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Flüchtlingskrise, und dann?

Fünf Jahre danach sind die Zuweisungszahlen für Mittelsachsen stark gesunken. Doch was ist geblieben?

Der Protest der Anwohner Anfang 2016 war enorm, als es hieß, dass über 200 Asylbewerber in die leerstehende Schule nach Choren kommen sollten. Hauptgrund für die Kritik war die fehlende Infrastruktur in dem Ort, der sich nach Sicht der Anwohner ledigli
Der Protest der Anwohner Anfang 2016 war enorm, als es hieß, dass über 200 Asylbewerber in die leerstehende Schule nach Choren kommen sollten. Hauptgrund für die Kritik war die fehlende Infrastruktur in dem Ort, der sich nach Sicht der Anwohner ledigli © André Braun/Döbelner Anzeiger

Mittelsachsen. Die Flüchtlingswelle, sie hat Ende 2015 auch Mittelsachsen überrollt. Wohin mit den vielen Asylsuchenden? Das wusste damals auf Anhieb niemand. Auch Landrat und Bürgermeister mussten erst einmal lernen, mit der Situation umzugehen. 

Gebäude wurden leer geräumt und möbliert, um Platz zu schaffen. Mitunter unter Protest der Anwohner, wie im Fall der leerstehenden Schule in Choren. Nun, fünf Jahre danach, scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Sächsische.de blickt noch einmal zurück und sagt, wie es in Sachen Asyl zurzeit im Landkreis aussieht.

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Wie viele Flüchtlinge kamen 2015 nach Mittelsachsen?

Im Jahr 2015 waren im Landkreis nach Angaben des Unterbringungs- und Integrationsberichtes Mittelsachsen knapp 2.500 Asylsuchende und Geduldete in Einrichtungen des Kreises untergebracht. Die Zahl der Zuweisungen an den Kreis betrug damals insgesamt 2.372. Ende 2019 waren es knapp 2.000 Zuweisungen weniger.

Wie viele Asylbewerber leben heute in Mittelsachsen?

Nach Zahlen von Ende Juli 2020 beträgt die Zahl der Asylbewerber und Geduldeten im Landkreis rund 1.440. Die meisten kommen dabei aus dem Irak, Afghanistan, Indien, Pakistan, Russland, dem Libanon, Syrien, Venezuela, dem Iran sowie Georgien. Bis August wurden dem Kreis in diesem Jahr 199 Personen zugewiesen. 

Bei Alleinreisenden hat es sich dabei ausschließlich um volljährige Personen gehandelt, informiert Cornelia Kluge, Pressereferentin am Landratsamt. Pro Monat sind es im Schnitt 20 bis 30 Personen, die 2020 dem Kreis zugewiesen worden sind. Im März und April war die Zuweisung aufgrund der Corona-Pandemie von der Landesdirektion Sachsen allerdings ausgesetzt worden.

Wie hat sich die Zahl der Abschiebungen entwickelt?

Zuständig für die Abschiebung von Asylbewerbern ist nicht der Landkreis, sondern ebenfalls die Landesdirektion Sachsen. Im Jahr 2016 wurden 176 Personen aus Mittelsachsen abgeschoben. In den Folgejahren nahm die Zahl deutlich ab. In diesem Jahr wurden bisher zwölf Personen abgeschoben. Dabei ging es für drei Personen zurück nach Afghanistan, für fünf nach Georgien, für vier nach Tunesien. 2018 wurden insgesamt 18 Personen abgeschoben.

Wo sind die Asylbewerber untergebracht?

Rund 560 Plätze stehen den Asylbewerbern im Landkreis derzeit in Gemeinschaftsunterkünften sowie Wohneinheiten zur Verfügung. 130 davon befinden sich an der Friedrichstraße in Döbeln. Die größte Einrichtung für Asylbewerber steht in Freiberg an der Chemnitzer Straße 44. In dem Objekt, das nur zum Teil vom Landkreis angemietet ist, haben 182 Asylbewerber Platz. Weitere Gemeinschaftsunterkünfte befinden sich in Freiberg an der Chemnitzer Straße 50, in Mobendorf im Striegistal sowie in Lunzenau. 

Hinzu kommen noch Wohnungen an verschiedenen Stellen im Landkreis. Die Gesamtkapazität an Plätzen beträgt knapp 2.000, davon waren Ende Februar 2020 rund 70 Prozent belegt. Im April 2016 gab es noch rund 1.000 Plätze mehr. Seitdem sind kontinuierlich vom Landkreis Unterkünfte abgebaut worden.

Für 123 Personen ist Platz in der Gemeinschaftsunterkunft an der Döbelner Friedrichstraße.
Für 123 Personen ist Platz in der Gemeinschaftsunterkunft an der Döbelner Friedrichstraße. © Dietmar Thomas

Welche Flüchtlingsunterkünfte sind bisher zurückgebaut worden?

Dazu gehören beispielsweise Objekte in Roßwein, Freiberg, Rochlitz, Döbeln und Flöha. In die ursprünglich als Unterkunft geplante Einrichtung in Brand-Erbisdorf sind die Mitarbeiter der mittelsächsischen Ausländerbehörde eingezogen. Auch die Chorener Schule in Mochau war trotz Protest der Bevölkerung 2015 als Notunterkunft für 220 Flüchtlinge geplant. Der Landkreis hatte das Gebäude kurzzeitig beschlagnahmt und eingerichtet. Eingezogen ist letztlich aber niemand. Die Unterkunft wurde nicht mehr gebraucht, das Gebäude im April 2016 wieder ausgeräumt.

Auch die zuvor aufwendig für drei Millionen Euro hergerichtete Erstaufnahmeeinrichtung in einer Betriebshalle in Rossau ist am 30. September 2017 endgültig geschlossen worden. Die Halle soll bis zum Ende der Mietlaufzeit am 28. Februar 2021 noch als Reserveobjekt dienen. Das Mobiliar aus den Einrichtungen wurde, wenn es noch gebrauchsfähig gewesen ist, in andere Objekte umgesetzt oder eingelagert, so Pressereferentin Cornelia Kluge.

Wie haben sich die Familiennachzüge entwickelt?

Personen, die in Deutschland Asyl- oder Flüchtlingsstatus haben, können ihre Familienangehörigen, Ehepartner und Kinder, zu sich holen. Die meisten Angehörigen kamen 2017 nach Mittelsachsen (75) Schon ein Jahr später sank die Zahl wieder (39), für 2016 sind 38 Nachzüge registriert. Im vergangenen Jahr gab es noch weniger Nachzüge (5). In diesem Jahr steigt die Zahl wieder. Bis Ende Juli gab es elf Fälle.

Wie werden die Kinder und Jugendlichen integriert?

An einigen Schulen, wie zum Beispiel der Kunzemannschule in Döbeln sowie der Oberschule in Waldheim, sind Vorbereitungsklassen eingerichtet worden. Diese sollen dabei helfen, dass die Kinder die deutsche Sprache lernen. Zudem erfolgt eine schrittweise Integration in den Regelunterricht. 

Volljährige können in Freiberg das Kolleg besuchen und dort ein Abitur für Migranten ablegen. Damit ist auch für diese jungen Menschen ein Studium in Deutschland möglich. Wer ohne Schulabschluss in Mittelsachsen gelandet ist, der kann sich über eine vom Bund initiierte Bildungsmaßnahme auf den Hauptschulabschluss vorbereiten, eine wichtige Voraussetzung für den Beginn einer Ausbildung.

Wie viele unbegleitete minderjährige Asylbewerber gibt es in Mittelsachsen?

Aktuell werden nach Angaben des Landkreises 15 unbegleitete, minderjährige Asylbewerber (Uma) durch das Jugendamt betreut. 2020 sind bisher keine neuen dazugekommen. Genau 103 wurden 2015 registriert. 

„Unbegleitete minderjährige Ausländer werden nach ihrer Einreise und der sich anschließenden Inobhutnahme durch das Jugendamt grundsätzlich in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe beziehungsweise in Pflegefamilien untergebracht“, informierte Cornelia Kluge. Aktuell würden im Kreis keine Plätze nur für UMA vorgehalten. Die Unterbringung werde entsprechender der Zuweisung und der Person entschieden.

Wie sind die Asylbewerber auf dem Arbeitsmarkt integriert?

Nach Angaben des hiesigen Jobcenters haben sich Ende 2019 71 Personen aus Afghanistan, Syrien, dem Iran sowie dem Irak, Nigeria, Pakistan, Eritrea sowie Somalia in einer Ausbildung befunden. Im März 2020 gab es aus der Gruppe der arbeitslosen Personen aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern 100 Männer und Frauen, die in eine Erwerbstätigkeit gewechselt sind.

In welchen Branchen haben sie einen Job gefunden?

„In der Regel erfolgen Beschäftigungsaufnahmen in Anlern- oder Helfertätigkeiten, bevorzugt im verarbeitenden Gewerbe, der Gastronomie, dem Verkehr und der Lagerei sowie dem Handel“, sagte Frank Seidel, Fachexperte Führungsunterstützung und Öffentlichkeitsarbeit am Jobcenter. Wenn formale Abschlüsse bereits vorliegen und Anerkennungsverfahren teilweise durchlaufen worden, dann erfolge mitunter auch die Anstellung als Fachkraft oder Spezialist.

Welche Hilfe gibt es bei der Integration auf dem Arbeitsmarkt?

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Um Menschen mit Migrationshintergrund zur Ausbildung oder auf den Arbeitsmarkt zu verhelfen, gibt es Arbeitsmarktmentoren. Sie sind Ansprechpartner für die Firmen und übernehmen bürokratische Aufgaben für die Migranten. Für die Region Döbeln ist Träger des Programms der DRK-Kreisverband Döbeln-Hainichen. (mit vt)

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