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Alkohol macht die meisten Probleme

Alkohol- und Drogensüchtige holen sich häufiger Hilfe – und doch noch zu selten, zeigt eine Tagung der Elblandkliniken.

Rund 100 Sucht-Therapeuten aus ganz Deutschland diskutieren heute auf einer von den Elblandkliniken organisierten Konferenz. Die SZ sprach mit den Tagungsrednern Prof. Dr. Gerhard Längle vom Suchtausschuss der Bundesdirektorenkonferenz, Dr. Heribert Fleischmann von der Hauptstelle für Suchtfragen und dem Chefarzt der Klinik für Psychiatrie im Elblandklinikum Radebeul Wilfried Schöne.

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Dr. Wilfried Schöne ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Radebeuler Elblandklinikum. Foto: SZ
Prof. Dr. Gerhard Längle ist Vorsitzender des Suchtausschusses der Bundesdirektorenkonferenz Psychiatrischer Kliniken. Foto: PR © Rolf Schultes

Herr Dr. Fleischmann, die Nachrichtensendungen erwecken mitunter den Eindruck, Deutschland und Sachsen versinken im Drogensumpf. Ist das richtig?

Suchtmittelkonsum hat es zu allen Zeiten gegeben. Denken sie nur an den Elendsalkoholismus Ende des 19. Jahrhunderts, in dessen Folge die ersten Selbsthilfegruppen für Alkoholiker gegründet wurden. Es gibt immer einen bestimmten Prozentsatz von Menschen, die für Suchtverhalten besonders anfällig sind. Natürlich ist das abhängig von den sozialen Bedingungen, von Arbeitslosigkeit, der Familie und vielen Faktoren mehr. Ich sehe derzeit keine Belege dafür, dass die Zahl der Suchtkranken insgesamt zunimmt.

Auch nicht vor dem Hintergrund des starken Crystal-Konsums?

Was wir feststellen, ist eine Verschiebung bei den Suchtmitteln. In den 90er Jahren wurde viel über die Partydroge Ecstasy berichtet, dann kam Crack auf und schien sich scheinbar unaufhaltsam zu verbreiten. Jetzt haben wir es mit Crystal zu tun, wobei ich lieber von Methamphetamin spreche, weil mir der Begriff Crystal zu viele falsche Assoziationen weckt. In den USA können wir allerdings beobachten, dass Opiate wie Heroin sich wieder stärker verbreiten. Die Medien sollten das weder verharmlosen, noch aufbauschen. Vor allem darf nicht vergessen werden, welche riesigen Probleme wir nach wie vor durch Alkohol- oder Nikotinabhängigkeit haben.

Herr Dr. Schöne, wer sich das Rauchen abgewöhnen möchte, greift zum Nikotinpflaster. Gibt es das auch für Alkoholiker?

Begleitend gibt es bei einer Entziehung zwar Medikamente, die diesen Prozess erleichtern sollen. Entscheidend ist jedoch, dass der Alkoholkranke seine Krankheit als solche anerkennt und der Psychotherapeut mit ihm zusammen einen gangbaren Ausweg sucht. Dabei geht es um Motivation und praktische Hilfe, wie es gelingen kann, abstinent zu leben. Nicht übersehen werden sollte, dass übermäßiger Alkoholkonsum nicht unbedingt zu ausgeprägtem Suchtverhalten führen muss, aber trotzdem die Gesundheit oft extrem schädigt. Bluthochdruck und Magenprobleme sind zwei der typischen Folgeerkrankungen. Mitunter wird die Daumenregel gebraucht, dass jedes fünfte Bett in einer Klinik ein Suchtbett ist, weil die Probleme des Patienten genau darauf zurückzuführen sind.

Herr Dr. Schöne, was unterscheidet Suchtpatienten von anderen Patienten?

Sie sind sehr schwer zu erreichen. Alkohol- bzw. Suchtkranke werden deshalb mitunter als „vergessene Mehrheit“ bezeichnet. Sie sind durch ihre Erkrankung stigmatisiert und auf süchtiges Verhalten festgelegt. Oft befinden sich diese Patienten in einem sozialen Sog nach unten, haben zahlreiche Begleiterkrankungen und zeigen Persönlichkeitsveränderungen.

Prof. Dr. Längle: Wenn ich hier ergänzen darf. Unserer Erfahrung nach nimmt die Zahl der Suchtkranken zu, die eine Therapie belegen. Früher lag der Prozentsatz bei fünf bis zehn Prozent der Suchtkranken. Mittlerweile sind wir bei 15 bis 20 Prozent. Auch dadurch entsteht möglicherweise der Eindruck, dass sich Suchtprobleme verstärken, obwohl doch lediglich die Zahl der Hilfesuchenden steigt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weiter eine sehr große Zahl an Menschen mit Suchtproblemen zu Hause oder am Arbeitsplatz gibt, die wir nicht erreichen.

Herr Dr. Fleischmann, bislang war nur die Rede von stofflichen Abhängigkeiten wie bei Alkohol- oder Crystalkonsum. Wie reagieren die psychiatrischen Krankenhäuser auf die zunehmen Zahl an Internet- und Spielsüchtigen?

Hier ist in den vergangenen Jahren vor allem in der Prävention viel getan worden. Die Medien haben regelmäßig darüber berichtet. Diese Entwicklung ist auch in den Kliniken angekommen. Gerade Sachsen hat sich mit eigenen Therapie-Programmen hervorgetan.

Prof. Dr. Längle, das Gesundheitssystem klagt allgemein über Geldmangel. Wie sieht es bei psychiatrischen Krankenhäusern aus?

Wir hegen vor allem Bedenken gegenüber Plänen zu einer neuen Fallpauschale. Sollte das umgesetzt werden, wäre es für uns eine Katastrophe. Außerhalb psychiatrischer Kliniken wird ja bereits mit Fallpauschalen gearbeitet. Für eine Blinddarmoperation gibt es überall einen vergleichbaren Satz. Zu welchen Problemen das führt, sieht man allerorten. Im psychiatrischen Alltag ist ein solches System völlig unsinnig, weil sich die Kosten für die Behandlung einer Alkoholabhängigkeit eben nicht pauschalisieren lassen. Sie können sich von Fall zu Fall sehr stark unterscheiden. Zu befürchten wäre, dass sich dadurch zum Beispiel die Behandlungszeiten verkürzen.

Das Gespräch führte Peter Anderson.

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