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Acht Menschen fuhren in den Tod

Am Montag wird die Strecke Niesky-Horka feierlich eröffnet. Doch genau an dem Tag vor 30 Jahren passierte bei Zentendorf ein tragisches Zugunglück.

Von Ralph Schermann
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Acht Waggons der zwei Eisenbahnzüge waren bei dem Aufprall entgleist, beide Lokomotiven brannten aus. Der Unfall am 3. Dezember 1988 bot den eintreffenden Rettungskräften ein Bild des Grauens.
Acht Waggons der zwei Eisenbahnzüge waren bei dem Aufprall entgleist, beide Lokomotiven brannten aus. Der Unfall am 3. Dezember 1988 bot den eintreffenden Rettungskräften ein Bild des Grauens. © Dieter Opitz/Sammlung Schermann

Das Gleis zwischen Horka und Wegliniec (Kohlfurt) zählt zu den meistbefahrenen Eisenbahnstrecken der Region. Jeder kennt dieses dem Güterverkehr dienende Bahnstück, das zwischen Zentendorf und der Kulturinsel Einsiedel über eine Neiße-Brücke führt und soeben erst aufwendig zweigleisig ausgebaut und elektrifiziert wurde. Kurz vor der Neiße schwingt sich die Straße nach Rothenburg mit einer Brücke darüber, und genau an dieser Stelle, am Gleiskilometer 14,1, ereignete sich am 3. Dezember 1988 ein folgenschweres Unglück: Zwei Züge stießen aufeinander.

Weil die Katastrophe direkt an der Straßenbrücke geschah, waren Kraftfahrer die ersten Zeugen. Um 7.45 Uhr sahen Christoph S. und sein Beifahrer Sven F. das entsetzliche Bild. Die beiden Rothenburger waren mit einem Fahrzeug für den Martinshof unterwegs und fuhren sofort zum nächsten Telefon, um Hilfe zu organisieren. Auch Hans-Georg G., Fahrdienstleiter im Bahnhof Horka, wurde informiert. Er hatte das Unglück bereits geahnt, wie sich herausstellen sollte.

Um das Geschehen am Kilometer 14,1 zu verstehen, muss zunächst der damals übliche Ablauf erklärt werden: Horka war ab 1946 für den Güterverkehr zu einem Grenzbahnhof ausgebaut worden. Die gesprengte Neißebrücke wurde von sowjetischem Militär schnell wiederhergestellt und später ordentlich ausgebaut, blieb allerdings eingleisig. Am Kilometer 12,7 befand sich der Bahnhof Niederbielau, der als Haltepunkt Bielawa Dolna auf polnischer Seite für die Zugabfertigungen ausgestaltet wurde. Begegnungen von Zügen erfolgten immer in Horka oder in Bielawa Dolna.

Weil auf eingleisigen Strecken immer nur eine Richtung befahrbar war, warteten die Gegenzüge an diesen beiden Stellen. Auch am Sonnabend, dem 3. Dezember 1988, sollte der aus Polen kommende Transit-Durchgangsgüterzug TDg 45508 auf einen aus der DDR kommenden Zug in Bielawa Dolna warten. Dieser war der Dienstpersonenzug Dstp 2241. Solche internen Züge bestanden aus der Lok und drei Reisezugwagen und beförderten Eisenbahner sowie Grenz- und Zollbeamte zwischen den beiden Grenzbahnhöfen.

Um 7.33 Uhr hatte Hans-Georg G. über die bahneigene Telefonleitung seinem Kollegen in Bielawa Dolna den zu erwartenden Güterzug bestätigt und den Dienstpersonenzug gemeldet. Vom polnischen Bahnhof aus kamen die Abfahrerlaubnis, die Streckenfreimeldung und blockelektrisch die Bestätigung. Bei Passkontrolle und Zollverwaltung war der Zug ebenfalls freigegeben, sodass er sich laut Fahrplan pünktlich 7.36 Uhr in Bewegung setzte. Vorschriftsmäßig meldete Fahrdienstleiter G. die Ausfahrt nach Bielawa Dolna weiter. Doch nur sieben Minuten später klingelte in Horka das Zugmeldetelefon, und ein aufgeregter polnischer Fahrdienstleiter radebrechte: „Klassa halt über Radiotelefon, Katastropha, 508 na schlag.“ Hans-Georg G. saß wie erstarrt. „508 na schlag“ hieß nichts anderes, als dass der polnische Güterzug das Signal Halt überfahren hatte und in Richtung DDR weiterzog. „Klassa“ heißen die Personenwagen, doch diese über „Radiotelefon“ aufzuhalten, war undenkbar. Im Gegensatz zur polnischen Eisenbahn gab es auf der Horkaer Strecke keinen Zugfunk. Hans-Georg G. wusste also in diesem Moment, dass wenige Kilometer von ihm entfernt ein Unglück seinen Lauf nahm.

Dass er es selbst mit Zugfunk nicht mehr verhindern hätte können, war ein schwacher Trost. Der Fahrdienstleiter sperrte die Gleise. Bahnhofsdispatcher L. machte sich von Horka aus zur Lageerkundung auf den Weg an die Unfallstelle. Dort waren nach den Hilferufen der beiden Kraftfahrer bereits drei Krankenwagen und vier Feuerwehrfahrzeuge eingetroffen. Die Lokomotiven standen in Flammen. Acht Wagen waren entgleist. Uta P. und Christian M. wurden verletzt ins Görlitzer Bezirkskrankenhaus gefahren, die polnischen Bürger Rudi G. und Josef S. ambulant behandelt. Für weitere Menschen kam jede Hilfe zu spät. Fünf Deutsche und drei Polen starben beim Zug-Zsammenstoß, darunter die Lokführer Enrico H. und Piotr D.

Die Wucht des Zusammenstoßes zerstörte rund 200 Meter Gleis. Sieben mit Steinkohle beladene Waggons erlitten ebenso Totalschaden wie zwei deutsche Reisezugwagen und beide Diesellokomotiven. Auf über 1,9 Millionen DDR-Mark wurde der Schaden geschätzt. Zahlreiche Feuerwehren der Umgebung rückten an, eine Formation der Zivilverteidigung, Mitarbeiter der Forstwirtschaft Niesky. Die polnische Bahn schickte einen kompletten Hilfszug, die Deutsche Reichsbahn Schienenkräne, Gleisraupen und schwere Rettungsscheren. Bei der Offiziershochschule der Nationalen Volksarmee in Löbau wurden Bergepanzer der Pioniertruppen angefordert. Erst am späten Sonntagabend waren die Beräumungsarbeiten beendet.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ermittelten sehr gründlich und gaben auch Gutachten an der Hochschule für Verkehrswesen in Auftrag. Fest stand: Der polnische Lokführer hatte das Haltsignal in Bielawa Dolna überfahren. Ob er es tat, weil die Bremsen versagten, war nicht mehr herauszufinden, wurde aber auch nicht ausgeschlossen. Alle Wagen der Züge wurden in der Cottbusser Reichsbahnverwaltung der Wagenwirtschaft ausgiebigen Bremskontrollen unterzogen. Der Sachverständige M. stellte zwar mehrere defekte Teile an den Druckluftbremsen der Güterwaggons fest, bescheinigte dem polnischen Zug aber dennoch ausreichende Bremskraft. Im September 1990 stellte die Staatsanwaltschaft alle Ermittlungen endgültig ein.

Heute ist die Strecke nach wie vor ein Güterschwerpunkt. Mit dem Ausbau wurde freilich auch die Sicherungstechnik erheblich verbessert. Dienstpersonenzüge indes gibt es seit 1998 nicht mehr, die Mitarbeiter von Bahn und Zoll sind heute auf das eigene Auto angewiesen.

In Löbau hat der MDR das Zugunglück nachstellen stellen.