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In einem unbekannten Land

Nach zwanzig Jahren in Osteuropa entdeckt der Hamburger Theatermacher Georg Genoux seine Heimat neu – in Sachsen. Am Mittwoch hat sein Stück in Zittau Premiere.

Von Frank Seibel

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Der erste Blick täuscht oft. Der blonde Mann mit dem bärigen Bart sagt „Moin“, schweigt kurz und schaut sein Gegenüber an. Typisch norddeutsch. Aber wieso hat er einen französischen Nachnamen? Migrationshintergrund! „Das ist ein Hugenottenname“, sagt Georg Genoux. Hugenotten, Flüchtlinge aus Frankreich im 16. Jahrhundert. Evangelische Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.

Als Georg Genoux seinen Freunden auf Facebook angekündigt hat, wohin er jetzt für einige Wochen reisen werde, da gab es fürsorgliche Mahnungen: „Pass auf dich auf!“ Der Mann aus Hamburg wundert sich. „Das hätten sie nicht geschrieben, wenn ich nach Bielefeld oder Dortmund gefahren wäre.“ Dabei gab es in Dortmund jüngst üble Ausschreitungen von Neonazis. Nun aber Sachsen. So weit im Osten, dass es schon fast nicht mehr Ostdeutschland ist, sondern Polen. „Ich war zuvor noch nie in Sachsen“, sagt Georg Genoux. Das unterscheidet ihn nicht vom Großteil der Hamburger, ja von einem sehr großen Teil der Menschen in den „alten“ Bundesländern.

Aber der 42-Jährige ist neugierig und trotz seiner gemütlichen, ruhigen Art durchaus abenteuerlustig. Viele Jahre hat er in Moskau gelebt, dort Theaterwissenschaften studiert und gelernt, ein Bühnen- und Filmregisseur zu sein. Als es gefährlich wurde, Wladimir Putin zu kritisieren, zog er etwas weiter westlich, in die Ukraine. Vier Jahre machte Georg Genoux Theater in Kiew, bis die Krise dort das Leben zu beschwerlich machte.

Dann erreichten ihn befremdliche Nachrichten und Bilder aus Deutschland, besonders aus dem Osten. „Sachsen, das mit seiner dramatischen und tragischen Vergangenheit so viel Schönheit verkörpert, ist nun zum Sinnbild für Pegida, Rechtsradikalismus, Gewalt und Hass geworden“, sagt der Theatermacher.

Also machte er sich im Frühjahr auf den Weg in „Das Land, das ich nicht kenne“. Das ist der Titel eines Theaterprojektes, an dem Genoux seitdem intensiv arbeitet – und echte Menschen stehen dabei im Mittelpunkt. Der Autor, Regisseur und Schauspieler will die Wahrheit hinter den Klischees entdecken.

Aber das ist nicht so einfach, wie der Tagebucheintrag vom 25. Mai auf seiner Internetseite verrät: „Seit über 20 Jahren reise ich an die verschiedensten Orte slawischer Länder, um dort mit Menschen vor Ort Theater zu machen. Noch nie bin ich bei dem Versuch der Kontaktaufnahme so oft gescheitert wie in Zittau, Hagenwerder und anderen sächsischen Städten.“ Zittau ist der Startpunkt für sein Projekt, dem er den durchaus herausfordernden Untertitel „Gerechtigkeit für Sachsen“ gegeben hat. Denn in Zittau war er vor zwei Jahren mit seiner ukrainischen Theatergruppe zu Gast beim J-O-S-Festival. Immer wieder ist Georg Genoux für ein paar Wochen an der Neiße, um, wie ein Ethnologe, ganz behutsam Kontakt aufzunehmen zu Menschen, die hier zu Hause sind – oder zu Hause sein wollen.

Und immer wieder stellt er fest, dass Menschen nicht in Schubladen passen. Jener Kalle, zum Beispiel, den er neulich in Görlitz in einer Kneipe getroffen hat. Nach ein paar Bier sind sie zu bunten Schnäpsen übergegangen, jeder nach seiner politischen Facon, wie die sehr verschiedenen Männer belustigt feststellten. Der Theatermann bestellte einen Grünen, der Kalle einen Braunen, weil: „Blaue gibt´s hier nicht“. Aha, dachte der Künstler, es stimmt also, was gerade so in den Medien berichtet wird: Blau und Braun sind beinahe austauschbar. Ein paar Tage später lernte Georg Genoux, dass er zu einfach gedacht hat. Von „Kalle“ ließ er sich Görlitz zeigen und notierte in sein Tagebuch: „’Das Nazi-Schwein, die SA-Sau wollte seinen Arsch retten, deshalb haben sie die Synagoge nicht niedergebrannt. Gott sei Dank, blieb sie erhalten’. Ein Einwohner von Görlitz und Mitglied der AfD fing heute mit diesen Worten an mir zu erzählen, dass die neue Synagoge von Görlitz nur deshalb die Kristallnacht überlebt hatte, weil in der Nachbarvilla ein hoher SS- oder SA-Mann lebte, der Angst bekam, dass ein Brand auch sein Haus neben der Synagoge erfassen könnte. Danach wollte er mir die ’besetzten Gebiete’ zeigen und wir fuhren nach Polen.“

Georg Genoux hat Hagenwerder entdeckt. Den alten Kohlebagger, der als Industriedenkmal an der B 99 steht. Die Wohnblöcke aus den 1970er Jahren für die Bergleute und Kraftwerker. Er hat die leeren Fenster gesehen, aber auch die alte Dame, die sich, geschminkt, geschmückt, frisiert, aus dem Fenster lehnt und in die Welt schaut. Und er hat die kleine Kneipe des Görlitzer Ortsteiles entdeckt. „Da gibt es leckeren Hackbraten“, sagt er. Und dort trifft er auf die Menschen und ihre Geschichten: von der einst guten und gut bezahlten Arbeit im Tagebau oder im Kraftwerk, vom Niedergang der Industrie nach der Wende, von Arbeitslosigkeit, Scheidung, Suff. Aber auch von einer rauen Herzlichkeit. So zitiert er einen Stammgast in seinem Tagebuch: „Wir sind hier Kumpels wie Sau. Aber wenn man sich es hier mit uns verscherzt, kann es sehr lange dauern, bis man wieder dazugehören kann.“

„Kumpels wie Sau“ – diese Mischung aus Grobheit und Zärtlichkeit fasziniert Georg Genoux. Echte Menschen können herrlich widersprüchlich sein. Und eben nicht flach wie die Etiketten, die man ihnen aufklebt. Der Theatermacher hat Hagenwerder studiert. Auf der Bühne wird er am „Tag der Deutschen Einheit“ wie ein Reiseführer diesen etwas verlorenen Ort präsentieren. Wenige Tage vor der Premiere sitzt er in seiner Zittauer Gästewohnung und sortiert all die Notizen, die er in den vergangenen Wochen gemacht hat. Ganz früh am Tag fängt er an zu schreiben, auch wenn er abends zuvor noch mit echten Menschen in der Kneipe gesessen hat.

Bei seinen Projekten in der Ukraine ging es viel um Konflikte und um den Krieg im Osten. Feindschaften aufzubrechen, Brücken zu bauen, das reizt Georg Genoux. Und mit diesem Ansatz ist er auch nach Sachsen gekommen: Brücken zu bauen zwischen der „Außenwelt“ und Einheimischen, aber auch Brücken zu bauen zwischen den Einheimischen und den Zugewanderten. In Zittau will er eine Seniorengruppe mit einer Gruppe junger Geflüchteter zusammenbringen. „Mal sehen, ob sie miteinander etwas anfangen wollen und können.“ Einer der Zuwanderer, Ali aus Afghanistan, wird mit Georg Genoux am Mittwoch in Zittau auf der Bühne stehen. Was er dort tut, erfährt er am Wochenende. Ansatzweise. Das Stück ist schließlich noch in Arbeit. Und auch das Publikum soll Teil des Spiels werden. Die Spannung steigt, auch für Georg Genoux, der diese Art des Theaterspiels schon oft geprobt hat, in Russland, in der Ukraine. Nun in Zittau, Sachsen.

Sein Stück „Gerechtigkeit für Sachsen“ hat am Mittwoch 19.30 Uhr Premiere am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau (Theater hinterm Vorhang). Der Eintritt ist frei.