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Ärzte hängen am Tropf

Sachsens Ärzte wollen voraussichtlich vom 25. bis 30. September streiken. Auch Ärzte in der Region Riesa-Großenhain werden sich beteiligen. Grund dafür sind die knappen Mittel in der ambulante Behandlung der Patienten.Riesa-Großenhain.

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Sachsens Ärzte wollen voraussichtlich vom 25. bis 30. September streiken. Auch Ärzte in der Region Riesa-Großenhain werden sich beteiligen. Grund dafür sind die knappen Mittel in der ambulante Behandlung der Patienten.
Riesa-Großenhain. Sauer auf das ganze Hickhack ist Dr. Peter Nitzsche, Facharzt für Innere Medizin in Gröditz. "Ich befinde mich im absoluten Existenzkampf. Durch die Kürzung meiner Mittel, die den Hausärzten zugute kommen, verschlimmert sich die Situation nur noch. Ich verspreche mir mehr vom juristischen Kampf als von Geschrei und Protesten." Der Kassenärztlichen Vereinigung sei es fabelhaft gelungen, die Ärzte zu teilen. "Halbherzig und unsensibel werde hier vorgegangen", redet sich der Arzt seinen Ärger von der Seele.
Einig sind sich die Ärzte im Landkreis offensichtlich über die verfehlte Gesundheitspolitik. Beim Streik als Protestmittel gehen die Meinungen aber auseinander. An der Aktionswoche in Sachsen wolle er sich auf jeden Fall beteiligen. Wobei Streik aus seiner Sicht nicht das richtige Wort sei, sagt HNO-Arzt Dr. Gerd Tymnik aus Großenhain. "In meinen Augen hat die Gesundheitsministerin Fischer eklatant politisch versagt. Wir Fachärzte können unsere Praxen nicht mehr kostendeckend führen." Aber in einem knallharten Streik völlig dicht machen auch nicht. Aktionswoche heiße, alle "streikenden" Ärzte sind in ihren Praxen anwesend, werden allerdings keine normale Sprechstunde halten. Notfälle werden behandelt. Ansonsten gehe es darum, mit den Patienten über die Missstände zu sprechen.
So würden nach den Worten von Dr. Gerd Tymnik Einsparungen beim Personal höchstwahrscheinlich nicht ausbleiben, wenn die Situation weiter gespannt bleibe. Man sollte sich vorstellen, das gesamte Gesundheitswesen ist in einem Topf: Fachärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Kliniken. "Wer am meisten saugt, hat mehr am Ende", schimpft Tymnik.
Auch Dr. Peter Kandzia, Chirurg in der Kreisstadt, beklagt den Missstand und sieht in der Aktionswoche ein geeignetes Druckmittel: "Momentan bekommen wir nur ein Fünftel, was ein Krankenhaus bei der gleichen Operation bekommt. Dabei ist die ambulante operative Methode kostengünstiger und gesundheitsfördernd. Die Situation ist mit einem bestellten Maler zu vergleichen, der Ihr Haus renovieren soll. Anstatt ihn nach vollbrachter Arbeit zu entlohnen, muss er noch draufzahlen." Im Kreis Riesa-Großenhain seien insgesamt fünf Chirurgen niedergelassen. Von Facharztschwemme könne keine Rede sein.
Rosemarie Kunde, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Großenhain, macht aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. "Wir Ärzte, ob es Fach- oder Hausärzte sind, fordern die uns zustehenden Beiträge. Die niedergelassenen Ärzte im Osten erhalten nur 75 Prozent der Mittel zur Verfügung im Gegensatz zu ihren Westkollegen. Die ambulanten Tätigkeiten werden im Westen zu 17 Prozent, dagegen im Osten gerade zu 13 bis 14 Prozent honoriert. Mir wird pro Quartal das Arbeitsbudget um 20 Prozent gekürzt. So kann es nicht weitergehen. Eine Angleichung ist notwendig, um den Missstand zu beheben, denn am Ende wird er auf den Rücken unserer Patienten ausgetragen."
Heftige Grundsatzkritik am Weg, den ein bürokratisch gesteuertes und streng limitiertes Gesundheitssystem einsschlägt, übt Dr. Steffen Klengel, Radiologe aus Riesa, Die Gefahren: Medizinische und technische Innovationen könnten verzögert oder sogar verhindert werden. Er befürchtet, dass kurzfristige Einsparungen durch Billigmedizin am Ende Krankheiten verschleppen und langfristige Gesundheitsschäden mit höheren Folgekosten verursachen.
Wenn er in der Aktionswoche seine Röntgenanlagen weitgehend auf Sparflamme fährt, und sich wie viele andere Ärzte an der Aktion beteiligt, bedeutet es natürlich Einschnitte für die Patienten. Bei ihnen sind die Meinungen ebenfalls gemischt: "Wenn der behandelnde Arzt ausfällt, wird es schon schlimm", sorgt sich zum Beispiel Waltraud Kußmaul. Doch am Ende zählt das Ergebnis, und die Ärzte können dabei offensichtlich auch mit ihren Patienten rechnen. "Wenn eine positive Sache dabei rauskommt, begrüße ich es", sagt Margitta Krink selbstbewusst. "Ich würde mir jedoch wünschen, dass es auch auf anderen Weg zu lösen wäre." (SZ/av/ks)

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