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Dresden

"Wow, wie schaffst du das?"

Daniela Martin ist 43, dreifache Mutter, Ehefrau und Krankenschwester. Nun studiert sie auch noch Medizin. 

Praktikum in der Urologie des Dresdner Universitätsklinikums: Daniela Martin ist auf der Zielgeraden, den Arztkittel darf sie schon tragen.
Praktikum in der Urologie des Dresdner Universitätsklinikums: Daniela Martin ist auf der Zielgeraden, den Arztkittel darf sie schon tragen. © Christian Juppe

Die erste eigene Praxis, mit 63 Jahren, mitten auf dem Land. Daniela Martin ist 20 Jahre jünger als diese Ärztin, die damit kürzlich in aller Munde war. Aber auch sie geht einen ungewöhnlichen Weg. Einen, den Freunde und Bekannte mit Staunen beobachten.

„Das höre ich immer wieder: Medizinstudium? Wow, wie schaffst du das nur?“, erzählt Daniela. Die 43-Jährige zuckt etwas ratlos mit den Schultern. Was soll sie dazu schon sagen? Es war ihr sehnlicher Wunsch, es war der richtige Zeitpunkt, und alles fühlt sich gut an. Trotz der Herausforderungen, vor denen ihre viel jüngeren Kommilitonen nicht stehen: Wäsche einer fünfköpfigen Familie waschen zum Beispiel, Elternabende, Kindergeburtstagsfeiern, Hausaufgaben (nicht nur die eigenen), Wochenendeinkäufe im großen Stil und alles, was Zeit und Zuwendung braucht, wenn das Leben bereits komplett ist. Oder war es das doch nicht?

„Als Schülerin hatte ich den Wunsch, Chirurgin zu werden“, erinnert sich Daniela Martin. Doch die Idee verschwand, wie ein Traum, an den man sich lange nicht erinnert, bis er plötzlich aus der Versenkung auftaucht. Bis dahin war die gebürtige Freitalerin glücklich in ihrem Beruf. Mit ihrem 1,8er Abi wäre ein Medizinstudium vielleicht erst nach einer gewissen Wartezeit im Nachrückverfahren möglich gewesen. Doch das war nicht der erste Grund, weshalb sich Daniela Martin am Uniklinikum um eine Ausbildung zur Krankenschwester statt um einen Studienplatz in der Medizin bewarb. „Damals gab es eine Ärzteschwemme, Ärzte im Praktikum mussten sich sogar eine Stelle teilen.“ Unter diesen Umständen sah Daniela keine gute Zukunft als Medizinerin für sich. Lieber wurde sie Krankenschwester, und diese Entscheidung fühlte sich nie wie eine zweite Wahl an. Aus dem ursprünglichen Plan B wurde Danielas Traumberuf. So sehr, dass der Berufstraum von einst völlig verschwand.

Den Abschluss in der Tasche, wechselte sie Ende der 1990er-Jahre auf die Intensivstation des Herzzentrums Dresden. Das war damals noch ganz neu, eine aufregend schöne Zeit, kurz unterbrochen von der Geburt ihrer ältesten Tochter und der Erziehungszeit. „Danach war ich voller Elan und habe meine Fachausbildung für Anästhesie und Intensivpflege begonnen.“ Mehr Können, mehr Verantwortung, mehr Engagement, das gefiel der jungen Mutter. Andere an ihrer Stelle treten im Job kürzer – Daniela suchte nach jedem ihrer insgesamt drei Kinder eine neue Entwicklung im Beruf. „Als 2012 mein Sohn geboren wurde, habe ich ein Jahr Pause gemacht und diesen Wunsch nach Veränderung ganz besonders gespürt.“ Plötzlich war er wieder da, der Berufstraum aus Mädchentagen: Ich will Ärztin werden.

Zuerst habe sie mit ihrem Mann darüber gesprochen, später mit den anderen Familienmitgliedern. Ein solches Vorhaben würde nicht nur nicht einfach. Es würde alle ringsherum mit betreffen, angefangen beim Geld, das die Familie zum Leben braucht, über Arbeitsteilung und die Stütze Omas und Opas, ohne die schon im normalen Berufsleben wenig geht. Bafög steht Daniela nicht zu. Zuerst dachte sie, eine halbe Stelle als Krankenschwester zu behalten, könne funktionieren. „Doch das ist kräftemäßig einfach nicht zu schaffen.“ Vierzig Stunden arbeitet die Direktstudentin nun nebenher, häufig an Wochenenden, wenn es keine Lehrveranstaltungen gibt. Als selbstständiger Diplominformatiker kann ihr Mann häufig im Homeoffice arbeiten.

„Wir haben uns gut organisiert“, sagt Daniela Martin heute. Fast sechs Jahre lang zieht sie nun schon durch – mit zwei Semestern Babypause. Vor vier Jahren kam ihre jüngste Tochter zur Welt. „Ich habe mir angewöhnt, langfristig zu planen. Es macht sonst extrem Stress, wenn man das Lernen für eine Prüfung auf die letzte Minute verschiebt und dann plötzlich ein Kind krank wird.“ Zum Pauken zieht sich Daniela Martin in die Bibliothek zurück, der Trubel zu Hause ließe ihr keine Ruhe. Auf diese Weise hat sie es geschafft, keine einzige Prüfung zu vermasseln und wiederholen zu müssen.

Wenn Daniela erzählt, hört sich alles ganz leicht und selbstverständlich an. Das mag daran liegen, dass sie sich immer gut unterstützt gefühlt hat – von ihrer Familie, den Vorgesetzten und Kollegen währen der Praktika und letztlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Es reicht das sogenannte Deutschlandstipendium aus. Auf immerhin 300 Euro Zuschuss zum Lebensunterhalt kann sich die Studierende verlassen. Die Hälfte davon übernimmt der Bund, die andere trägt die Asklepios Klinik Radeberg. Dort wird Daniela Martin ihr praktisches Jahr, das zur Medizinerausbildung gehört, absolvieren.

Und dann? Chirurgie? Nein, sagt Daniela. Dieser Traum ist ausgeträumt. Künftig zieht es die Ärztin in spe zur Kinderheilkunde. Auch Innere Medizin und Gynäkologie interessieren sie. Sich endgültig zu finden, dafür nutzt sie ihr praktisches Jahr. Aber was ist schon endgültig.

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