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Ältester Saatreiter ist zum 60. Mal dabei

An der Prozession in Ostritz nahmen 86 Reiter teil. 4 000 Leute sahen zu. Dass es so wenige waren, hatte seinen Grund.

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Von Jan Lange

Dass beim Saatreiten die Temperaturen nur knapp über dem Nullpunkt liegen, ist für Klemens Deckwart nichts Neues. Schließlich war der Ostritzer in diesem Jahr zum 60. Mal bei der feierlichen Prozession dabei – so oft wie kein Ostritzer Saat-reiter vor ihm. Und seit seinem ersten Ritt hat er eine Menge erlebt. „Wir hatten schon Regen und Schneegestöber“, erzählt der 74-Jährige. In den 50er Jahren hatte es mehrere Jahre hintereinander geregnet, erinnert sich der langjährige Saatreiter.

Zweimal musste in den vergangenen 60 Jahren das Saatreiten sogar verschoben werden – 1970 und 1977. „Damals lag am Sonntagmorgen ein halber Meter Schnee, so dass wir gar nicht rauskamen“, erzählt Klemens Deckwart. Das verspätete Saatreiten habe nach seiner Meinung aber nicht die Atmosphäre gehabt wie zu Ostern. Sicher wurde auch deshalb seit mehr als 35 Jahren die österliche Prozession nicht mehr verschoben.

In jüngerer Zeit hatten die Saatreiter viel Glück mit dem Wetter. So waren die Temperaturen im Vorjahr bereits in den zweistelligen Bereich angestiegen. Dieses Jahr nun hatte das Glück die Reiter verlassen. Es lag zwar kein meterhoher Schnee wie 1970 und 1977, aber es war sehr kalt. Und der Weg über die Felder rund um Ostritz total vereist. „Da hätten sich Pferd und Reiter die Knochen gebrochen“, meint Deckwart. Eine Verschiebung der Prozession war dennoch kein Thema, vielmehr wurde die Strecke verkürzt. Waren die Reiter sonst über den Bergfrieden, auf der Betonstraße entlang zurück in die Stadt geritten, ging es diesmal vom Kloster St. Marienthal auf der B 99 zurück zum Ostritzer Markt. Das letzte Mal hatten die Saatreiter 1982 eine kürzere Strecke absolviert.

Immer noch den alten Zylinder

Aber nicht nur die Strecke war am Sonntag kürzer, auch der Zug an sich war kleiner. Insgesamt 86 Reiter beteiligten sich an der Prozession. In den vergangenen Jahren waren es regelmäßig zwischen 95 und 100. „Wir hatten wegen der niedrigen Temperaturen mit noch weniger gerechnet“, sagt Deckwart. Gefehlt haben dieses Mal beispielsweise die Polen. Im Jahr 2008, zum 380. Saatreiten, hatten erstmals Reiter aus den Orten jenseits der Neiße an der Prozession teilgenommen.

Mit 86 Reitern hatte die österliche Prozession aber noch längst nicht ihren Tiefpunkt erreicht. Zu DDR-Zeiten konnten aufgrund fehlender Pferde in manchen Jahren nur etwa 50 Reiter teilnehmen. „Es ging in einem Jahr bis 46 runter“, weiß Deckwart. Nach der Wende gab es dann wieder genügend Pferde und die Zahl der Reiter pegelte sich auf über 90 ein. Mit dabei waren in den vergangenen Jahren auch immer katholische und evangelische Pfarrer. Diesmal war die katholische Seite durch die beiden Dresdner Pfarrer Bernhard Gaar und Vincenz Brendler vertreten. Gaar war in den 80er Jahren Kaplan in Ostritz und damals bereits mitgeritten, Brendler wiederum stammt aus Drausendorf und ist aus diesem Grund mit der Region verbunden.

Einige langjährige Reiter fehlten dafür. Werner Kuben, der bisher 52 Mal dabei war, konnte krankheitsbedingt nicht teilnehmen. Und Werner Rimpler, der ebenfalls mehr als 50 Mal mitgeritten war, hat aufgehört. „Er fing mit mir an“, berichtet Klemens Deckwart. „Aber er setzte ein paar Jahre aus, sonst wäre er genauso oft dabei gewesen wie ich“, fügt der Saatreiter-Jubilar hinzu.

Dass er selbst seit 1954 jedes Jahr dabei sein konnte, hatte auch etwas mit Glück zu tun. Denn spätestens die Armeezeit bedeutete für viele Saatreiter eine Auszeit. „Wegen eines Unfalls mit dem Pferd hatte ich ein steifes Fußgelenk und musste deshalb nicht zur Armee“, begründet Klemens Deckwart seine durchgängige Teilnahme.

Und auch in diesem Jahr schreckte ihn die Kälte nicht ab. Der 74-Jährige trug einen dicken, schwarzen Wintermantel. Traditionell tragen die Saatreiter einen schwarzen Frack und Zylinder. Sein Frack ist der zweite oder dritte innerhalb von 60 Jahren, so genau weiß es Klemens Deckwart gar nicht mehr. Beim Zylinder trägt er immer noch den ersten. „Er war mal kaputt und ich musste ihn in Altenberg neu beziehen lassen“, erzählt der Ostritzer.

Viel mehr Wechsel gab es bei seinen Pferden. In den Vorjahren war er immer mit verschiedenen Tieren unterwegs. „Mal bekam die Stute ein Fohlen, mal wurde das Pferd verkauft“, begründet Deckwart die häufigen Wechsel. Probleme habe er mit keinem Pferd gehabt. Diesmal konnte er auf vertrautem Rücken reiten – er saß auf derselben Stute wie im Vorjahr. Ludwig Ebermann, deren Besitzer, hatte sie eigentlich nach Hirschberg verkauft. „Am Gründonnerstag holte er sie extra für das Saat-reiten zurück“, sagt Deckwart. Der Drei-Stunden-Ritt sei auch diesmal problemlos verlaufen. „Bei der Stute handelt es sich um ein Voltigierpferd, deshalb lässt sie sich gut führen“, erklärt der Ostritzer.

Während seine 60. Teilnahme bei der Ostritzer Prozession eine Premiere ist, konnten vor dem Krieg Reiter in den Orten jenseits der Neiße dieses Jubiläum bereits begehen, erinnert sich Deckwart. Gerhard Brendler, Autor des Buches „380 Jahre Saat-reiten“, bestätigt dies. „Es muss in Königshain gewesen sein“, meint Brendler. Wie die Jubilare damals geehrt wurden, ist nicht bekannt. In Ostritz erhalten die Reiter eine schlichte, weiße Schärpe. Erstmals wird sie verliehen, wenn der Reiter zum 40. Mal dabei ist. Gunter Riedel hatte dieses Jubiläum am Sonntag. Bis er die 60 wie Klemens Deckwart erreicht, muss er noch eine Weile mitreiten.

Bei seinem 50. Ritt gehörte Deckwart noch zu den Trompetern. Mehr als 40 Jahren, von 1960 bis 2006, hatte er beim Saat-reiten Trompete geblasen. „Ich war auch schon einmal Fahnenträger und habe auch gesungen“, erzählt der rüstige Reiter.

Heute, mit seinen 74 Jahren, ist Klemens Deckwart nur noch ein normaler Reiter. Seine Position ist etwa in der Mitte des Zuges, hinter den Vorsängern. Es wird wohl das letzte Mal gewesen sein. Der 74-Jährige denkt nach eigener Aussage ernsthaft über einen Abschied nach. „Wenn ein junger Reiter vom Pferd fällt, kann er dies besser überstehen als ein alter“, sagt Deckwart. Und zu Unfällen kann es beim Saat-reiten schnell kommen. Vor allem wenn die Zuschauer zu unvorsichtig sind. Wenn zum Beispiel Eltern mit ihren kleinen Kindern durch die Pferde laufen, dann kann Klemens Deckwart nur mit dem Kopf schütteln. Gefährlich sei es auch, wenn sich die Besucher am Klosterhof dicht an die Mauer drängen. „Die Leute überlegen nicht“, meint Deckwart. In diesem Jahr kam es glücklicherweise zu keinem Zwischenfall. Obwohl auch diesmal wieder rund 4 000 Besucher entlang der gesamten Strecke die Prozession verfolgten.

Klemens Deckwart wird nächstes Jahr wohl auch einer der Zuschauer sein. Seinen 60. Ritt wollte er auf jeden Fall noch absolvieren. Vielleicht übernimmt er ja auch die Aufgabe eines Helfers, denn die werden händeringend gesucht.