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Als es Benzin für Autos noch in der Apotheke gab

Vor 100 Jahren eröffnete die weltweit erste Zapfsäule. Heute sinkt die Anzahl der Stationen.

© picture alliance/everett coll.

Von Michael Ossenkopp

Während ihrer abenteuerlichen Autofahrt von Mannheim nach Pforzheim im August 1888 befüllte Bertha, Gattin von Autoerfinder Carl Benz, ihren Wagen in der Wieslocher Stadt-Apotheke in der ersten „Tankstelle“ der Welt mit drei Litern „Ligroin“ – eigentlich ein Antifleckenmittel. Die erste Station, an der Benzin speziell für Autos verkauft wurde, eröffnete Shell im Jahr 1905 in St. Louis, Missouri. Zuvor hatten lokale Lebensmittel- und Eisenwarengeschäfte oder sogar Apotheken den Treibstoff vertrieben. Die meisten Autos wurden aber weiter am Straßenrand von Ladeninhabern mittels Kanistern versorgt – unpraktisch und vor allem gefährlich.

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In Amerika war die Motorisierung um die Wende zum 20. Jahrhundert im Vergleich zu Europa weit fortgeschritten. Der Kraftstoff wurde aus Fünf-Gallonen-Dosen (eine Gallone sind rund 3,8 Liter) in die Autotanks gekippt. 1910 kam eine Pumpe auf den Markt, mit der das Benzin aus einem unterirdischen Speicher gesaugt und direkt in die Fahrzeuge gefüllt werden konnte. Beim Tanken bildeten sich oft lange Schlangen hinter parkenden Autos, die den Verkehr aufhielten. Auch konnte das Benzin in den Pumpen von den Kunden nicht gesehen werden. Betrügerische Verkäufer streckten den Sprit schon mal mit Wasser. Und bei unsachgemäßer Handhabung kam es vereinzelt zu schweren Unfällen.

Die Tankstelle der Gulf Refining Company in Pittsburgh (US-Bundesstaat Pennsylvania) führte am 1. Dezember 1913 eine revolutionäre Neuerung ein. Neben Sprit direkt aus der Zapfsäule gab es dort kostenlos Luft, Wasser und Schmierstoffe, fünf Servicekräfte standen zur Prüfung des Ölstands und für Reifenwechsel bereit.

Zeitungsannoncen priesen die Station als „neueste und modernste Einrichtung“. Am Eröffnungstag wurden zwar nur 30 Gallonen à 27 Cents verkauft, aber schon am nächsten Wochenende pumpten die Angestellten 350 Gallonen in die Fahrzeugtanks. Bereits im darauffolgenden Frühjahr war der tägliche Absatz auf 1.800 Gallonen gestiegen. Damit sich die Investitionen der Betreiber schneller amortisierten, begannen sie, nach und nach ihr Angebot zu erweitern und neben Benzin auch Reparaturen, Autowäsche und Batterie- und Reifenverkäufe anzubieten.

In Deutschland nahm die erste Großtankstelle nach US-Vorbild mit zwei Zapfsäulen, Kassenhaus und Schutzdach 1927 in Hamburg den Betrieb auf. Unter dem Namen Dapolin verkaufte die Dapag (Deutsch-amerikanische Petroleum-Gesellschaft, später Esso, heute Teil des ExxonMobile-Konzerns) Benzin. Nun kam ein Tankwart in Uniform mit Krawatte und Schirmmütze daher, der den Kraftstoff in die Autotanks einließ. Ein Preismast informierte weithin sichtbar über die Tarife.

Beruf des Tankwarts stirbt aus

Solche Stationen ersetzten im Laufe der Zeit 50.000 Tankkioske mit ihren einfachen Pumpen. Diese hatten ebenso vor Drogerien, Kolonialwarenhandlungen, Fahrradläden und Gaststätten gestanden, mit unterirdischen Vorratsbehältern am Bürgersteig. Im Volksmund wurden sie Eiserne Jungfrauen genannt. Oft dienten nicht mehr benötigte Milchkannen oder Flaschen als Behältnisse für den Kraftstoff.

In den 1930er Jahren waren etliche Tankstellen in Deutschland nicht markengebunden und verkauften Sprit unterschiedlicher Hersteller aus separaten Zapfsäulen. Damals begannen in den USA erste Versuche, Fahrer selbst das Benzin in die Tanks zapfen zu lassen. Sie scheiterten noch – als jedoch eine Absperrklappe in die Pumpen eingebaut werden konnte, avancierte Tankstellenbetreiber Frank Urich 1947 in Los Angeles zum Pionier des Self-Service. Urich stellte junge Frauen ein, die mit Rollschuhen um die Station flitzten und das Bargeld einsammelten. Er ließ regelmäßig leere Tanklaster anrollen, nur um den Eindruck zu erwecken, er müsse ständig nachtanken, damit er die vermeintlich immense Nachfrage bedienen konnte. Sein Konzept ging auf: Allein im ersten Monat verkaufte er eine halbe Million Gallonen Benzin.

Die SB-Tankstellen der frühen Jahre brauchten dennoch Personal, denn nach dem Tanken mussten die Pumpen jedes Mal manuell zurückgestellt werden. Eine Station in Westminster, Colorado, nutzte 1964 erstmals ein ferngesteuertes System zum Ablesen der Tankmenge. Weil die Fahrer beim Selbsttanken die Sicherheitsbestimmungen unzureichend beachten würden, blieben die Zulassungsbehörden skeptisch. 1968 war SB-Tanken nur in 27 von 50 US-Bundesstaaten erlaubt. An einem Großteil der Tankstellen waren die Mitarbeiter sogar verpflichtet, die Fahrer beim Tanken aus der Nähe zu kontrollieren, was die ganze Idee ad absurdum führte.

1972 eröffnete Texaco die erste europäische Selbstbedienungstankstelle in Lagerlechfeld bei Augsburg. Anfänglich stieß das Konzept auf Kritik, obwohl durch eingesparte Personalkosten der Literpreis um drei Pfennig gesenkt werden konnte. Aber würden Hausfrauen, ältere Mitbürger und Geschäftsleute in feinen Anzügen tatsächlich den Zapfhahn selbst bedienen? Die Idee setzte sich durch, binnen zehn Jahren konnte der Absatz verzehnfacht werden. Dazu beigetragen hatte auch das neu eingeführte Shop-System. Inzwischen machen die Tankstellen den Großteil der Gewinne mit dem Verkauf von Süßwaren, Getränken, Zeitschriften, Zigaretten sowie über Backwaren, Kaffee und kleine Snacks. Die Bedientankstellen starben seit Mitte der 1980er Jahre in Deutschland fast völlig aus.

Auch die Zahl aller Stationen sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Gab es 1969 in der Bundesrepublik noch 46.684 Tankstellen, sind es dieses Jahr nur noch etwa 14.300. Parallel zum Tankstellensterben begann der Niedergang des Tankwartberufs. Der Versuch des Mineralölkonzerns Shell aus dem Jahr 2006, eine Renaissance des guten alten Tankwarts zu starten, blieb auf der Strecke. Knapp die Hälfte der 2.200 eigenen Tankstellen bietet diesen Service an. Aber viele Kunden sind nicht bereit, dafür den einen Euro zusätzlich zu zahlen.