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Feuilleton

„Babylon Berlin“: Warum sich auch die dritte Staffel lohnt

Die Kultserie um Morde, Intrigen und Nazis in den 1920ern geht in die nächste Runde. Wir haben schon mal reingeschaut.

Hauptkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ermitteln wieder im Berlin der 1920er-Jahre.
Hauptkommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ermitteln wieder im Berlin der 1920er-Jahre. © dpa

Von Andreas Körner

Gerade selbst in den Zwanzigerjahren angelangt, wird der Serienzuschauer nunmehr zwölf Folgen lang Zeuge, wie sich die anderen Zwanzigerjahre verabschieden. Freilich liegt ein Jahrhundert dazwischen, aber ein netter Nebeneffekt dürfte es trotzdem sein.

Es ist Ende Oktober 1929, als die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ in einem Haus mit fliegenden Papieren, aufgebrachten Menschen und einem taumelnden Kommissar einsetzt. Die Börse! Bulle und Stier stehen in wackerer Bronze noch auf ihren Sockeln, doch draußen wartet der Mob aus hysterischen Anlegern. Drinnen geben sich verzweifelte Männer die Kugel oder das Seil, um den Hass und das ganze Elend des wirtschaftlichen Zusammenbruchs nicht erleben zu müssen. Mittendrin Hauptkommissar Gereon Rath (Volker Bruch).

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Mit verglühtem Geld hat sein Taumeln am allerwenigsten zu tun. Die eigentliche Handlung beginnt fünf Wochen vor Tag X. Rath ist noch nicht viel weiter gekommen mit seinen Dämonen, die ihn jagen und die er mit Spritzen im Griff zu halten versuchte. Die Beziehung zu Helga (Hannah Herzsprung) glimmt mehr, als dass sie lodert, irgendwie ist Rath im gleichen Zustand wie die Stadt, in die er kam: auf dem Sprung.

Drei Morde in einer Woche

Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) ist ihm Vertraute genug und endlich „beim Mord“, wo die Stenotypistin immer schon hinwollte. Zu mehr darf es vorerst nicht reichen, denn bei der Prüfung zum „Tatort-Schein“ fällt sie durch. Besser, wird sie durchgereicht. Die Grenzen für Frauen im Dezernat sind eben gezogen, Lotte aber ist kess und geschickt genug, sie immer wieder zu durchbrechen und sich zwischen die Stühle von Gönnern und Gegnern zu setzen. Muss sie auch, denn bald geschehen innerhalb von nur einer Woche drei Morde und das nicht mal in Berlin.

Film im Film ist eine gern und viel gesehene Komponente. Auch das dritte Paket von „Babylon Berlin“ setzt darauf und baut in Potsdam-Babelsberg einen starken Handlungsstrang. Vor allem dort in den Studios vernetzen sich Personen aus den Vorgängerstaffeln mit neuen Figuren. Der Armenier (Misel Maticevic) und sein soeben aus dem Knast entlassener Partner Weintraub (Ronald Zehrfeld) sind mit einer gehörigen Summe an der Produktion eines Films beteiligt, ihr Kaffeehaus Moka Efti ist aufgrund eines Wasserrohrbruchs geschlossen, was die Kassen klammer werden lässt. Und jetzt stirbt auch noch die Hauptdarstellerin. Zunächst nur sie.

Die Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries gehen nach Vorlage von Volker Kutschers Buch „Der stumme Tod“ geschickt vor. Dramaturgische Spannungslinien werden clever gezogen. Die im Grunde durchsichtige, nicht besonders originelle, aber populäre Idee in der prosperierenden Kinostadt Babelsberg – selbst ja auf dem Sprung vom Stumm- zum Tonfilm – marmorieren sie mit den Entwicklungen schon eingeführter Charaktere. Sie stehen weniger für den kriminellen als politisch-gesellschaftlichen oder eben persönlichen Fokus. Neben Rath und Ritter schieben sich so für Momente immer wieder Polizeifotograf Gräf (Christian Friedel), Journalist Katelbach (Karl Markovics) oder Unternehmersohn Alfred Nyssen (Lars Eidinger) nach vorn und mit ihnen die Zeichen der wilden Zeit.

Zur Säule für den Umbruch im ganzen Land wird jedoch die Vertiefung des Falls von Charlotte Ritters Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die nach ihrem tödlichen Attentat auf Regierungsrat Benda im Frauengefängnis auf ihr Urteil wartet. Nur: Wer waren Gretas Anstifter? Die echten Kommunisten, die falschen oder die Nazis? Es bedarf der Beweise. Guter Rath wäre vonnöten. Und er übernimmt. Wie schon 2017 bei der Ausstrahlung der ersten Episoden haben die Abonnenten des Privatanbieters Sky die Augen vorn: Freitagabend beginnt dort die dritte Staffel mit zwölf dreiviertelstündigen Folgen.

Mit Musik aus Dresden

Öffentlich-rechtlich steigt man dann im Herbst ein, der genaue Termin wird „rechtzeitig bekannt gegeben“, wie es heißt. Ein anderes Procedere wäre auch diesmal nicht möglich gewesen, der Deal zwischen X Filme, ARD, WDR, Sky und Beta Film verlangt es. Nur so war das millionenschwere Projekt zu stemmen. Und nicht nur in Deutschland wartet man auf den Fortgang des „Babylon Berlin“-Geschehens, auch die Welt steht in den Startlöchern. Nach den ersten 16 preisverwöhnten Folgen wurden die neuen ebenfalls in über 100 Länder verkauft, jetzt gar nach Afrika und China.

Viele Enttäuschte wird es mutmaßlich nicht geben, die angestammten „Das Buch war besser“-Rufer ausgenommen. Denn natürlich wurde das Serien-Level in Sachen Ausstattung, Kostüme und Kolorit ebenso gehalten wie das der Tongestaltung samt Musik als essenzielle Elemente.

Letztere hatte schnell ja ein Eigenleben begonnen. So verbrannte das Moka Efti Orchestra mit Sängerin Severija Janusauskaité nicht „Zu Asche, zu Staub“, sondern ging mehrfach auf umjubelte Tour und bringt Mitte Februar die wirklich fein gewordene Debüt-CD „Erstausgabe“ heraus. Auf dem heute erscheinenden aktuellen „Babylon Berlin“-Soundtrack (BMG) fehlen sie. Meret Becker, die jetzt zudem die Liebschaft des Armeniers spielt, übernahm zwei Singstücke. Das Bryan Ferry Orchestra adaptiert zauberhaft, ohne den Frontmann, weitere Roxy-Music-Hits, Claire Waldoff tönt frech „Raus mit den Männern“ und gleich zwei Versionen gibt es von „Du bist alles“, beide von Christian Friedels Woods Of Birnam aus Dresden interpretiert.

Die „Babylon Berlin“-Gemeinde wird in allen Belangen also immer größer. Wie das wohl enden mag?

Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ startet am Freitag um 20.15 Uhr auf Sky Deutschland. Im Herbst dann in der ARD. 

Die Musik zur Serie: Am 14. Februar erscheint das Album „Erstausgabe“ des Moka Efti Orchestras bei Motor Entertainment (Edel).