SZ +
Merken

Auf Expansions-Mission in Belantis

Radiomacher Erwin Linnenbach führt seit einem Jahr Ostdeutschlands größten Freizeitpark bei Leipzig.

Teilen
Folgen
© Sebastian Willnow

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Erwin Linnenbach gehört der halbe Freizeitpark Belantis, er liebt die Adrenalinschübe in den Loopings des „Huracan“ und der neuen Familienachterbahn „Cobra des Amun Ra“. Nur schnelle, kreiselnde Bewegungen von Karussells verträgt der 54-Jährige immer weniger, der Gleichgewichtssinn spielt ihm zunehmend einen Streich. Linnenbach hat auch so genug zu tun in seinem vielfältigen Vergnügungsreich im südlichen Leipziger Seenland.

Adrenalin pur bescheren die Loopings der Achterbahn „Huracan“ – die Hauptattraktion im Freizeitpark Belantis in Leipzig. Er hat jetzt mehr Tage im Jahr geöffnet.
Adrenalin pur bescheren die Loopings der Achterbahn „Huracan“ – die Hauptattraktion im Freizeitpark Belantis in Leipzig. Er hat jetzt mehr Tage im Jahr geöffnet. © dpa

Seit einem Jahr ist der frühere Chef von Radio PSR Geschäftsführer von Belantis, ihm gehören heute rund 53 Prozent von Ostdeutschlands größtem Freizeitpark. Aber er muss erst mal lernen, wie das alles funktioniert. „Ich fühl mich wie ein Auszubildender im zweiten Lehrjahr“, sagt der gelernte Journalist und Betriebswirt. Doch schon jetzt hat Linnenbach ehrgeizige Ziele: Besucherzahlen und Umsatz sollen nach seinem Fünf-Jahres-Plan um 50 Prozent steigen. Allein beim Umsatz bedeutet das: von 9,5 Millionen Euro 2013 über 11,3 Millionen in diesem Jahr auf 15,5 Millionen Euro bis 2018 – und das ohne nennenswerte Preiserhöhungen beim regulären Eintrittsticket für 27,90 bis 29,90 Euro. Die Eintrittsgelder machen etwa 70 Prozent der Einnahmen aus, 20 Prozent die Gastronomie und zehn Prozent die Souvenirshops. Also müssen die Besucherzahlen von 500 000 pro Jahr deutlich steigen.

All das ist nicht zuletzt eine Rechenaufgabe. Als Linnenbach im April vorigen Jahres seinen Vorgänger Nikolaus Job ersetzte, machte er eine sonderbare Entdeckung. Bis 2013 war der Freizeitpark nur 141 Tage im Jahr geöffnet, je acht Stunden am Tag, an vielen Werktagen und im Winterhalbjahr aber gar nicht. „Die Anlagen wurden nur zwölf Prozent des Jahres genutzt“, sagt Linnenbach. Seine größte Mission lautet seither: Die Öffnungszeiten ausweiten. Schon dieses Jahr sind es 169 Tage, das Ziel für 2018 lautet 210 Tage. Die Saison reicht nun vom 1. April bis 31. Oktober, Donnerstage sind jetzt geöffnet, Ferien in Nachbarbundesländern werden mit offenen Freitagen berücksichtigt. Wenn es heiß wird, bleiben die Tore abends länger offen als bis 18 Uhr.

Linnenbach hat Nachmittags- und Onlinetickets eingeführt und die leidigen Drehkreuze am Einlass abgeschafft. „Wir werden immer flexibler“, sagt er und sammelt weiter Ideen. Das große Schloss-Portal könnte auch im Winter öffnen und für Reisende auf der Autobahn A 38 eine Art „Rast-Schloss“ werden, die Wasserflächen könnten Schlittschuhpisten sein, und überhaupt will er öfter Partys veranstalten, Thementage organisieren und Anlässe schaffen. Lehrer-Tage, Ehrenamts-Tage oder Papa-Tage etwa. Dass solche Ideen funktionieren, hat ihm die Feuerwehr gezeigt. „Als wir einen Jugendfeuerwehrtag für Ende Oktober ankündigten, hatten wir schon im März 10 000 verbindliche Anmeldungen.“

Volles Haus herrscht bei Belantis auch mit Unternehmen, die den ganzen Park für Mitarbeiter mieten. Die Netto-Handelskette kam gleich an drei Tagen mit 22 000 Kollegen, DHL mit 9000 Packern, die Konsum Genossenschaft mit 2000 Mitarbeitern, und am 20. August rollt der Schokoriese Ferrero an. Allerdings heißt das für andere Besucher: Es herrscht geschlossene Gesellschaft. Vor einer Anreise lohnt ein Blick auf den Belantis-Kalender im Internet.

Erst wenn mindestens 1000 Gäste am Tag kommen, tragen sich die laufenden Kosten, rechnet Linnenbach vor. Der Park zahlt schließlich eine Stromrechnung von mehr als 300 000 Euro im Jahr, zudem verschlingen Reparaturen durchschnittlich eine halbe Million Euro pro Saison. Allein eine Seite der Pyramide reinigen zu lassen, kostet 34 000 Euro. Und die Personalkosten machen mit fünf Millionen derzeit die Hälfte des Umsatzes aus. Der Eventpark beschäftigt mehr als 70 Festangestellte sowie mehr als 700 Saisonkräfte und freie Mitarbeiter, die sich 250 feste Stellen teilen. Investitionen werden überdies aus der eigenen Kasse bezahlt. Insgesamt sind in das Gelände seit der Eröffnung 2003 rund 63 Millionen Euro Investitionen geflossen, die neue Achterbahn kostete allein drei Millionen Euro. „Wir müssten eigentlich viel mehr Geld verdienen, um unser Potenzial entfalten zu können“, sagt der Chef.

Platz zum Wachstum gäbe es genug: Bisher bespielt der Freizeitpark mit 27 Hektar nur ein Viertel der Fläche, die vor rund 15 Jahren gekauft wurde. Zu den unerfüllten Wünschen gehört, Hotels und andere Übernachtungsorte etwa am Ufer etwa des Zwenkauer Sees für Gäste aus entfernteren Regionen zu eröffnen. Gegenwärtig kommen mehr als ein Drittel der Gäste aus Leipzig und Halle, die Region Dresden rangiert auf Platz 2. Nur etwa jeder fünfte Gast stammt nicht aus den drei mitteldeutschen Ländern, sondern aus Berlin, Brandenburg und Nordbayern. Zunehmend reisen auch aus Polen und Tschechien Besucher an. „Deren Gästezahlen liegen im einstelligen Prozentbereich, das ist noch ein Riesenmarkt für uns“, sagt Linnenbach.

Der Haupteigentümer und Geschäftsführer ist ein unruhiger Geist, er weiß das. „Ich bin ein Drittgeborener, die sind so“, sagt der Mann aus dem Saarland, der selbst drei erwachsene Kinder hat. 20 Jahre war er Geschäftsführer von Radio PSR und baute die deutschlandweite Radiogruppe Regiocast mit auf. Dann machte er einen Schnitt, besann sich auf sich selbst, ging auf Wanderschaft und schmiedete Pläne für seine persönliche Zukunft. „Belantis“ hatte er Ende der 1990er Jahre mit erfunden, gegründet und einen stillen Teilhaberanteil von 4,5 Prozent gehalten. Weil sein Jungstraum, Manager beim FC Barcelona zu werden, bis dahin nicht aufging, stockte er im Oktober 2012 um 49 Prozent auf und übernahm 2014 die Belantis-Führung.

Linnenbach hat sich selbst für fünf Jahre als Geschäftsführer verpflichtet. Und er vermittelt den Eindruck, dass er daran Spaß hat. Als er Anfang Juli die Familienachterbahn „Cobra des Amun Ra“ eröffnete, war es wie seine Feuertaufe. „Ich habe mich gefreut wie ein kleiner Junge.“