Die schwere Artillerie hat am 6. Mai 1945 starke Kriegsschäden an der Jakobus-Kirche verursacht. © Bistumsarchiv
Die Schäden des Artilleriebeschusses in Gewölberäumen vor der Orgelempore sind heute noch sichtbar.
Die Schäden des Artilleriebeschusses in Gewölberäumen vor der Orgelempore sind heute noch sichtbar. © Thomas Backhaus

Von dort wird die Bombe, so wurde von Gemeindegliedern berichtet, schadlos aus der Kirche herausgerollt. Hätte der Zünder die Explosion ausgelöst, wären die Pfeiler der dreischiffigen Hallenkirche zum Einsturz gekommen, infolge Gewölbe und Außenwände ins Kirchenschiff gestürzt. So wurde die Kirche zwar stark geschädigt, blieb aber in ihrer Grundkonstruktion doch erhalten.

Spannende Entdeckung bei der Restaurierung

Die fast unglaubliche Geschichte findet während der gerade angelaufenen inneren Instandsetzung der Bischofskirche vor wenigen Tagen ihre Bestätigung. Frau Kohla, die beauftragte Architektin, entdeckt im Kapitell-Bereich des Mauerpfeilers vor der Orgelempore Kriegsschäden, die nur vom Gerüst aus erkennbar sind. Herabstürzende Mauerziegel der Gewölbekappe oder die Fliegerbombe selbst müssen diese verursacht haben. Anhand der Schadensfeststellung bei der erwähnten äußeren Instandsetzung konnte bereits die abgefälschte Flugbahn des Blindgängers quasi rekonstruiert werden.

Unmittelbar nach dem Krieg wurden unter schwierigsten Bedingungen an der Jakobus-Kirche Notreparaturen durchgeführt, denen in den nächsten Jahren umfangreiche Instandsetzungen am gesamten Kirchenbau bis in die Gegenwart folgten. Bis heute, ein Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende, dauert die Heilung an, was Kriegshandlungen in nur wenigen Stunden zerstörten.

Der Autor ist Bauamtsleiter beim Bistum Görlitz.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz