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Angekommen im Waldschulheim

Seit einem Jahr leitet Chris Lehmann die Einrichtung in Halbendorf. Am Sonntag können sich Interessenten alles anschauen. Und selbst aktiv werden.

© Uwe Soeder

Von Kerstin Fiedler

Halbendorf. Sie blinzelt in die Sonne und freut sich über ein paar Minuten Ruhe. Denn gerade jetzt in der Hauptsaison überschneiden sich An- und Abreise oft im Waldschulheim in Halbendorf/Spree in der Gemeinde Malschwitz. Da muss dann auch Chris Lehmann, die Leiterin der Einrichtung, mit anpacken. Am Sonntag freuen sich die Mitarbeiter auf hoffentlich viele Besucher, denn da gibt es aus Anlass des Umgebindehaustages einen Tag der offenen Tür in der Einrichtung. Und das 25-jährige Bestehen wird gleich mit gefeiert.

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Die Arbeit im Verein der Schullandheime Bautzen kennt Chris Lehmann schon lange. Obwohl sie keine Erzieherin ist. Gelernt hat die Kirschauerin den Beruf einer Facharbeiterin für Textiltechnik. „Aber ich habe in dem Beruf nie gearbeitet, ich musste den Beruf einfach erlernen“, sagt die freundliche Frau. Denn eigentlich wollte sie Töpferin werden. Doch das war schwer, wenn man zu DDR-Zeiten keine Beziehungen hatte. Also hat sie nach Ende der Ausbildung alles Mögliche gemacht, auch mal gekellnert. „Ich wollte ja niemandem auf der Tasche liegen“, sagt die 46-Jährige. Nach der Wende ging sie in den Schwarzwald, doch die Familie konnte sich mit einem Umzug nicht anfreunden. Also kam sie zurück und suchte nach Arbeit. Da war im Schullandheim in Neukirch gerade die Stelle eines Hausmeisters frei. „Da ich zu Hause immer schon die Kreative war und handwerklich nicht so schlecht bin, habe ich mich beworben“, erzählt Chris Lehmann. Das war 1999. Alles Weitere hat sich dann einfach so ergeben, sagt sie. Neben den Hausmeistertätigkeiten rutschte sie bei den kreativen Angeboten mit rein, hat später auch mal eine Gruppe übernommen, die Einweisungen für die Neuankömmlinge gemanagt – und plötzlich wurde sie als Nachfolgerin für die damalige Leiterin eingearbeitet. Da dafür damals keine Erzieher-Ausbildung nötig war, konnte sie die Stelle 2007 übernehmen. „Das hat mir viel Spaß gemacht, wir waren eine tolle Truppe“, sagt Chris Lehmann, die ihren Vornamen übrigens bekam, weil ihre Mutter die Schlagersängerin Chris Doerk mag.

Viel zu verkraften

Doch dann wurde 2015 aus dem Schullandheim eine Unterkunft für sogenannte Umas – unbegleitete männliche Asylbewerber. Zunächst arbeitete die Mutter zweier Töchter noch dort, ging zwischenzeitlich auch ins Schullandheim nach Burk, um die Ferienlager zu betreuen. Doch als sie dann eine vierjährige berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher machen sollte, zog sie die Reißleine. „Ich war ausgebrannt“, sagt sie. Was sicher auch mit ihrer familiären Situation zu tun hatte. Eine Tochter ist aus dem Haus, die zweite ist 13 Jahre. Ihr Mann, der bei der Bundeswehr angestellt ist, trennte sich von der Familie. Hintergrund ist, dass er Einsätze in Afghanistan nicht verkraftet hat. „Es fiel ihm auch später, wenn er in Deutschland unterwegs war und nur am Wochenende nach Hause kam, schwer, sich an die Situation in der Familie anzupassen“, schätzt Chris Lehmann ein. Heute kann sie darüber sprechen, auch wenn es schwerfällt. Sie haben wieder ein gutes Verhältnis zueinander. Doch zu Hause in Kirschau, wo auch ihre Eltern mit auf dem Hof wohnen, sind viele Dinge zu schultern. Nicht nur Haus und Hof sind zu pflegen, sondern auch Tiere. „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir dort sehr viel abnehmen“, sagt Chris Lehmann. Noch zumal sie aus der Neukircher Zeit noch einen jungen Afghanen zu Hause aufgenommen hat, der nun, wo er 18 ist, zunächst wieder ausziehen musste. „Das verstehe, wer will, ich nicht“, sagt sie schulterzuckend.

Und dann kam die Anfrage, ob sie sich vorstellen kann, Halbendorf zu übernehmen. Im März vergangenen Jahres hat sie zunächst mal reingeschnuppert. „Die erste Zeit, die ich hergefahren bin, habe ich unterwegs überlegt, umzukehren“, sagt sie. Doch sie ist ein Kämpfertyp, hat sich das Vertrauen ihrer Mitstreiter erst einmal erarbeiten, ja zum Teil erkämpfen müssen. „Die dachten, ich bleibe auch nicht hier“, sagt Chris Lehmann. Doch in den vergangenen Jahren sei sie bodenständiger geworden. Freie Zeit und Gesundheit sind wichtiger als materielle Dinge. „Es ist schlimm, dass Menschen so unzufrieden sind“, sagt sie. Deshalb sei es wichtig, zum Beispiel die Kinder vor Ort einfach mal in den Arm zu nehmen, Glücksgefühl zu verschenken.

In diesem Jahr in Halbendorf hat sich einiges verändert. Es gibt eine neue Küche, die Finnhütten sind fertig renoviert. Auch im Außengelände hat sich einiges getan. „Ich bin jetzt angekommen“, sagt die Frau mit den feuerroten Haaren.

Tag der offenen Tür im Waldschulheim Halbendorf/Spree am Sonntag von 11 bis 16 Uhr mit vielen Angeboten im und rund um das Haus, auch Paddeln auf der Spree