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Architekt der begrabenen Gastronomie

Holunder überwuchert die bröckelnde Eingangstreppe. Schmutziggraue Buchstaben sind auf die mannshohen Fenster geschmiert. „Jämmerlich“, sagt Günter Gruner, als er vor der einstigen Selbstbedienungs-Gaststätte Picknick auf der Grunaer Straße steht.

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Von Kay Haufe

Holunder überwuchert die bröckelnde Eingangstreppe. Schmutziggraue Buchstaben sind auf die mannshohen Fenster geschmiert. „Jämmerlich“, sagt Günter Gruner, als er vor der einstigen Selbstbedienungs-Gaststätte Picknick auf der Grunaer Straße steht. Seit fast 20 Jahren ist sie ungenutzt. „Jämmerlich, wie verlottert das Haus ist.“ Als es im Juni 1961 öffnete, war es das modernste Schnellrestaurant Dresdens, erinnert sich der 82-Jährige. Nun sind Gerüste aufgebaut. Der Investor hüllt sich zu seinen Plänen in Schweigen. „Ich bin gespannt, was daraus wird“, sagt Gruner.

Das Rundkino 1966 wird ein Wettbewerb für seine Gestaltung ausgeschrieben. Gebaut wird der zweitplatzierte Entwurf, der unter Gruners Leitung entstand. Eröffnung 1972. Foto: Archiv
Das Rundkino 1966 wird ein Wettbewerb für seine Gestaltung ausgeschrieben. Gebaut wird der zweitplatzierte Entwurf, der unter Gruners Leitung entstand. Eröffnung 1972. Foto: Archiv
Der Fresswürfel Seine markante Glas-Aluminium-Fassade bestimmte den Postplatz. 1967 eröffnet, bot es zahlreichen Restaurants, Bars und Cafés Platz. Abriss 2007. Foto: Marion Gröning
Der Fresswürfel Seine markante Glas-Aluminium-Fassade bestimmte den Postplatz. 1967 eröffnet, bot es zahlreichen Restaurants, Bars und Cafés Platz. Abriss 2007. Foto: Marion Gröning
Günter Gruner vor dem „Dreckschen Löffel“ auf der Grunaer Straße. Fast jeder Dresdner über 40 kennt eine Geschichte zum Besuch darin. „Es spricht für ein Gebäude, wenn es einen Namen bekommt“, sagt der Architekt. Foto: André Wirsig
Günter Gruner vor dem „Dreckschen Löffel“ auf der Grunaer Straße. Fast jeder Dresdner über 40 kennt eine Geschichte zum Besuch darin. „Es spricht für ein Gebäude, wenn es einen Namen bekommt“, sagt der Architekt. Foto: André Wirsig © André Wirsig

Der Architekt ist gerade 30 geworden, als er den Pavillon mit seinen Kollegen Gerhard Landgraf und Herbert Löschau entwirft. Laut Auftraggeber HO soll es eine Gaststätte werden, in der es schnell und preiswert etwas zu essen gibt. Die Lage an der Kreuzung von Grunaer und Güntzstraße verheißt enormen Durchgangsverkehr. „Also haben wir hier ein sogenanntes Ticketrestaurant geplant, bei dem der Gast am Eingang einen Bon erhält. An einer langen Theke wählt er Speisen und Getränke aus, der Bon wird gelocht und an der Kasse bezahlt“, sagt Gruner. Weil bei jedem Objekt Kosten zu sparen sind, verzichtete das junge Architektenteam auf einen durchgängigen Keller. „Für die Gastronomen war das eine Katastrophe. Sie konnten nicht ausreichend Lebensmittel einlagern. Damals kam nicht wie heute eine tägliche Lieferung“, sagt Gruner. Sauberkeit und Esskultur lassen im Picknick jedoch sehr schnell nach, und so hat das Haus bald seinen Namen weg. Viele Dresdner kennen es nur als den „Dreckschen Löffel“. Der Architekt selbst hat es kaum besucht, sagt er.

Anders bei seinem nächsten Projekt, das ganz andere Dimensionen bekommt. Gruner ist im Volkseigenen Betrieb Hochbauprojektierung längst ein Spezialist für Gastronomie-Bauten. Gemeinsam mit Gerhard Müller entwirft er das Haus am Zwinger, das Platz für 1 416 Gäste bietet. Tanzbar, Jugendcafé, Grillbar, Radeberger Bierkeller und auch eine Selbstbedienungsstrecke sind integriert. Gruner schwärmt zurückblickend von den Wandbildern und der Einrichtung. 1967 öffnet der größte gastronomische Komplex der DDR. Im Volksmund wird es der Fresswürfel.

„Es gab strenge Auflagen vom Denkmalschutz, dass der Blick auf den Zwinger nicht zugebaut werden durfte“, sagt Gruner. Und wundert sich, dass dies heute überhaupt keine Rolle für die Neubebauung spielte. Als die letzten Reste seines Fresswürfels 2007 von Baggern niedergerissen werden, steht Günter Gruner dabei. Die Fotos davon bewahrt er in Umschlägen im Arbeitszimmer auf. Er versucht, für sich eine Erklärung zu finden. „Mit der Wende begann eine andere Gesellschaftsordnung. Plötzlich spielten private Interessen eine große Rolle. Und die Verantwortlichen der Stadt Dresden interessierte es nicht, was mit den Gebäuden aus der DDR wurde“, sagt Gruner. Er empört sich nicht darüber. Das führe zu nichts, glaubt er. „Wieso sollte es jemanden interessieren, was der Architekt beim Abriss empfindet?“

Ähnlich martialische Fotos hat er gemacht, als das Restauranthaus „International“ auf der Prager Straße plattgemacht wurde. Nachdem Karstadt und Billigläden darin verkauften, fiel es ebenfalls 2007. Von der Gockelbar und der Tanzgaststätte sei nichts geblieben, außer Erinnerungen. „Natürlich ist man traurig, wenn die eigenen Häuser nicht überdauern. Aber das haben andere bestimmt“, sagt Gruner.

Täglich läuft er heute über die Hauptstraße, wo der Architekt seit vielen Jahren wohnt. Als sie 1979 übergeben wird, hat er sämtliche Geschäfte und Restaurants mit entworfen. Dabei ist ihm mit Kollegen ein Coup gelungen. „Auf der Baustelle fanden wir unter Sträuchern versteckt ein Loch. Mit Taschenlampen stiegen wir hinunter und standen staunend inmitten der Kellergewölbe des alten Neustädter Rathauses“, erinnert sich der Architekt. Sofort hat er ein Restaurant in den historischen Mauern vor Augen. Es gelingt, die Verantwortlichen der Stadt davon zu überzeugen. Mit alten Gittern des Schlosses werden die Räume im Keller abgeteilt, Kerzen brennen auf den Tischen. „Der Weinkeller war wunderschön. Doch seit dem Hochwasser 2002 ist er geschlossen“, sagt Gruner traurig.

Deshalb will er auf eines der bekanntesten Dresdner DDR-Gebäude am liebsten nicht angesprochen werden. Das Rundkino entstand unter seiner Leitung. 1972 wird es als Premierenkino eröffnet. „Es hatte die erste hängende Stahlbetondecke der DDR, war innen niveauvoll gestaltet“, sagt der Architekt. Seine Wirkung erzielte das Haus vor allem als Solitär. „Heute ist es völlig zugebaut und innen mit Fressbuden vollgestopft“, sagt Gruner.

Möglicherweise hat sein „Dreckscher Löffel“ die Chance, als Baudenkmal erhalten zu bleiben. Das Landesamt für Denkmalpflege prüft, ob eine Unterschutzstellung des Gebäudes nach Sächsischem Denkmalschutzgesetz gerechtfertigt wäre. „Mal sehen, was daraus wird“, sagt Gruner.