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Auch das Alte Testament ins Neu-Sorbische übersetzt

Mìræin Salowski (74) aus Crostwitz feiert heute Dankgottesdienst zum 50. Jahrestag seiner Primiz. SZ befragte ihn zu seinen Erinnerungen, Lebensmut und Lebenssichten.

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Primiz ist die erste Eucharistiefeier eines neugeweihten Priesters mit seiner Heimatgemeinde. Der Volksmund sagt: Es lohne sich, für den Segen ein paar Schuhsohlen durchzulaufen. Welchen Segen spendeten Sie damals?

Der erste Segen galt meinen Eltern. Dann natürlich der Gemeinde. Allen Anwesenden. Es war der Dank des Neupriesters an seine Angehörigen. Für mich war es eine Besonderheit, mit 24 Jahren ausgeweiht zu werden.

Warum?

Ich war frühzeitig zum Studium gekommen. Dank guter Griechisch-Kenntnisse. Ich hatte die Sprache am Schiller-Gymnasium in Bautzen gelernt. Später, ab 1951, am Sorbischen Gymnasium Bautzen.

Was verbindet Sie gerade mit Crostwitz?

Hier wurde ich am 12. Juni 1932 getauft. Hier war am 31. März 1940 meine Erstkommunion. Hier firmte mich am 6. April 1942 Bischof Legge. Hier feierte ich am 1. Juli 1956 Primiz. Eine Kette von Ereignissen – stets in Crostwitz.

Eine Kette, die noch weiterging?

Ja. Ich war nach meiner Primiz sieben Jahre Kaplan in Crostwitz. Eben die Zahl sieben steht für Fülle und für Reichtum. Später, nach drei Jahren in der Diaspora in Leipzig in der Gemeinde St. Trinitatis Propstei 1963-1966, der Zeit als Kuratus bis 1972 in Wittichenau und bis 1978 als Pfarrer in Ostro, war ich bis zu meiner Erkrankung 19 Jahre lang Pfarrer in Crostwitz. Das ist ungewöhnlich, dass jemand in seiner Taufkirche auch Pfarrer wird. Noch ungewöhnlicher war: Ich fing in Crostwitz genau am 28. Oktober 1978 an – am gleichen Tag, an dem Papst Johannes Paul II. in sein Amt eingeführt wurde. Das ist wie eine Fügung Gottes.

Wie wuchsen Sie in die Gemeinde hinein?

Indem ich nie von oben herab predigte. Jede Familie kenne ich. Ich habe im Laufe der 19 Jahre alle besucht. Das Kostbarste war mir immer die Seelsorge. Und die innige Liebesverbindung mit dem Leib Christi und dem einzelnen in der Kommunion.

In den 60er Jahren übersetzten Sie mit anderen Theologiestudenten das Neue Testament vom Griechischen ins Obersorbische. Wie kam es dazu?

Beim Studium in Erfurt lehrte uns Professor Dr. Heinz Schürmann neutestamentliche Exegese. Das war hochspannend. Ich durfte an der Herausgabe einiger seiner Bücher mitwirken. Zum Beispiel schrieb ich das Register für „Jesu Abschiedsrede“. Eine Heidenarbeit! Schürmann hat damals an einer neuen Leseordnung der Heiligen Schrift mitgearbeitet. Als Experte für Liturgie hat er uns begeistert und ermutigt zu eigenen Arbeiten.

Wie nötig war die Übersetzung?

Im Sorbischen gab es damals zwar schon Gebetbücher, Gesangbücher. Es fehlte jedoch die vollständige katholische Übertragung der Bibel. Mit den ersten Arbeiten dafür begannen wir am 10. Mai 1953. Beno Šo³ta aus Sdier, Mìræin Wiæcaz aus Crostwitz, Johann Kindermann aus Räckelwitz, Cyril Pjech aus Neudörfel, Joachim Petasch aus Crostwitz und ich wirkten mit. 1966 habe ich Professor Schürmann das fertig übersetzte Neue Testament geschickt. Als Antwort schrieb er: „Ich hoffe, dass der Herr mir als eurem Lehrer einige Prozente der Arbeit zugesteht. Sie hat nur einen Mangel. Ich kann sie leider auf Sorbisch nicht lesen.“

Wie aufwendig war die Übersetzung?

Es ging nur in Schritten. 1966 war das Neue Testament geschafft. 1968 die Psalmen. 1973 das Alte Testament mit den prophetischen und Lehrbüchern, 1977 das Alte Testament mit dem Rest. Leider gelang keine ökumenische Bibel-Ausgabe. Mìræin Wiæaz und ich schlugen das im Juni 1952 dem sorbischen evangelischen Superintendenten Gerhard Wirth in Neschwitz vor. Er lehnte es ab. Ich bedauerte das damals sehr.

Wie wichtig war die Übersetzung für die Sprachpflege?

Die Sprache musste einen sorbischen Stil erhalten. Sie musste eine edle und moderne Sprache sein. Sklavisch hielt man sich früher noch an Artikel vor den Substantiven. Es gab manche Verdeutschung. Lesen hieß etwa „lazowaæ“ und rechnen „rachnowaæ“. Die Bibel ist das Fundament der Sprache, das Fundament der Kultur. Gerade auch im Sorbischen. Sprache entwickelt sich weiter. Das Wort „Siegel“ stand früher etwa als „zygl“ in der Bibel, heute gut sorbisch als „pjeèat“. Mit der Überarbeitung verschwanden auch Druckfehler. Ein ganz grober tauchte etwa im Brief Paulus an Titus auf. Hier wurden die Kreter mit Køesæenjo (Christen) verwechselt.

Gibt es bald eine Neuauflage der Bibel?

Ab September dieses Jahres erscheint sie als „Swjate pismo“, als überarbeitete komplette Gesamtausgabe. Sie wird sogar bebildert sein. Jedes Wort, jeden Satz haben wir durchgesehen. Wir – das sind außer mir Lektorin Lucija Bejmina, Pfarrer Gerat Wornar, Lektorin Irena Šìrakowa und Jurij Šìrak, der frühere Stilisator von Serbske Nowiny.

Welche Veränderungen sehen Sie zwischen 1956 und 2006 für Priester?

Die Welt ist globaler geworden. Die politische Freiheit hat uns die Konsumgesellschaft gebracht. Geistige Werte geraten ins Hintertreffen. Sie zu wahren, hinaus in die Welt zu tragen (so wie Johannes Paul II.) – das ist die große Herausforderung an junge Priester heute.

Wachsen überhaupt genügend junge sorbische Priester nach?

In besten Zeiten waren wir sechs Theologiestudenten in Erfurt. Heute gibt es aus Ostro einen einzigen Studenten. Hoffen wir, dass er sein Ziel schafft.

Viele junge Sorben gehen notgedrungen – der Arbeit wegen – weg. Beunruhigt Sie das?

Meine Großnichte Lydia Kindermann ist jetzt 18. Warum soll sie nicht in München Pharmazie studieren? Soll ich ihr das verbieten? Ich war selbst drei Jahre in Leipzig, in der Diaspora. Die Erfahrung dort hat mir sehr gut getan. Entscheidend ist doch, dass junge Sorben Sorben bleiben, dass sie ihrer Sprache, ihrem Glauben und ihren Überzeugungen treu bleiben. Egal wo sie später leben.

Gespräch: Andreas Kirschke