SZ +
Merken

Augenzeugenbericht: „Das war wie Krieg“

Krawalle zum Vatertag. Augenzeugen berichten entsetzt über dieAusschreitungen in der Nacht zum Freitag.

Teilen
Folgen

Von Alexander Schneider

„Neu war nicht die Qualität der Gewalt, aber die Quantität“, sagte Jugendstaatsanwalt Christian Avenarius am Freitag. Immerhin: Die Polizei sei für künftige Anlässe, Fußballspiele oder das Stadtteilfest Bunte Republik Neustadt (BRN) im Juni gewarnt, sich kräftemäßig darauf einzustellen. Avenarius: „Früher waren es die Väter, heute sind es ihre Söhne, die am Herrentag außer Kontrolle geraten – und immer wegen Alkohol.“ Die Bilanz ist erschreckend: Fast 100 Verletzte, mehrere niedergebrannte oder demolierte Autos und Laster, ein Ausschankwagen und ein Pavillon im Biergarten am Narrenhäusl und immer wieder zerborstene Bierflaschen. Es müssen tausende gewesen sein, die durch die Luft flogen, ehe sie auf dem Boden zerschellten. Allein im Finanzministerium gingen fünf Fensterscheiben zu Bruch.

Krisenstab eingerichtet

Arne Heydtmann von der Veranstaltungsagentur First Class Concept hat dort die Ausschreitungen von Anfang an beobachtet. Er bereitete am Donnerstag im Lichthof des Ministeriums gerade die Gala eines Psychologen-Kongresses vor, als plötzlich etwa 300 Betrunkene auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude „ohne Grund“ seinen Miet-Laster zerlegten. „Sie zertrümmerten das Führerhaus, rissen Zierleisten und Spiegel ab, dann warfen sie Flaschen und Steine gegen die Fenster“, sagt er. Das war gegen 17.30 Uhr. Auch das Auto eines Mitarbeiters wurde beschädigt. „Ich habe sofort die Polizei gerufen.“ Als die Beamten aus den Autos stiegen, wurden auch sie beschossen. „Die sind gleich wieder weggefahren. Das war wie Krieg“, sagt Heydtmann, der das „brutale Szenario“ bis zum Ende verfolgt hatte.

Wenig später rückte die Verstärkung in voller Kampfmontur an. Fünf Chaoten wurden festgenommen, die Situation beruhigte sich zunächst. Doch nur kurz. Die Gruppe der Störer wuchs und wuchs. Gegen 22 Uhr hatten die Beamten etwa 1 000 gewaltbereite Jugendliche ausgemacht. Von der Anzahl her der Polizei weit überlegen. Im Lagezentrum der Polizei wurde ein Krisenstab eingerichtet. Einsatzleiter Richard Linß forderte weitere Kräfte und Wasserwerfer aus Sachsen an. Doch nichts passierte. Schließlich wurden Dresdner Beamte zum Dienst beordert. 200 Männer und Frauen konnte Linß schließlich aufbieten.

Pavillons und Bierzelte zerlegt

Die Rowdys zerlegten inzwischen Pavillons und Zelte des Biergartens am Narrenhäusl. Warfen mit Flaschen und Steinen auf Polizisten und Presse-Fotografen. Als die Feuerwehr vor dem Ministerium einen brennenden Fiat löschen wollte, wurde auch sie unter Beschuss genommen. Ein Behörden-BMW wurde demoliert. „Wo bleibt die Polizei?“, fragte ein junger Mann. Die Vatertagsfeier an der Elbe hatte er sich anders vorgestellt. „Die üben wohl für die BRN?“, fragte er sich. Auch im Biergarten am Narrenhäusl herrschte Entsetzen. „Prügeleien finden am Elbufer häufiger statt – aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte Kellner Maximilian Schmidt am Freitag beim großen Aufräumen. „Hier gibt’s Freibier“, habe der Mob gegrölt, als die jungen Männer, meist Anfang 20, den Ausschankwagen zerlegten.

Selbst schwere Aschenbecher wurden als Wurfgeschosse missbraucht. In letzter Sekunde habe man die Stühle anketten können, damit nicht auch sie zweckentfremdet werden. Die Chaoten rissen einen Schlauch heraus, um sich Pfefferspray aus den Augen zu waschen. „Dabei demolierten sie den Pavillon“, sagte Schmidt.