merken
PLUS Sachsen

„Als wäre den eigenen Kindern etwas passiert“

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes, spricht über Schwachstellen, Sicherheitsvorkehrungen und sein persönliches Entsetzen über den Einbruch.

Dirk Syndram ist Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer im Dresdner Residenzschloss.
Dirk Syndram ist Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer im Dresdner Residenzschloss. ©  Ronald Bonss

Herr Syndram, wann sind Sie als Direktor des Grünen Gewölbes von dem Einbruch informiert worden?

Um 5 Uhr 17 oder 5 Uhr 20 habe ich einen Anruf bekommen, dass es einen Einbruch gegeben hätte. Ich habe mir aber nicht vorstellen können, dass es auch ein erfolgreicher Einbruch war, denn ich habe großes Vertrauen in unsere Sicherheitstechnik. Als ich nach einer halben Stunde noch einmal angerufen wurde, bin ich ins Schloss gefahren und war um kurz vor sechs da.

Die gesunde Drittelstunde
Die gesunde Drittelstunde
Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

War Ihr Glaube an das Sicherheitskonzept so groß, dass Sie sich nach dem ersten Anruf zunächst erst mal wieder hingelegt und versucht haben, noch ein bisschen Schlaf zu kriegen?

Ja. Aber der Glaube war es nicht, sondern mein Wissen. Leider war das Wissen falsch. Es ist den Dieben gelungen, eine Fehlstelle zu finden. Unser Sicherheitssystem ist vor vier Jahren überprüft worden mit dem Ergebnis: alles bestens. Theoretisch war es das auch. Praktisch, das mussten wir nun feststellen, leider nicht.

In komplexen Sicherheitskonzepten gibt es oft nur eine Schwachstelle. Wie sind die Diebe vorgegangen, welche Hindernisse hatten sie zu überwinden?

Die Gitter vor dem Fester sind aus dem 19. Jahrhundert, sie wurden mit einer besonderen Technik zerschnitten. Das Fenster dahinter besteht aus dreifachem Sicherheitsglas, das fest in der Wand verankert ist. Die Diebe haben das Fenster, wie auch immer, regelrecht aus der Verankerung gesprengt, ohne dass es dabei zerstört wurde. Und in genau diesem Moment ging der Alarm los. Die beiden Unbekannten sind eingestiegen und haben sofort losgelegt, denn sie hatten nur ein sehr kleines Zeitfenster von ein bis zwei Minuten.

Deutet das nicht darauf hin, dass die Diebe hochprofessionell waren und den Diebstahl lange und mit großen Orts- und Materialkenntnissen geübt haben?

Davon gehe ich aus. Das war fast wie „Mission Impossible“, was die da veranstaltet haben. Die wussten genau, was sie taten. Die sind hochprofessionell vorgegangen.

Sie wussten auch, dass der Stromkasten in der Augustusbrücke den Theaterplatz ins Dunkel tauchen würde, wenn man ihn in Brand steckt.

Es gab dadurch kein Licht, sie konnten in der Dunkelheit ans Werk gehen, außerdem war der Brand auch ein Ablenkungsmanöver.

Der Stromkasten hat nichts mit der Stromversorgung des Schlosses zu tun?

Wir sind ja nicht blöd. Das Schloss hat eine eigene Stromversorgung, und wenn die zusammenbricht, setzt sofort die Notstromversorgung ein. Deshalb funktionierte auch der Alarm, als die Täter das Fenster aus der Verankerung gesprengt haben.

Was geschieht bei Alarm?

Dann schalten sich sofort die Kameras in unseren Räumen an. Die Person in unserer Alarmzentrale hat die Eindringlinge auf ihrem Monitor gesehen und sofort die Polizei benachrichtigt.

Schaltet sich auch das Licht an?

Nein, das Licht schaltet sich nicht ein.

Können die Kameras auch bei Dunkelheit hochauflösende Bilder liefern?

Das weiß ich nicht. Auch ich kenne nur die Bilder aus den Tagesthemen.

Die Täter haben mit einer Axt auf die Vitrine mit den Colliers eingeschlagen und es in Sekunden zerstört. Was ist dort für ein Glas verbaut?

Ebenfalls Hochsicherheitsglas. Wir sind davon ausgegangen, dass man eine Viertelstunde mit einer Axt darauf einschlagen muss, bevor man es beschädigen kann.

Tatsächlich dauerte es nur Sekunden...

Ja. Insofern würde ich sagen: Das, was uns der Lieferant des Sicherheitsglases versprochen hat, hat nicht gehalten.

Noch mal zurück zum Wachschutz: Als der Alarm ausgelöst wurde, hat dieser die Polizei benachrichtigt. Stimmt es, dass sie die 110 gewählt haben?

Das weiß ich noch nicht.

Gibt es keine Direktleitung zur Polizei?

Nein, es gibt keinen Direktalarm. Es passiert ja immer mal wieder, das Fehlalarm ausgelöst wird. Wir hatten sogar schon den Fall, dass eine Motte Alarm auslöst. Trotzdem nimmt das Sicherheitspersonal auch solche Fälle ernst und schaut in den Räumen nach. Wenn die Kameras aber Eindringlinge zeigen, die äußerst gewalttätig mit Äxten vorgehen, ist das Personal verpflichtet, sich nicht in Lebensgefahr zu begeben und stattdessen die Polizei zu benachrichtigen. Die ist ja auch schnellstens gekommen. Da waren die Diebe leider bereits entkommen. Wahrscheinlich auf dem gleichen Weg, wie sie hineingekommen waren, denn es gibt keinen anderen Weg.

Ist das Sicherheitspersonal bewaffnet?

Ja, sie haben Schlagstöcke.

Keine Schusswaffen? In einigen anderen Ländern ist das nicht unüblich.

Ja, aber wir sind hier ja nicht in Amerika. Wir wollen keine Schießerei im Museum.

In Deutschland dürfen Sicherheitsdienste nur an hochgefährdeten Objekten etwa der Bundeswehr Schusswaffen auch benutzen, aber nicht in Museen...

Wir hatten hier im Grünen Gewölbe in alter DDR-Tradition immer eine Person mit Schusswaffe gehabt. Wir haben lange diskutiert darüber. Ich hatte eigentlich diese Schusswaffe nur als symbolische Waffe haben wollen und wollte nicht unbedingt, dass sie auch mit Neun-Millimeter-Geschossen geladen würde.

Der ehemalige Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen, Martin Roth, hat allerdings vor Jahren behauptet, es gebe sehr wohl Sicherheitskräfte mit Schusswaffen im Grünen Gewölbe.

Herr Roth hat immer eine sehr schöne, drastische, bildhafte Sprache bemüht. Da wurde auch vieles transportiert, was nicht unbedingt... nun ja, sagen wir mal: Was nicht den Tatsachen entsprochen hat.

Als die Polizei nach wenigen Minuten eintraf, konnte sie nur bilanzieren ...

Dass es ein sehr, sehr schneller Angriff war. Aber er war Gott sei Dank nicht so erfolgreich, wie man mir es zunächst mitgeteilt hatte, nämlich dass die Vitrine komplett ausgeräumt worden sei. Natürlich bedeutet der Diebstahl einen gewaltigen Einschnitt. Aber es hätte noch schlimmer kommen können. Wenn man das rabiate Vorgehen der Diebe betrachtet, kann man davon ausgehen: Die hatten es nicht auf etwas Spezielles abgesehen, sondern auf alles, was groß ist und glitzert.

Sind die Stücke nicht zusätzlich an ihren Unterlagen befestigt?

Natürlich. Das dürfte sie möglicherweise unangenehm überrascht haben. Alle Exponaten in den Vitrinen sind an ihrem Untergrund festgenäht, mit Angelschnur. Die kann man nicht so einfach durchtrennen.

Wer könnte Interesse an der Beute der Diebe haben?

Es wird schwer werden, einen Abnehmer zu finden. Die Stücke sind einzigartig, Juwelenschmuck von Fürsten der Barockzeit ist in dieser Qualität nur im Grünen Gewölbe zu sehen. Wir werden die Informationen über Raub und Beute mit Bildern weltweit verbreiten. Die weltweite Aufregung um den Fall trägt ebenfalls dazu bei, es den Dieben möglichst schwer zu machen.

Und wenn sie den Schmuck zerstören und die Diamanten einzeln anbieten?

Auch die Szene der Diamantenhändler ist weltweit vernetzt, schon aus Selbstschutz. Und jeder Diamant hat einen Fingerabdruck. Man kann seine Herkunft nachweisen. Daher werden es auch die Steine am Markt sehr schwer haben. Insofern sind wir guter Hoffnung, dass wir die Colliers vielleicht irgendwie zurückbekommen.

Sie sind seit 27 Jahren Direktor Ihres Museums und sind dem Grünen Gewölbe ja auch emotional sehr eng verbunden. Was schmerzt Sie mehr: Der Diebstahl der Colliers an sich oder die Vorstellung, dass diese einzigartigen Kleinodien zerstört werden könnten?

Weiterführende Artikel

Juwelendiebstahl: Das Rätsel um die Tiefgarage 

Juwelendiebstahl: Das Rätsel um die Tiefgarage 

Warum brannte das Fluchtfahrzeug ausgerechnet in Dresden-Pieschen? Die Mieter dort sorgen sich um ihre Sicherheit und fürchten, dass ihre Autos kaputt sind.

Polizei gibt das Grüne Gewölbe wieder frei

Polizei gibt das Grüne Gewölbe wieder frei

Nach dem spektakulären Einbruch ins Grüne Gewölbe flüchten die Täter. Die Kriminaltechniker haben ihre Arbeit beendet. Alle Entwicklungen im Newsblog.

Der Polizist, der die Juwelendiebe jagt

Der Polizist, der die Juwelendiebe jagt

Kriminalrat Olaf Richter leitet die Soko Epaulette, die den Diebstahl im Grünen Gewölbe aufklären soll. Auch persönlich lässt ihn die Tat nicht kalt.

Grünes Gewölbe: Was wir über den Kunstraub wissen

Grünes Gewölbe: Was wir über den Kunstraub wissen

Nach dem spektakulären Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden gibt es viele offene Fragen. Was wir wissen - und was nicht.

Drei Ermittlungsansätze für den Juwelen-Coup

Drei Ermittlungsansätze für den Juwelen-Coup

Noch gibt es keine heiße Spur zu den Dieben. Die Polizei geht bei dem Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe dennoch von Profis aus.

Beides zugleich. Ich habe mich ja mit den Garnituren intensiv befasst und auch ein Buch darüber geschrieben. Dabei ist mir sehr klar geworden, welch große Bedeutung unser Juwelenschatz hat – den wir aber immer noch haben, das muss man auch mal sagen. Uns sind drei unersetzliche Schmuckstücke auf brutalste Art und Weise entwendet worden. Aber von den zehn Juwelengarnituren betrifft es drei. Sieben sind noch da. Trotzdem: Ein wenig ist es so, als wenn den eigenen Kindern etwas passiert wäre. Das tut gewaltig weh.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard

Mehr zum Thema Sachsen