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Aus dem dritten Stock ins Leben

Ohne Treppenlift könnte Erika Schulze die Wohnung nicht mehr verlassen. Die Investition ist viel wert, sagt ihr Mann.

Von Jana Ulbrich

Am Anfang hat sie immer ein bisschen Angst, wenn sie sich auf ihren Sitz im Treppenhaus setzt. Aber wenn sie dann erst einmal den Gurt angelegt hat und die Fahrt nach unten losgeht, dann könnte Erika Schulze anfangen zu singen. So sehr freut sie sich. Aus dem dritten Stock fährt die 82-Jährige ins Leben.

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Maik Freudenberg muss lächeln, wie er die alte Dame da so froh sieht. Der 34-Jährige aus Bischofswerda ist Techniker bei der Bautzener Firma Bemobil, einem Fachbetrieb für Liftsysteme und andere Mobilitätsprodukte. Er hat den Treppenlift für Erika Schulze vor einem Jahr vermessen und eingebaut. „Das war schon eine ziemliche Herausforderung für uns“, erzählt er. 24 Meter lang ist die Laufschiene, eine der längsten, die die Firma je eingebaut hat – über sechs halbe Treppen und um sechs Kurven. Nur in Berlin, erzählt der Techniker, hat er mit 34 Metern noch einen längeren gebaut.

Maik Freudenberg ist heute zur Inspektion gekommen. Einmal im Jahr gehört das zum Service. Er hat den Lift von oben bis unten durchgeschaut, neu gefettet und geschmiert. Und jetzt bittet er Erika Schulze zur Probefahrt, prüft, wie der Gurt sitzt, wie der Sitz dreht, ob die Fußstütze noch die richtige Höhe hat. Erika Schulze lässt sich den Probelauf gern gefallen. Oben vor der Wohnungstür steht Alfred, ihr Mann. Seit 60 Jahren sind die beiden verheiratet. Seit über 20 Jahren leben sie in dem schön sanierten Altbau mitten in der Bautzener Innenstadt.

Erika und Alfred Schulze lieben ihre Wohnung, zu der sogar eine Dachterrasse gehört. Sie haben nie in Erwägung gezogen, hier wegzuziehen – auch nicht, als Erika das Treppensteigen immer schwerer fällt und sie es eines Tages überhaupt nicht mehr kann. „Einen alten Baum verpflanzt man eben nicht mehr so leicht“, sagt Alfred Schulze versonnen. „Aber es war klar, es musste eine Lösung her für Erika.“ Seine Frau in ein Pflegeheim geben? Nein, das kommt für den 79-Jährigen nicht infrage. Nicht, solange er sich noch um sie kümmern kann.

Ohne den Treppenlift könnte die 82-Jährige ihre Wohnung im dritten Stock heute nicht mehr verlassen. Für den Preis hätten Schulzes auch ein Auto kaufen können. „Aber der Lift ist viel mehr wert“, sagt Alfred Schulze. „Ich musste nicht lange überlegen. Und ich habe die Ausgabe noch keine einzige Sekunde bereut“.

Thomas Berndt kennt viele solcher Geschichten. Der 44-Jährige ist Gründer und Chef der Bautzener Firma Bemobil. Als Ein-Mann-Betrieb vor neun Jahren gegründet, beschäftigt er heute 14 Mitarbeiter. Thomas Berndt weiß, wie viel es den älteren Menschen bedeutet, in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben zu können, auch wenn sie nicht mehr so mobil und beweglich sind. Aber nur die wenigsten aller Seniorenhaushalte sind tatsächlich barrierefrei. Statistiken sprechen von fünf bis sieben Prozent. „Meistens quälen sich die alten Menschen über Treppenstufen, solange es eben noch geht“, sagt Thomas Berndt. „Und wenn es nicht mehr geht, dann verzichten sie lieber darauf, ins Schlafzimmer, ins Bad oder nach draußen zu kommen, als umziehen zu müssen.“

Dass es mit wenigen Umbaumaßnahmen auch viel einfacher gehen könnte, das wissen die meisten nicht. Bei einer Umfrage der Hochschule Zittau-Görlitz wusste nicht einmal jeder Zehnte der befragten Senioren, welche Möglichkeiten es gibt, Stufen im Wohnumfeld zu überwinden. Dabei sind die Lösungen im Normalfall auch längst nicht so teuer wie der außergewöhnlich lange Lift für Erika Schulze, der drei Stockwerke überwindet.

„Es gibt für fast jede Situation eine Lösung“, versichert Berndt. Seine Firma hat schon Lifte für 190-Kilo-Männer eingebaut, Lifte für Rollstuhlfahrer, Lifte, die um die Ecke fahren, oder solche, die auf den extrem engen Treppen Platz finden, wie es sie meistens in den kleinen Umgebindehäusern gibt. Maik Freudenberg ist inzwischen fertig mit seiner Inspektion bei den Schulzes. Erika Schulze drückt den jungen Mann fest zum Abschied. Der lächelt ein bisschen verlegen. Er erlebt oft solche emotionalen Momente. Vorige Woche, erzählt er, hat eine Frau angefangen zu weinen, als sie nach drei Jahren zum ersten Mal wieder nach oben in ihr Bad und ihr Bett konnte.

Im nächsten Teil lesen Sie: Fast wie zu Hause – ein Besuch im Pflegeheim der 4. Generation.