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Pirna

Auf der Suche nach der Akte

Christoph Hampel aus Pirna zeigt in Struppen seinen „Liniencode²“. Die Entschlüsselung lohnt sich.

Kreatives Chaos: Christoph Hampel in seinem Interimsatelier im Schloss Struppen mit den Bildern „Alleingängerteam“ (links) und „versagen“.
Kreatives Chaos: Christoph Hampel in seinem Interimsatelier im Schloss Struppen mit den Bildern „Alleingängerteam“ (links) und „versagen“. © Thomas Morgenroth

Zwei Männer, die uns den Rücken zukehren, bedrängen einen schelmisch lächelnden Glatzkopf mit der Frage: „Wo ist die Akte, Kurt?“ 

Tja, die Antwort weiß nur einer. Nein, nicht der Kurt, sondern Christoph Hampel. Der Pirnaer hat das Bild mit diesem Titel gemalt; eine heitere, ironische, ja, schon fast satirische Auseinandersetzung mit der zu allen Zeiten der Menschheit üblichen Taktik der Vertuschung unliebsamer Wahrheiten, die dem einen nützen und dem anderen schaden könnten. Weg ist weg, besser ist es. Kurt weiß das. Vielleicht bekam er eine Dienstanweisung oder einen Befehl, vielleicht wurde er auch erpresst oder bestochen.

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Nun denn, am Ergebnis ändert sich nichts. Die Frage allerdings, sind es die Bösen, die da fragen, oder ist Kurt der Böse, wird nicht geklärt. Der Kurt kann viele sein, der Politiker Biedenkopf, der Dirigent Masur, der Rockmusiker Cobain, der Literat Tucholsky oder der erfundene Kriminalkommissar Wallander. Christoph Hampel schmunzelt unter seinem Schnauzbart, die Interpretation überlässt der 62-Jährige dem Betrachter seines Gemäldes.

Wer etwas genauer hinsieht, findet übrigens die gesuchte Akte: Sie ist geschreddert und klebt auf der Leinwand. In Schlangen winden sich die aus dem Zusammenhang gerissenen Buchstaben und Wortfetzen durch die Szene, teilweise überdeckt von hellen Flächen und den Männern, denen Hampel nicht viel mehr als schwarze Umrisse gönnt. Es ist sein „Liniencode“, mit dem der Autodidakt den Verhältnissen in der Gesellschaft, aber auch den zwischenmenschlichen Verwerfungen auf der Spur ist. Hampel kultiviert eine ganz eigene künstlerische Handschrift, die zum einen mit seiner Neigung zur Zeichnung zu tun hat, zum anderen mit seiner beruflichen Tätigkeit als Sozialarbeiter und Kunsttherapeut im Jugendprojekt „UZ“ auf der Schmiedestraße in Pirna.

Das „UZ“, angesiedelt bei der Diakonie, hat Hampel ab 1992 mit aufgebaut. Jeder Jugendliche, der dort betreut wird, bekommt eine Akte, die zehn Jahre lang aufzubewahren ist. Dann wird sie vernichtet, geschreddert. Die Berichte aber, fand Hampel, die er jahraus, jahrein schreiben musste und immer noch schreiben muss, sind letztlich Teil seines Lebens, vor allem aber sind sie auch ein Abbild der Gesellschaft. Seit dieser Erkenntnis ist der inhaltsschwere Schredder der Bildgrund für Hampels künstlerische Erkundungen, in denen im Untergrund mehr mitschwingt, als auf der Oberfläche zu erkennen ist.

Christoph Hampel, „Wo ist die Akte, Kurt?“, 2019.
Christoph Hampel, „Wo ist die Akte, Kurt?“, 2019. © Christoph Hampel

Ab Sonntag ist eine Auswahl seiner jüngsten Arbeiten unter dem Titel „Liniencode²“ im Schloss Struppen zu besichtigen. Ein wesentlicher Teil der oft großformatigen Gemälde ist auch dort entstanden. Vor zwei Jahren musste Christoph Hampel aus der Schmiedestraße in Pirna ausziehen, weil der Eigentümer die Räume selbst benötigte. Seitdem wohnt er mit seiner Frau Luise auf der Oberen Burgstraße, hatte allerdings kein Atelier mehr. Das fand er nun in Struppen im Schloss, oder vielmehr, es ist ihm dort in Aussicht gestellt, denn die Räume sind noch nicht fertig saniert. Interimsweise nutzt er ein zwar großes, aber weitgehend zugeramschtes Zimmer, das mit seinem morbiden Charme ein durchaus anregender Ort für die Kunst ist.

In Struppen vergrößert Christoph Hampel schnelle Skizzen aus seinem Alltag, die er im Wohnzimmer, im Büro, auf der Straße und selbst im Auto, wenn er an einer roten Ampel anhalten muss, zu Papier bringt. „Das kleine Format hat mir geholfen, an der Kunst dranzubleiben“, sagt Hampel. „Da gibt es keine Ausreden, wenn gerade keine Arbeitsräume zur Verfügung stehen. Zeichnungen gehen immer.“ Seine Figuren, die er unterwegs in einem Augenblick beobachtet hat, beginnen auf der Leinwand ein neues Leben. Mit mitunter skurrilen Szenen kommentiert Hampel das Unergründliche menschlicher Verhaltensweisen, die lächerlich und gefährlich, aber auch liebenswürdig und bewundernswert sein können. Hampel haut nicht einfach nur drauf, er findet auch das Gute.

Hampel reizen spielerische Situationen, er lässt etwa die „Reißwolf-Combo“ eine Session im Aktenkeller spielen, einen Gitarristen und Bassisten „Phrasen in Wrasen“ dreschen oder er erfindet das neue Instrument „Schreddkordeon“. Das aus drei sich gegenseitig ignorierenden Männern bestehende „Alleingängerteam“, das sich durch ein Gitter nach außen abschottet, ist natürlich alles andere als eine Gemeinschaft, da zieht jeder an seinem eigenen Strang. Hampel kann aber auch deutlicher werden in seiner Botschaft. Mit „Rotkäppchen im Sumpf“ zum Beispiel thematisiert er die Missbrauchsskandale der Katholischen Kirche und zeigt einen untergehenden Bischof mit Pileolus auf dem Kopf.

Die Kirche, allerdings die lutherische, gehörte in Kindheitstagen zu Christoph Hampels Haushalt. Er ist als Sohn eines Pfarrers aufgewachsen, die ersten sechs Jahre in Bernsbach bei Aue, dann in Leipzig, wo sein Vater Seelsorger in der Nikolaikirche war. Hampel lernte den Beruf eines Technischen Zeichners, um dann nach der Armeezeit in Potsdam Soziale Arbeit zu studieren. Über Borna bei Leipzig, wo er bei der Inneren Mission mit geistig behinderten Erwachsenen und Alkoholikern arbeitete, und Crimmitschau, wo seine Frau als Kantorin arbeitete, kam er schließlich mit ihr und den drei Kindern nach Pirna.

Für Christoph Hampel war der Umzug nicht nur aus beruflicher Sicht ein Glücksfall. Auch seine künstlerischen Neigungen, die der damals in Leipzig lebende Maler Gil Schlesinger, ein Freund der Familie, maßgeblich beeinflusste, nahmen nun so richtig Fahrt auf. Knackpunkt war 1998 ein Projekt des inzwischen aufgelösten Kunstvereins Pirna in einer stillgelegten Fabrik im Liebethaler Grund. Hampel begann, auf ausgedienten Fenstern zu malen, verlor so die Scheu vor der weißen Fläche und stieg dann auf Leinwand um. Seither beteiligt er sich an Ausstellungen, dem Tag der Kunst und an der Straßengalerie.

2001 regte Hampel die aus bunten Kreuzen bestehende „Gedenkspur“ an, die an die 1 4751 „Euthanasie“-Opfer erinnert. Die Aufarbeitung der Geschichte der Tötungsanstalt auf dem Sonnenstein hat auch etwas mit Vertuschung und Verdrängung zu tun, die grausame Wahrheit war nur schwer zu ertragen. Vor diesem Hintergrund erlangt Hampels gemalte Frage „Wo ist die Akte, Kurt?“ eine vollkommen neue Dimension. Menschlich wie politisch.

„Liniencode²“, 23. Juni bis 25. Juli, Schloss Struppen, So.-Do. 12-17 Uhr; Vernissage am 23. Juni, 11 Uhr; Kunstgespräch mit Christoph Hampel am 6. Juli, 19 Uhr.

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