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Sachsen kann richtig geil für alle werden!

„Das Blaue Wunder“ am Staatsschauspiel Dresden sagt der AfD den Kampf an.

Ursula Hobmair bittet mit dem blauen Buch, der neuen AfD-Bibel, alle an Bord. Der rechte Kurs wird aufgenommen.
Ursula Hobmair bittet mit dem blauen Buch, der neuen AfD-Bibel, alle an Bord. Der rechte Kurs wird aufgenommen. © Sebstian Hoppe

Von Sebastian Thiele

Dichter Regen. Kurzatmig hasten alle dem Schauspielhaus entgegen, über Schneematschreste hüpfend. Bei diesem Wetter hat sich hier am Postplatz keine aufgebrachte Protestmenge versammelt, um die im Vorfeld viel diskutierte Uraufführung des „Blauen Wunders“ zu verhindern. Oder blaue Augen zu verteilen. Nirgends ist ein Polizeiaufgebot am Start oder liegen Reporterteams auf der Lauer. Obwohl es doch hochpolitisch zur Sache gehen soll: Wie sähe ein von der AfD regiertes Deutschland aus? Wenn im sächsischen Landtag die CDU vermutlich doch einknickt und mit einer AfD-Mehrheit koaliert, weil es sich in den Regierungsstühlen einfach besser sitzt, leuchtet die Zukunft bald blau. Wie lange dauert es dann vom sächsischen Vorläufermodell zum rückwärtsgewandten deutschen Nationalstaat? An welchen demokratischen Grundpfeiler kracht wohl zuerst die Abrissbirne – Religionsfreiheit? Presse- und Meinungsfreiheit? Oder packt man gleich den ersten Artikel des Grundgesetzes hart am Kragen und tastet die Würde des Menschen an?

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Derartige Fragen sind keine Polemik. Diese Fragen stellen sich, wenn Abgeordnete der AfD Sätze wie „Von Kinderaugen soll man sich nicht erpressen lassen“ ernst meinen. Worten folgen ganz schnell Taten, meint der prominente Vertreter politischen Regietheaters Volker Lösch. Pünktlich im Landtagswahljahr 2019 entzündet er gemeinsam mit dem Autorenteam Thomas Freyer und Ulf Schmidt sein explosives Stück auf der Bühne des Dresdner Staatsschauspiels. Für sie steht fest: „Das blaue Wunder“ ist kein spielerischer Versuch, mit den neuen Rechten zu reden. Das interessiert Lösch schon lange nicht mehr. Zu oft habe er die Debatte gesucht, zu oft sei er auf Sturheit gestoßen. Lieber wolle er, der nun schon seit 18 Jahren in Dresden inszeniert, jetzt die demokratische Seite stärken. Dabei hat Lösch, wie in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu lesen war, nicht alle am Theater hinter sich. Da gibt es Techniker, die selbst AfD-Anhänger sind und Schauspieler, die bezweifeln, ob ihre Rollen als brüllende AfD-ler der Debatte dienen. Doch Lösch setzt nicht nur auf die Demaskierung der neuen Rechten. Zäsurenhaft durchbrechen mehrere Auftritte sächsischer Bürger und Bürgerinnen die Handlung. Mutig rufen sie als engagierte Vertreter von Mission Lifeline e.V., Herz statt Hetze oder Straßengezwitscher e.V. und anderen zum aktiven Mittun auf und vermitteln den Kampf um ein weltoffenes Sachsen. Natürlich kann man hier Agitprop unterstellen. Aber Volker Lösch polarisiert mit allen Mitteln. Dramaturgisch nicht unproblematisch ist der Mix aus AfD-Texten, fiktionaler Handlung und realen Gegenpositionen als Kontrast. Brüche strukturieren von Beginn an: Acht Spieler treten anfangs vor den eisernen Vorhang, knallen heftig dagegen und erstarren in übertriebenen Posen. Abwechselnd erzählen sie als potenzielle AfD-Wähler von ihren Träumen und Frustrationen.

Als sich kurz darauf ein riesiges klettergerüstartiges Schiffsgerippe der Bühnenbildnerin Cary Gayler zu Wagner-Musik und Riefenstahl-Ausleuchtung aus dem Boden dreht, wittert man Skandal. Soeben hat noch Ursula Hobmair mit huldigenden Gesten ein blaues Buch, die neue AfD-Bibel, wie den Heiligen Gral präsentiert. Gerade wurden alle an Bord gebeten, um den rechten Kurs aufzunehmen, als plötzlich das Saallicht angeht. Von der Bühne verkündet der Intendant, ein Stromausfall hätte die Tontechnik befallen. Sabotage? Was wird hier gespielt? Aber das Schauspielhaus bleibt anschlagsfrei. Ist diese Panne Teil der Inszenierung, ein Mittel der Irritation zugunsten einer aktiven Auseinandersetzung? Bald dreht sich das Schiffsgerippe wieder im blauen Licht symbolisch für ein AfD diktiertes Deutschland im Jahre 2029. Und steuert mit eingeführter D-Mark, Zweiklassengesellschaft, Frauenfeindlichkeit und zunehmender Militärdiktatur gen fiktiven Untergang. Was sich hier durch ein hochenergetisches Ensemble zeigt, ist eine Groteske, die nicht zum Lächeln einlädt. Unzählige und ungeheuerliche Originalzitate von Höcke, Gauland & Co. formen die Basis des dystopischen Textes. Mit Rollentausch und chorischem Sprechen geht es auf dem Schiffsrumpf gewalttätig zu. Erniedrigungen, Erschießungen für Mundraub und verordnete Vergewaltigungen zum Erhalt der deutschen Bevölkerung zeigen ein Schauspiel, das es auszuhalten gilt. Mit überdeutlicher Symbolik prangen plakative Nazi-Bezüge: Wehrmachtsmäntel leuchten in AfD-Blau und beim „Schiffs-Heil-Gruß“ streckt sich der rechte Arm nach hinten. So manche Äußerung hat man einfach nicht nötig. Wenn Gauland als DDR-Flüchtling entlarvt und Alice Weidel als Lesbe reduziert werden, agiert das auf einer Schlammschlacht-Ebene, von der man sich ja eigentlich abheben will.

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So ist „Das Blaue Wunder“ weder eine perfekte Theatercollage noch eine subtile Andeutung von Missständen. Aber die politische Relevanz ist großartig. Die Entscheidung, diesen zweistündigen Aufrüttlungsversuch derartig in Szene zu setzen, ist respekteinflößend. Und vor allem Hoffnung auszustrahlen reißt mit. Stehen doch zum Schluss auf der Bühne couragierte Menschen, die den Zuschauern entgegenschreien: „Sachsen kann richtig geil für alle werden!“ Zugegeben, das klingt naiv. Muss aber mit dem richtigen Kreuz auf dem Wahlzettel keine idealistische Utopie sein.

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