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Ausgemergelt und fast verhungert

Edelgard Pinkert war dabei, als Tausende Flüchtlinge ankamen. Eine selbst genähte Schutzmaske bewahrt sie bis heute auf.

Edelgard Pinkert hat eine Schutzmaske aufbewahrt, die sie 1943 selbst nähte. Die heute 90-Jährige aus Roßwein arbeitete im Sozialamt, als bei Kriegsende Tausende Flüchtlinge in der Stadt ankamen.
Edelgard Pinkert hat eine Schutzmaske aufbewahrt, die sie 1943 selbst nähte. Die heute 90-Jährige aus Roßwein arbeitete im Sozialamt, als bei Kriegsende Tausende Flüchtlinge in der Stadt ankamen. © Dagmar Doms-Berger

Von Dagmar Doms-Berger

Roßwein. Als die Rote Armee am 7. Mai 1945 in Roßwein einmarschierte, arbeitete Edelgard Pinkert im Roßweiner Rathaus. Am 1. April hatte sie ihre Ausbildung als Verwaltungsangestellte begonnen. Die Flüchtlinge und deren Unterbringung gehörten zu ihrem Aufgabenbereich. Heute ist sie 90 Jahre alt, fast 91. 

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„Ich habe alles Schwere, was das Leben mit sich bringen kann, überstanden. Ich habe den Krieg und den Brustkrebs überlebt, dann schaffe ich es auch, mit dem Corona-Virus fertig zu werden“, sagt sie. Als im Freistaat Sachsen die Maskenpflicht kam, griff Edelgard Pinkert in ihren Karton, in dem sie alte Dinge aufbewahrt. Darin befand sich noch eine selbstgenähte Schutzmaske aus leichter Baumwolle.

 „Von 1943. Die Maske musste bei Fliegeralarm getragen werden zum Schutz gegen die Brandbomben.“ Ob die aber geholfen hätten, bezweifelt sie. In diesen Tagen nimmt sie einen Mund-Nasen-Schutz aus dreilagigem Filtermaterial, den auch die Zahnärzte tragen.

Edelgard Pinkert war die meiste Zeit ihrer Ausbildung im Sozialwesen beschäftigt und insbesondere mit der Organisation der Notunterkünfte für die Flüchtlinge beauftragt. Sie kann sich noch gut erinnern, als die Fuhrwerke mit Flüchtlingen den Marktplatz füllten.

 Den Anblick werde sie nie vergessen, sagt sie. Auf jedem Wagen saßen fünf bis sieben Menschen, fast verhungert. „Sie hatten ja nichts mehr, nur das, was sie auf dem Leib trugen. Ein Elend“, sagt sie und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Die Menschen waren von den Strapazen der Flucht ausgemergelt, waren an Typhus und Ruhr erkrankt. „Je länger ich darüber nachdenke, staune ich, dass ich damals nicht krank geworden bin. Wir hatten ja mit all diesen Menschen Kontakt“, so Pinkert.

Auf der Suche nach Unterkünften

Die Menschen kamen aus Ostpreußen, Oberschlesien und Niederschlesien. Nach ihrer Ankunft brauchten die Flüchtlinge erst einmal eine Unterkunft. Edelgard Pinkert spricht von einer Mammutaufgabe, die damals zu bewältigen war. Zumal Roßwein auch keine freien Wohnungen anzubieten hatte.

 Viele Flüchtlinge zogen weiter in die umliegenden Dörfer, aber täglich kamen hunderte neue hinzu. Als Notunterkünfte dienten Fabrikhallen, zum Beispiel an der Goldbornstraße, der große Saal im Schützenhaus sowie die Holzbaracken, die am Sportplatz standen. Dort schliefen die Menschen dicht gedrängt nebeneinander. Alte neben Jungen, Frauen neben Männern. 

„Ich hatte die Aufgabe, Stroh für die Betten zu organisieren“, sagt die 90-Jährige. Woher das Stroh kam, könne sie nicht mehr sagen. Das Stroh musste aber immer wieder ausgewechselt werden. Zwei, drei Mitarbeiter des Sozialamtes waren parallel damit beauftragt, bei Roßweinern nach freien Zimmern zu suchen.

Das Foto zeigt die junge Edelgard Pinkert im Februar 1945. Sie hatte gerade ihr Landjahr beendet, ein Pflichtjahr, das die Jugendlichen nach Abschluss der Schule absolvieren mussten. Wenig später begann sie ihre Ausbildung im Rathaus.
Das Foto zeigt die junge Edelgard Pinkert im Februar 1945. Sie hatte gerade ihr Landjahr beendet, ein Pflichtjahr, das die Jugendlichen nach Abschluss der Schule absolvieren mussten. Wenig später begann sie ihre Ausbildung im Rathaus. © privat

Noch bis 1947 seien Flüchtlinge nach Roßwein gekommen. Es habe lange gedauert, bis sie untergebracht waren. Nicht überall waren sie willkommen und mussten hier und da Schikanen über sich ergehen lassen. Erschwerend kam hinzu, dass die hygienischen Bedingungen in Roßwein nicht gut waren. Der geringste Teil der Häuser war mit einem Wasserklo ausgestattet. Die meisten hatten noch ein Plumpsklo. Nicht jeder Haushalt hatte einen Wasseranschluss.

Als in Roßwein die Rote Armee einzog, besetzte sie das Rathaus der Stadt. „Säckeweise Akten haben die Russen herausgetragen. Da ist vieles über die Stadtgeschichte verloren gegangen“, so Pinkert. Die Angestellten wurden verteilt auf andere Gebäude in der Stadt untergebracht, unter anderem im Hotel zur Post und in der ersten Etage des Postamtes. Erst nach dem Abzug der Kommandantur konnten die Mitarbeiter zurück ins Rathaus.

An die Konfiszierung der Maschinen durch die Rote Armee als Kriegsreparaturleistung kann sich die 90-Jährige noch gut erinnern. „Dies wirkte sich verheerend aus auf die Stadt“, sagt sie.

Auch ihr Vater musste zahlreiche Maschinen demontieren und zum Abtransport vorbereiten. Roßwein habe stillgestanden. Edelgard Pinkert spricht von Agonie, einem Todeskampf. „Roßwein war bis dahin eine lebendige Stadt mit viel Industrie. Davon war nichts mehr geblieben.“

Erst nach und nach sind die Betriebe wieder arbeitsfähig geworden. „Was damals die Menschen geleistet haben, ist unglaublich“, sagt sie. „Das kann sich niemand mehr vorstellen.“

Frauen mussten Familie ernähren

Als ihr Vater im harten Winter 1945/46 an TBC erkrankte, wurde es schwer für ihre Mutter. „Sie verdiente nur 16 Mark in der Tuchmacherinnung. Ich bekam 45 Mark. Zusammen haben wir es aber beide geschafft, uns zu versorgen.“

 Bei all dem Elend und der Not passierten auch schöne Dinge. Edelgard Pinkert erinnert sich an eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mädchen, Edith Latell hieß sie. Sie kümmerte sich um einen Mann und seine Kinder. „Seine Frau hatten die Russen erschossen“, so Pinkert. Aus der Fürsorge hat sich später Liebe entwickelt und die beiden heirateten.

Krieg, Verluste, Krankheit. „Trotz alledem habe ich ein gutes Leben gehabt“, sagt die 90-Jährige. Wenn sie auch über all die Ereignisse von damals erzählen kann, die Berichte, Dokumentationen und Filme über die Kriegsereignisse und persönliche Schicksale könne sie sich nicht ansehen. „Ich habe so viel erlebt, dass ich das nicht verkrafte.“ Lustiges brauche sie für ihre Seele.

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