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Abschied von der Heimatstube

Großenhains Museumschef Jens Schulze-Forster legt ein erstaunliches Konzept vor und lässt Stadträte sprachlos zurück.

Von Birgit Ulbricht

Es ist unglaublich. Das Großenhainer Museum „Alte Lateinschule“ hat seit fast 30 Jahren kein grundlegendes Konzept. Zwar haben die jeweiligen Museumsleiter wie Dietrich Heerde, Katja Sinn oder Frauke Hellwig Projekte umgesetzt und dabei auch immer auf die großen strukturellen Probleme des Hauses aufmerksam gemacht, doch nun liegt zum ersten Mal ein Konzept fürs ganze Museum vor. Vorgelegt hat es Dr. Jens Schulze-Forster den Stadträten. Was er beschreibt und dokumentiert, dürfte auch Uninteressierte aufhorchen lassen, weil es an den Grundfesten des kommunalen Selbstverständnisses rührt.

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Nirgendwo gibt es weniger Geld für Personal als in Großenhain

Die Museen (dazu gehören die Alte Lateinschule, das historische Klassenzimmer und das Bauernmuseum Zabeltitz) verfügen gerade mal über 1,5 Stellen. Damit ist Großenhain unter den hauptamtlich betriebenen Museen im Kulturraum Meißen am schlechtesten ausgestattet. Nur durch Überstunden, Wochenendarbeit, qualitative Abstriche und begrenztes Leitungsangebot kann der Betrieb überhaupt aufrecht erhalten werden. Gestützt wird das Museum durch die drei bis vier ABM-Mitarbeiter mit 30 bis 40 Wochenstunden. Nachteil: Sie bleiben nur ein halbes Jahr und dürfen nur zusätzliche Dinge, keine Pflichtaufgaben erledigen. Sie sind fachlich nicht ausgebildet, zum Teil vor Gästen nicht einmal auskunftsfähig. Zu bedenken gibt Schulze-Forster auch die institutionelle Anbindung an die Stadt. Zwar wird das Museum dadurch vom Bauhof, Stadtmarketing und den anderen Fachämtern unterstützt – aber es bleibt eine rein freiwillige Leistung der Stadt. Das Museum ist damit zudem Verwaltungszwängen und Hierarchien unterworfen, die die Freiheit von Personalentscheidungen, Auftragsvergabe, Öffentlichkeitsarbeit und fachlicher Arbeit beschneiden. Deshalb sollten die Vor- und Nachteile einer anderen Rechtsform (GmbH, Stiftung) offen diskutiert werden.

Verwinkelt, eng, unklimatisiert – schlechte Noten für die Räume

Das Museum ist zu klein. Aber nicht nur das: Das Konzept des Museumschefs offenbart eklatante Missstände, die baulich und inhaltlich nie angegangen wurden. 1954 zog das Museum in die Alte Lateinschule. Bis heute gibt es weder einen barrierefreien Zugang noch einen Aufzug. Die Ausstellungsräume sind verwinkelt. Ein Raum für Veranstaltungen fehlt. Wenn welche stattfinden, kommen Stühle ins Foyer, ein Ausstellungsraum muss dann teilweise ausgeräumt werden! Der Hof hat eine offene Rückfront, im Sommer fehlt der Sonnenschutz. So kann auch der kaum für Veranstaltungen genutzt werden. Ob Archiv, EDV – die keinen Zugang zum Rathaus-Server hat – Ausstellung oder Büros – überall herrscht Platznot. Die Mülltonnen stehen in der Besuchertoilette. Mauerrisse, Putzschäden drinnen, draußen keine Wärmedämmung. Räume und Vitrinen sind nicht klimatisiert – das ist nicht mehr Standard. Schulze-Forster erklärt, dass nach dem vorläufigen Aus für einen Museumsneubau in der Alten Kelterei am Schloss lediglich Korrekturen im alten Museum möglich sind: Das Kellergewölbe könnte man für Ausstellungen nutzen, den Dachboden für Büros und Lager. Der Hof könnte mit einem zweiten Geschoss aufgestockt werden, Empfang und Aufzug durch Anbauten herausverlagert werden, auch der Zukauf des Nachbarhauses wäre noch denkbar.

Gesammelt wurde fast nur aus Haushaltsnachlässen

43 000 Stücke hat das Museum – meist aus Haushaltsnachlässen sind sie aber eher Gegenstände der Alltagskultur als Kulturgut. Hochwertige Kunstwerke spielten nie eine Rolle, so Schulze-Forster. Es gibt auch nur wenige „Kabinettstücke“ wie frühe Buchdrucke oder die Ratswaage. Die meisten Stücke befinden sich im Depot im Alberttreff. Zu sehen ist nur ein Bruchstück. Neben dem Problem, die Sammlung neu auszurichten und die Stücke zu erhalten, kommt ein fiskalisches Problem hinzu. Pro Jahr besuchten zuletzt zwischen 1700  und 5000 Gäste das Museum. Doch die wenigsten bezahlen, weil die freien Eintritte vor allem zu Stadtfest, Bauernmarkt oder Ausstellungseröffnungen zustande kommen. Extremfall war die Zürner-Ausstellung: 68 Prozent des Publikums zahlten keinen Eintritt. Unterrepräsentiert sind bei den Besuchern Familien mit Kindern, höhere Klassen, Auswärtige und Seniorengruppen.

Zwei Dinge braucht ein erfolgreiches Museum aus Sicht von Schulze-Forster jetzt: „Sich von Schönheitsreparaturen zu verabschieden und qualifizierte Mitarbeiter heranzuholen.“