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Ärger mit der Flüchtlingswohnung

Familie Gruhl hat der Stadt zwei Bleiben angeboten. Nun ärgern sie sich, auch weil ein Teil der Miete ausblieb.

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© Sven Ellger

Von Annechristin Bonß

Christian und Ursula Gruhl hatten es gut gemeint. In ihrem großen Haus in Gittersee haben die beiden 88- und 89-Jährigen viel Platz. Zwei Wohnungen wollten sie der Stadt zur Unterbringung von Flüchtlingen anbieten. Die Kommune ist verpflichtet, Asylsuchenden, die auf ihren Aufenthaltsstatus warten, Unterkünfte zu stellen. Die können zentral in Sammelherbergen, aber auch dezentral in einzelnen Wohnungen sein. Mit der Stadt schlossen die Gruhls daher im vergangenen Jahr einen Vertrag. Pro Wohnung konnten zwei Flüchtlinge untergebracht werden.

Doch was als gute Idee begann, macht den beiden Senioren mittlerweile nur noch Sorgen. Weil die Verträge immer nur für kurze Zeit geschlossen wurden, mal für drei Monate, mal für ein halbes Jahr, schickten sie immer wieder Schreiben an die Stadt. Dann meldete sich das Liegenschaftsamt, weil die Mitarbeiter keine Verträge in der Verwaltung vorliegen hatten. Die Gruhls wunderten sich und reagierten sofort. „Die haben wir der Stadt gleich zugeschickt“, sagt Christian Gruhl. Nachfragen zur Miete beantwortete er schnell. 600 Euro bekam das Paar pro Wohnung inklusive aller Nebenkosten. Trotzdem wurde der Vertrag für die zwei Wohnungen schließlich nicht verlängert. Die Bewohner mussten in eine städtische Sammelunterkunft umziehen. „Auf die letzte Miete vom Mai warten wir noch immer“, sagt Christian Gruhl. Das Geld für März und April wurde Mitte Mai überwiesen.

Die Stadt bestätigt auf Anfrage die Verzögerungen bei der Zahlung. Es habe in der Verwaltung eine Umstrukturierung gegeben, teilt Sprecher Kai Schulz mit. Dabei sei die Verantwortung vom Sozialamt auf das Liegenschaftsamt übergegangen. Seit Ende September schon kümmern sich dessen Mitarbeiter um die dezentralen Unterkünfte. Die Zahl wächst ständig. Ende Mai hatte die Stadt 829 Wohnungen angemietet, die meisten davon in den Stadtteilen Cotta und Prohlis. Ende 2015 waren es noch 610 gewesen. Bei nur 15 Prozent der Fälle bietet ein privater Vermieter die Räume an. Die restlichen Wohnungen stellen Großvermieter wie der Gagfah-Nachfolger Vonovia.

Dabei gibt es durchaus Unterschiede bei Art und Preis der Wohnungen. Jedes einzelne Angebot werde geprüft. Die Mitarbeiter achten darauf, dass die Räume abzuschließen sind und ein separates Bad vorhanden ist. Wohnungen mit Ofenheizung werden generell abgelehnt. Die Miete sollte zu den ortsüblichen Preisen passen. „Grundsätzlich streben wir unbefristete Mietverträge mit der gesetzlichen Kündigungsfrist an“, sagt Stadtsprecher Kai Schulz. Bei den Gruhls hätten die Vermieter explizit gewünscht, dass die Mietdauer zeitlich knapp begrenzt ist.

Davon jedoch will Christian Gruhl nichts wissen. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Akribisch haben die beiden alle Schreiben gesammelt, stets auf Fragen geantwortet. Überfordert scheinen sie nicht. Nebenbei führen die Senioren ein kleines Restaurant im Erdgeschoss des Hauses. Besonders ärgerlich sei, dass die Miete ausbleibt. „Die Drewag bucht die Kosten für die Wohnung auch ab“, sagt Christian Gruhl. Dafür gehen er und seine Frau nun in Vorkasse. Und mit den neuen Bewohnern habe es gut geklappt. Die Gruhls haben Anteil genommen, sich mit den Flüchtlingen gefreut, wenn sie die ersten Schritte in dem neuen Land meisterten. Gute Noten in der Abendschule, Erfolg beim Deutschlernen, ein Job als Masseur oder die Verlobung – die beiden Gitterseer haben sich mit ihren neuen Nachbarn gefreut. Hier sei Integration viel besser möglich als in einer Sammelunterkunft. Warum das Zusammenleben unter ihrem Dach nicht weitergehen kann, verstehen sie nicht.

Die Stadt sieht das anders. „Integration findet in der Regel im täglichen Lebensumfeld statt und ist nicht an die Schlafstätte gebunden“, sagt Kai Schulz. Die Stadt sei weiterhin auf der Suche nach Wohnungen, auch von privaten Anbietern. Die werden aber nicht mehr als dezentrale Unterkunft benötigt, sondern für Flüchtlinge, die als Asylsuchende anerkannt sind. Die treten dann selbst als Mieter auf und richten sich auch selbst ein. Das Sozialamt berät Vermieter und Flüchtlinge dazu. Bei den Gruhls hat das schon geklappt. Einer der Flüchtlinge hat sich gegen eine angebotene Sammelunterkunft entschieden und eine andere Wohnung bei dem Paar gemietet.