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Ärger um Spinnräder und Ostereier

Wenn sich irgendwo ein Spinnrad dreht, lacht das Herz von Joanna Dumin. Denn jedes drehende Rädchen, jeder Tritt aufs Pedal, jeder Meter gesponnener Faden ist ein kleiner Sieg über das Vergessen und die Ignoranz.

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Von Irmela Hennig

Wenn sich irgendwo ein Spinnrad dreht, lacht das Herz von Joanna Dumin. Denn jedes drehende Rädchen, jeder Tritt aufs Pedal, jeder Meter gesponnener Faden ist ein kleiner Sieg über das Vergessen und die Ignoranz.

Schon zu DDR-Zeiten kämpfte die heute 50-Jährige für traditionelle Kultur, für Kunsthandwerk und ländliche Bräuche im Nachbarland Polen. Mit ihrem Mann Henryk, ein studierter Volkskundler, der inzwischen am Nationalerbe-Institut in Warschau arbeitet, reiste sie durchs Land. Und aufs Land. War den alten Traditionen auf der Spur.

Besonders denen, die Vertriebene aus Ostpolen mit an die Neiße gebracht hatten. Dann der Kultur der Bukowiner und der Goralen aus dem polnisch-slowakischen Grenzgebiet. Oder auch den Bräuchen, die mit den Bosnien-Polen ins Land kamen. Ähnlich wie die Deutschen in Siebenbürgen waren sie einstmals ausgewandert, hatten Enklaven auf dem Balkan gegründet und eher für sich gelebt. „Dort war die echte alte polnische Kultur noch lebendig, nicht diese Pseudo-Volkstümelei mit den stark geschminkten Gesichtern“, erzählt Joanna Dumin und spielt an auf die bis in die 90er Jahre hinein übliche üppige Bemalung mit Rot auf Lippen und Wangen und mit dickem Lidschatten.

Ihr Einsatz in kommunistischen Zeiten brachte dem Ehepaar eher Ärger als Anerkennung. Eine erste Veranstaltung in Jelenia Góra (Hirschberg) zu Weihnachtsgesängen wurde verboten. „Dann sind wir aufs Land gegangen, in die Dörfer. Haben dort etwas organisiert, wo man nicht so hingeschaut hat“, erinnert sich Joanna Dumin.

Eine handgemachte Filzbrosche trägt sie am braunen Umhang, die schwarze Handtasche ist landestypisch bestickt. Doch die Polin, die bei einer Hirschberger Wochenzeitung in der Anzeigenabteilung arbeitet, ist keine Frau von gestern. Wie sie heute Märkte mit regionalen Produkten oder Musikveranstaltungen organisiert, ist modern. Mit Internetwerbung, bunten Plakaten, per E-Mail und im Fernsehen. Nur das „Was“ knüpft an an die Geschichte des Landes.

Keine falschen Felle

Wenn Joanna Dumin Händler zu monatlichen Märkten nach Schloss Lomnitz bei Jelenia Góra einlädt, dann gibt es handgeflochtene Korbwaren, handgewebte Wandteppiche, hand- und traditionell bemalten Schmuck. Plüschtiere mit Riesengebirgsanhängerchen, falsche Felle, Pelzmützen made in China findet man Zuhauf an den Souvenirständen in Karpacz (Krummhübel) und Sklarska Porêba (Schreiberhau). Bei Joanna Dumin sucht man danach vergebens. Die Niederschlesierin hat nichts dagegen, wenn sich Altes mit Neuem mischt. Wenn eine Händlerin aus Jelenia Góra alte Muster auf moderne Ohrringe malt, zum Beispiel. „Für mich muss es echt sein, aus dem Herzen kommen“, erklärt die Frau, die selbst nach altem Brauch Ostereier mit Wachs bemalt.

Nach der Wende wurde nicht mit einem Schlag alles gut. Die Dumins, die sich entschlossen weiter engagierten, galten manchem als ein wenig rückschrittlich. Erst allmählich wandelt sich das Bild. Inzwischen hat Henryk Dumin sogar eine Auszeichnung für seinen Einsatz bekommen.

1984 lud das Paar erstmals ein zum „Kleinen Osterfest“, eine Art nachösterliche Volksfeier, die eine lange Geschichte hat in Polen. Seit 1996 feiern sie das auf Schloss Lomnitz – über die Jahre kamen zu diesem Fest Handwerker- und Kunstmärkte dazu; jetzt gibt es einen dicht gefüllten Jahreskalender. „Hier stimmt die Atmosphäre“, meint Joanna Dumin mit Blick auf den großzügigen Gutshof am Schloss.

Um die richtige Livemusik für die Märkte zu bekommen, reist sie durchs Land, sucht die urtümlichen Melodien und Gruppen, die das noch können. Joannas Eltern kamen von Lemberg in der heutigen Ukraine nach Westpolen – haben von dort eigene Bräuche mitgebracht. Das hat nachgewirkt in der Niederschlesierin, die durchaus verträumte Augen bekommen kann, wenn sie auf all die Vielfalt auf den Traditionsmärkten blickt. Geld verdient sie mit dieser Arbeit nicht. Es ist Ehrenamt, Herzenssache.

Ihren Nachwuchs haben die Dumins übrigens anstecken können mit ihrer Begeisterung: Sohn Ignaz (25) hat wie der Vater Volkskunde studiert, sein erstes eigenes Großprojekt war eine Ausstellung über landestypischen Kreppblumenschmuck. Tradition hat also Zukunft. Joanna Dumin ist nicht allzu bang. Kunsthandwerk und Brauchtum biete jungen Leuten eine berufliche Existenz. Heute sei sie eine Idee für den Weg in die Selbstständigkeit – Altes auf dem Weg zum Wirtschaftsfaktor.

Die nächsten Märkte finden am 2. und 3. Advent, Sonnabend und Sonntag von 11 bis 17 Uhr im Gutshof am Schloss Lomnitz statt.