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Auf den Turm!

Großenhains schönste Ruine wird 120 Jahre alt. Doch erst seit zwei Jahren kann man wieder die Aussicht genießen.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Das Gelände des jetzigen Waldparkes Kupferberg war noch vor reichlich 100 Jahren ziemlich kahl. Doch die Stadt hatte kein Geld. Und auch noch keinen Bauhof. Es waren Bürger, die auf die Idee kamen, auf dem „hohen Gebirge“ einen Aussichtsturm zu errichten. In einem Verschönerungsverein, der vorher schon für das Anlegen des Stadtparkes gesorgt hatte, schlossen sie sich zusammen. Aber es gab auch damals bereits die allbekannten Pessimisten. Die meinten, es werde von dem Turm aus nichts zu sehen sein.

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Sie wurden eines Besseren belehrt. Als das Bauwerk nach einjähriger Bauzeit aus Feldsteinen 1894 errichtet war, sorgte schon das Äußere des Turmes für Aufsehen: Wie eine künstliche Ruine ragte er 14 Meter in die Höhe. Die Grundidee stammte von den Britischen Inseln, wo man zwischen 1850 und 1900 oft solch romantisierenden Baustil gewählt hatte. Architekt Fleischer aus Dresden nahm darauf Bezug. Der Blick ging frei in alle Richtungen, und der damalige Amtshauptmann als Chef des Verschönerungsvereins lobte die Fernsicht.

Es dauerte aber 14 Jahre, bis die Bäume hinzukamen. 93 000 Stück wurden vom Verschönerungsverein aufgeforstet und vier Sichtachsen angelegt. Der Waldpark war somit entstanden. Immerhin ist 1904 schon ein Ausschank eröffnet worden, und die Großenhainer zog es am Wochenende hinaus auf den Kupferberg. Der Aussichtsturm war beliebtes Ausflugsziel.

Das Areal verschönerte sich bald weiter. Im November 1911 kam der Faunbrunnen mit dem Faundenkmal hinzu, geschaffen vom Dresdner Künstler Walter Rehn. Bis 1918 hatte er seinen Standort auf dem Kupferberg. 1912 wurden die Rodelbahn auf der nördlichen Sichtachse angelegt und der erste Urnenhain Sachsens eröffnet. An ihn erinnert noch heute das markante Eingangstor. Die Begräbnisstätte durfte aber erst 1921 in genutzt werden, dann auch nur bis 1935. Attraktion für Ausflügler war zudem der Steingarten mit einer Findlingssammlung. Welch großer Beliebtheit sich der Kupferberg mit seinem Panoramaturm damals erfreute, davon künden Schilderungen von Obergartenmeister Paul Geringswald von 1930: „Der Park liegt abseits von Lärm und Trubel. Auf verschlungenen Waldwegen kommt der Spaziergänger in das Innere ... Schöne Felspartien sowie die Partie an der Nordostseite des Parkes mit den angepflanzten Silberfichten erfreuen das Auge des Betrachters. Auch durch wilde Steinbrüche führen Wege, bevor der Besucher zum Aussichtsturm und zur Kupferbergwirtschaft gelangt.“ Die Nazis nutzten den Ort als Funkstelle und Beobachtungspunkt für Flugbewegungen. Nach Kriegsende soll es noch Großenhainer gegeben haben, die mit einem Fernglas vom Turm aus den Flugbetrieb der Russen auf dem Flugplatz beobachteten. Das wurde schnell unterbunden. Für ein halbes Jahrhundert blieb der Turm daraufhin gesperrt.

Pünktlich zur 100-Jahrfeier wird auf dem Kupferberg ein Hotel eröffnet – am 1. Dezember 1994. Doch die alte Aussicht auf dem inzwischen baufälligen Turm bleibt den Gästen verwehrt. Endlich, im Februar 2009, gründet sich eine Initiative, die sich wie einst Verschönerungsverein nennt. Die will den Turm um neun Meter aufstocken. Diplom-Ingenieur Horst Wilhelm ist dabei, der ehemalige Wildenhainer Bürgermeister Frank Boragk oder Ex-Polizist Lothar Fiebig. Fast wäre Wilhelm beim Bau der Erhöhung erschlagen worden. Und fast hätte der Denkmalschutz den Aufsatz nach dem Tornado nicht mehr genehmigt. Doch 3,70Meter ist er nun hoch.