merken
PLUS Zittau

"Die Vorstellung zu sterben ist grauenvoll"

Andreas Bachmann aus Oderwitz hat eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist. Die Zeit, die ihm bleibt, will er nutzen. Und dafür braucht er dringend Hilfe.

Andreas Bachmann aus Oderwitz hat ALS, eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die seine Muskeln und seinen Körper lähmt - und die immer weiter fortschreitet.
Andreas Bachmann aus Oderwitz hat ALS, eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die seine Muskeln und seinen Körper lähmt - und die immer weiter fortschreitet. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Bei dieser Hitze nervt der Schnuffel ganz schön. Andreas Bachmann steht der Schweiß auf der Stirn. Er sitzt im Rollstuhl im Garten und würde sich diese Atemmaske am liebsten vom Kopf reißen. Aber das kann er nicht. Erstens nicht, weil er seine Hände gar nicht mehr bis vors Gesicht bekommt. Und zweitens nicht, weil er ohne diesen Schnuffel ziemlich schnell ersticken würde.

Andreas Bachmann aus Oderwitz ist 46 Jahre alt. Bis vor Kurzem hat er mitten im Leben gestanden. Hat auf dem Bau gearbeitet und Fußball gespielt, war bei der Feuerwehr und ist mit seinen Kindern über die Wiesen getobt. An diesem heißen Ferientag wäre er jetzt wohl mit den Jungs im Freibad.

Autohaus Dresden
Eines der besten Autohäuser in Deutschland
Eines der besten Autohäuser in Deutschland

Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Aber Maurice, der 14-Jährige, radelt ohne seinen Vater ins Bad. Der sitzt hier im Garten in diesem Rollstuhl, und seine Mutter hält ihm die Kaffeetasse mit dem Trinkröhrchen an den Mund. Auch Kaffee trinken kann Andreas Bachmann nicht mehr selbst. "Mein Körper ist wie Pudding", sagt er. "Alles gelähmt. Nur im Kopf geht's noch". Er muss sich wirklich motivieren, um nicht völlig zu verzweifeln in dieser Lage. Es sind seine Frau, seine Kinder, seine Eltern und der Rest der Familie, sagt er, die ihm helfen, am Leben zu bleiben. Irgendwie.

Andreas Bachmann hat ALS, eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die seine Muskeln lähmt - und die unaufhaltsam fortschreitet. Vor knapp vier Jahren hat es angefangen. "Ich konnte die Arme nicht mehr über dem Kopf halten. Da war plötzlich die ganze Kraft raus. Ich konnte nicht mal mehr den Kleinen hochheben", erzählt er. Vin-Luca, der Kleine, war da gerade erst vier.

"Sie haben noch anderthalb Jahre"

Jetzt ist Bachmanns jüngster Sohn acht, und sein Vater bereits ein Pflegefall mit der höchsten Pflegestufe 5. Aber einer, der  kämpft und der leben will. "Die Vorstellung zu sterben, ist grauenvoll", sagt Andreas Bachmann. "Ich darf da gar nicht dran denken."  Aber der 46-Jährige macht sich auch keine Illusionen.

"Sie haben noch anderthalb Jahre", haben ihm die Ärzte gesagt. Das war 2018. "Es war ein Schock", sagt der Oderwitzer, "ich bin erst mal in ein ganz tiefes Loch gefallen." Seine Frau, seine Kinder, seine Eltern haben ihn da wieder rausgeholt. Die Eltern, beide seit Kurzem in Rente, kommen jeden Tag und kümmern sich um ihn, damit Katrin, seine Frau, wenigstens halbtags arbeiten kann.

Katrin ist Krankenpflegerin. "Das ist für mich jetzt ein klarer Vorteil", sagt Andreas Bachmann und schmunzelt verschmitzt. Manchmal hilft ein bisschen Galgenhumor. Die anderthalb Jahre sind inzwischen um. Wie viel Zeit ihm und seiner Familie noch bleibt, weiß er nicht. Und deswegen kämpft er um jeden Tag Leben und um jedes noch so kleine bisschen Lebensqualität. 

Mit den Krankenkassen kämpft er gerade um einen neuen Elektrorollstuhl mit Nackenstütze, der mit fortschreitender Krankheit nachgerüstet werden kann. Er braucht einen neuen Treppenlift, der ihn mit dem Rollstuhl nach oben in seine Wohnung bringen kann. "Wir wollen hierbleiben, in diesem Haus und in diesem Garten, in dem wir alle zusammen wohnen", sagt er. Aber die Anträge und Bitten um Genehmigungen sind nervenaufreibend und kosten Zeit. Und immer ist da auch die Angst, dass die Krankheit schneller fortschreitet, als die Hilfsmittel kommen.

Noch einmal mit der Familie ans Meer

Auch finanziell kommt die Familie dem Verlauf der Krankheit kaum noch hinterher. "Die ganze Situation hat uns richtig den Boden unter den Füßen weggerissen. Wir wissen manchmal gar nicht, wie es weitergehen soll", sagt Andreas Bachmann leise. "Wir haben doch noch so viel vorgehabt." 

Noch einmal mit der ganzen Familie in den Urlaub an die Ostsee fahren zum Beispiel. Aber dieser Wunsch ist gerade nicht erfüllbar für Andreas Bachmann. Denn dafür würde die Familie ein größeres Auto benötigen, in dem er im Rollstuhl mitfahren kann. Ein rollstuhlgerechtes Fahrzeug würde auch helfen, Andreas wieder mehr unter die Leute zu bringen. Seit er an den Rollstuhl gefesselt ist, sitzt er zu Hause fest, kann höchstens mal ein Stückchen durchs Dorf fahren. Oder zu den Bauarbeitern, die gerade an der B96 bauen. Ein bisschen fachsimpeln mit den alten Berufskollegen. Aber bis ans Meer?

Ein Lichtblick und eine Spendenaktion

Für solche Fälle gibt es die Stiftung Lichtblick, eine Initiative der Sächsischen Zeitung für Menschen in Not. "Wir werden der Familie auf jeden Fall helfen", sagt Stiftungsvorsitzende Katharina Lohse. Doch selbst der höchstmögliche Spendenbetrag, den die Statuten zulassen, reicht nicht für den Kauf eines Autos. Aber er ist ein Anfang.

An dieser Stelle kommt Silvio Bachmann ins Spiel, Andreas' Bruder. Er hat auf der Spendenplattform "betterplace" im Internet eine Spendenaktion initiiert: "Kranker Papa braucht dringend ein Auto". 6.800 Euro sind dort schon zusammengekommen. "Ich wollte das zuerst nicht", erzählt Andreas Bachmann. "Da muss man sich ja richtig outen. Das kostet schon ganz schön Überwindung".

Aber jetzt ist er glücklich und hat wieder richtig neuen Lebensmut gefasst. "Wenn das klappt, das wäre so großartig", sagt er.  Und alle Verwandten und Freunde drücken die Daumen, dass das Geld für ein rollstuhlgerechtes Auto so schnell wie möglich zusammenkommt.

"Es ist auch unglaublich, wie oft die Aktion im Netz schon geteilt wurde", sagt Andreas Bachmann. "Das hat mich richtig überwältigt und gerührt." Aber er hat auch gemerkt, was das für ein Gefühl ist, dass nun so viele über ihn und seine Krankheit Bescheid wissen. Er kriegt jetzt Anrufe und E-Mails von alten Bekannten: Mensch Bachi, das haben wir doch gar nicht gewusst. Aber Mitleid will der Oderwitzer nicht. Lieber mal jemanden zum Reden. "Ich freue mich über jedes Schwätzchen", sagt er und lächelt. 

Und dann ist da wieder dieser Galgenhumor: "Ich wollte ja immer berühmt werden und mal in die Zeitung kommen. Aber doch nicht gerade so."

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Zittau