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Als Kulturpolitiker über Diskos wachten

Ohne Ausbildung durfte in der DDR kein „DJ“ so einfach öffentlich Platten auflegen.

Der Club "Zwei Linden" im Jahr 2016
Der Club "Zwei Linden" im Jahr 2016 © SZ-Archiv / Pawel Sosnowski

Von Ratsarchivar Siegfried Hoche

Ab Ende der 1960er-Jahre gehörte am Sonnabend ein Disco-Besuch zu den wichtigsten Freizeitvergnügen der Jugend. Mancher „Discjockey“ mauserte sich dabei zum lokalen Star. Voraussetzung waren neben Musikauswahl, Lichttechnik und gekonnter Beschallung seine Entertainmentqualitäten. Der Weg zur begehrten „Staatlichen Spielerlaubnis für Schallplattenunterhalter“ aber war steinig.

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Denn die „Anordnung über Diskothekveranstaltungen“ von 1973 verlangte angehenden Schallplattenunterhaltern einiges ab. Sie mussten in Görlitz beim Stadtkabinett für Kulturarbeit einen Antrag stellen, mit Lebenslauf, polizeilichem Führungszeugnis und betrieblicher Beurteilung. Es folgte ein mehrmonatiger Grundlehrgang mit Abschlussprüfung. Die Lehrinhalte bestanden neben Akustik, musikalischem Grundwissen, Sprache und Programmgestaltung auch in Themen wie „Die Verantwortung der Diskotheken in der verschärften Klassenauseinandersetzung zwischen Imperialismus und Sozialismus“. Die angehenden DDR-DJs schrieben fleißig die einschlägigen Lexika mit den passenden Parteitagszitaten ab, was blieb ihnen auch anderes übrig?

Diskotheken, hier bei einem Tanzabend 1980 im „Burghof“ Biesnitz, umgingen staatliche Auflagen immer mit allerlei Tricks.
Diskotheken, hier bei einem Tanzabend 1980 im „Burghof“ Biesnitz, umgingen staatliche Auflagen immer mit allerlei Tricks. © Ralph Schermann

Die Jugend wollte lediglich am Abend das gleiche wie im Westen: Tanz, Flirt, Anderssein als die Eltern. Schallplattenunterhalter indes mussten aufpassen: Mancher verlor seine Genehmigung wegen staatsfeindlicher Äußerungen oder des Abspielens unerlaubter Titel. Gleichwohl widerspiegeln die Akten aber auch das Bemühen Görlitzer Kulturpolitiker um eine besondere Qualität der Tanzveranstaltung.

Mancher DJ gewann denn auch Preise

Disco war mehr als schnöder Tanz. Mancher Görlitzer DJ gewann denn auch Preise bei Bezirkswettbewerben oder erhielt den Titel „Verdienter Volkskünstler der DDR“. Die Protokolle der Einstufungsveranstaltungen, quasi der praktischen Prüfung, belegen Qualitätsstreben. Die angehenden Schallplattenunterhalter definierten ein Veranstaltungsthema, für das ein ausführliches Konzept erarbeitet wurde. So stand die Einstufung von „Panorama Sound“ im „Haus der Jugend“ im September 1984 zum Beispiel unter dem Motto „Musik, Tanz und Sport“. Es gab Vorführungen von Judokas und Breakdancern, gemixt mit Interviews. Getanzt wurde natürlich auch. Allerdings unter Beachtung der Regel, 60 Prozent aller Musiken aus der DDR und den sozialistischen Ländern aufzulegen. Bei Nichtbeachtung dieser Festlegung drohte der Entzug der Spielerlaubnis.

Und für ihre Finten wurden die Clubs dann sogar noch ausgezeichnet…
Und für ihre Finten wurden die Clubs dann sogar noch ausgezeichnet… © Repro: Sammlung Ralph Schermann

Dem legendären und aus dem DDR-Fernsehen bekannten Görlitzer Disko-Lenchen, das erst im Alter von 64 Jahren eine Lizenz beantragte, schienen all diese Verordnungen der DDR nicht zu stören. Zur Freude besonders des Tanzpublikums im „Schwibbogen“ brachte sie, eigentlich illegal, aus Westberlin stets die neuesten Schallplatten mit. Und es erklangen durchaus von der Obrigkeit unerwünschte Songs wie „Ein deutscher Soldat am Wolga-Strand“ oder „Moskau“ von der Gruppe Dschinghis Khan. Das sorgte für Unwillen bei den Kollegen, die oft schon wegen Lappalien gemaßregelt wurden.

Kontrollen der "DDR-Gema" waren gefürchtet

Wohl keine der 35 im Jahr 1989 gezählten Diskotheken hielt sich an diese 60:40-Regel. Besonders die Kontrollen der Awa (Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte, ähnlich der heutigen Gema) waren gefürchtet. Zeitweise mussten Listen aller verwendeten Schallplatten oder gar ganze Titellisten der Veranstaltungen an diese Institution gesandt werden. Der Hintergrund dieser Festlegung war aber nicht politisch, sondern bestand in der chronischen Devisenknappheit der DDR. So förderten fehlende West-Tantiemen sogar die Entwicklung einer bemerkenswerten DDR-Rock- und Popmusikszene mit.

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