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Bahnreisende protestieren gegen Umsteigen in den Bus

Viele, die gestern eigentlich nicht in die Regionalbahn 110 gestiegen wären, haben es trotzdem getan – damit weiter Züge fahren.

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Von Heike Stumpf und Peggy Zill

Eine Menschentraube steht um den Fahrkartenautomaten am Roßweiner Bahnhof. Der letzte, der dort sein Ticket bekommt, hat zu tun, dass er es pünktlich in die Regionalbahn 110 von Nossen nach Döbeln schafft. Das Entwerten vorher kann er seinlassen. „Der Automat funktioniert schon lange nicht“, sagt Nina Pohl.

Die Wahl-Roßweinerin ist als Künstlerin häufiger mit dem Zug unterwegs. Ihr ist es ein Bedürfnis, dagegen zu protestieren, dass der Personenverkehr auf der Strecke eingestellt wird, die Verbindungen nach Leipzig und Dresden schlechter werden. Ihr Freund Jörn Hühnerbein ist ebenfalls auf die Bahn angewiesen. Mindestens zweimal die Woche fährt er mit dem Zug die Strecke Roßwein-Leipzig – und das will er auch in Zukunft noch tun.

Nina Pohl und Jörn Hühnerbein sind zwei von schätzungsweise 200 Bahnreisenden, die gegen die Abbestellung der Strecke Nossen-Roßwein-Döbeln sind und an der Protestfahrt teilnehmen. Mit dieser Resonanz ist Peter Wunderwald zufrieden. Der Grünen-Stadtrat aus Nossen steht an der Spitze einer Bürgerinitiative. Diese hat die Unterschrift von 7 000 Menschen gesammelt, die gegen das Ende der Bahn sind. Mit der Abbestellung der Strecke verlieren Nossen und Roßwein den Eisenbahnanschluss. Für Christine Kunz aus Nossen ist das unvorstellbar. „Damit ginge ein Standortvorteil verloren“, sagt sie. Die Rentnerin denkt an Unternehmen wie an Familien, die sich dort niederlassen, wo es gute Anbindungen ans Bahnnetz gibt.

So sieht es auch die Kreisverwaltung. Wie Jörg Höllmüller, Leiter des Geschäftsbereiches Verwaltung im Landratsamt, erklärte, werden der Landrat oder dessen Vertreter auf der Verbandsversammlung morgen vehement gegen das Einstellen des Zugverkehrs auf der Strecke protestieren. „Sicherlich sind wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend für die Entscheidung, den Zug durch den Bus zu ersetzten. Die Regionalbahn hat aber eine wichtige Erschließungsfunktion für die Region und den Tourismus entlang der Freiberger Mulde.“

Vor oder zur Versammlung will Peter Wunderwald die Unterschriften übergeben. Er hofft, dass er vorgelassen wird, um den Bürgerwillen zu verdeutlichen. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Wunderwald. Mit ihm hofft auch Ilona John, dass sie weiterhin in den Zug nach Döbeln und Meißen einsteigen kann. Ihr Vater hat bei der Eisenbahn gearbeitet, sie ist mit Zügen großgeworden. Den Bahnhof in Roßwein kennt sie wie die sprichwörtliche Westentasche. Daher kann sie wohl am besten beurteilen: „So schön gekehrt wie heute, war es hier in den letzten Jahren nicht.“ Was Protest doch bewirken kann.