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Bautzen: Hier gibt's Essen kostenlos

Zwei Frauen gehen gegen Lebensmittelverschwendung vor – und holen damit einen Umwelt-Trend in die Stadt. Ab Sonntag können Gemüse, Backwaren und mehr getauscht werden.

Anne Wilhelm (l.) und Christin Wegner engagieren sich dafür, dass in Bautzen Lebensmittel getauscht, statt weggeworfen werden. Im ehemaligen Pförtnerhaus der alten Post öffnet am Sonntag ein Fairteiler.
Anne Wilhelm (l.) und Christin Wegner engagieren sich dafür, dass in Bautzen Lebensmittel getauscht, statt weggeworfen werden. Im ehemaligen Pförtnerhaus der alten Post öffnet am Sonntag ein Fairteiler. © Steffen Unger

Bautzen. Es sind diese Erinnerungen, die Christin Wegner noch immer ein bisschen sprachlos machen: Wie sie bei den Spaziergängen mit ihrem Sohn ständig übervolle Mülltonnen vor den Supermärkten sah. Und wie sie mit anderen damals in der Nähe von Köln zu den Betrieben gefahren ist – um drei Anhängern mit Obst, Gemüse und Fleischwaren zu füllen. Die Lebensmittel sollten allesamt in der Tonne landen, dabei hatten sie oft nur kleine Schönheitsmakel.

„Einmal haben wir 40 Säcke Kartoffeln abgeholt“, erinnert sich Christin Wegner. „Da war meistens nur eine Kartoffel drinnen, die nicht mehr gut war.“ Für Supermärkte aber bedeute das: Der Sack ist unverkäuflich – und gehört in den Müll.

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Gegen diese Lebensmittelverschwendung wollen die Foodsaver, also Lebensmittelretter, vorgehen. Sie sammeln bei Betrieben Lebensmittelreste ein oder tauschen auch unter Privatpersonen ungeliebte Speisen, die noch gut sind, aus. Foodsharing – also das Teilen von Lebensmitteln – es ist ein Trend, der deutschlandweit in den letzten Jahren immer populärer geworden ist. Aber: „Gefühlt hat der Trend an den Stadtgrenzen vor Dresden aufgehört“, sagt Christin Wegner.

Neuer Fairteiler entsteht in der alten Post

„In Bautzen gibt es schon die Ganzmacher, die ihre Hilfe beim Reparieren von Dingen anbieten. Es gibt Leih-Räder. Bautzen kann also teilen – warum sollte nicht auch das Lebensmittel-Teilen hier funktionieren?“, fragt die 32-Jährige. Als sie vor einem dreiviertel Jahr nach Bautzen gezogen ist, befand sie deshalb: Es ist Zeit, den Umwelt-Trend auch hier populär zu machen - und fand in der 27-jährigen Anne Wilhelm schnell eine Verbündete.

Schon seit Längerem engagieren sich die beiden gegen Lebensmittelverschwendung, vor allem über eine Facebook-Gruppe. Dort veröffentlichen Leute aus Bautzen und Umgebung Fotos der Speisen, für die sie keine Verwendung haben – andere aus der Gruppe holen sie dann ab.

Leichter soll das ein sogenannter Fairteiler machen – ein Ort, an dem alldiejenigen, die Produkte teilen wollen, diese in Regalen abstellen können. Und wer sich welche abholen möchte, kann dort stöbern – an einem zentralen Ort, ohne die einzelnen Haushalte separat anzufahren. Einen Unterstützer der Idee fanden Anne Wilhelm und Christin Wegner in der Agora Lausitz, dem Verwalter der alten Post in Bautzen: Bautzens neuer Fairteiler entsteht deshalb im kleinen Pförtnerhäuschen der Südseite der alten Post, also an der Seite in Richtung Wallstraße.

Zur Eröffnung am Sonntag gibt es ein Treffen

Über die Facebook-Gruppe fragten Wegner und Wilhelm nach Hilfe – und eine Gruppe von etwa acht Leuten fand sich, um das Gebäude auf Vordermann zu bringen. Ein neuer Anstrich, Regale für die Lebensmittel, ein Kühlschrank – vieles ließ sich durch Spenden und die freiwilligen Helfer organisieren. Am Sonntag dieser Woche ist es so weit: Zwischen 14  und 16 Uhr findet ein Eröffnungstreffen statt. Unter Corona-Bedingungen natürlich: Mehr als zwei Leute dürfen zum Beispiel nicht gleichzeitig in dem Häuschen stehen.

Bei dem Treffen wollen Wegner und Wilhelm bewusst mit anderen Leuten Lebensmittel tauschen; zeigen, wie viel da zusammenkommt, was sonst in der Mülltonne landet. Außerdem soll auf den bewussten Umgang mit Lebensmitteln, mit der Umwelt aufmerksam gemacht werden. „Es geht uns auch um Wertschätzung“, sagt Anne Wilhelm, „Dinge, die von jemandem produziert worden sind, nicht einfach wegzuschmeißen.“

Vom Apfel bis zur Ananas - wer Lebensmittel übrig hat, kann sie im Fairteiler ablegen.
Vom Apfel bis zur Ananas - wer Lebensmittel übrig hat, kann sie im Fairteiler ablegen. © Steffen Unger

Was darf also in den Regalen landen? „Es geht um Verpacktes, um Brot oder Brötchen, um Joghurt und Käse oder auch Gemüse“, sagt Christin Wegner. Gerade erst hätten Gärtner angekündigt, dass sie zu viele Zucchini hätten – und diese vorbeibringen werden. Im Fairteiler gibt es einen Kühlschrank – auch Kühlpflichtiges ist willkommen. Eine Ausnahme: Selbst zubereitete Speisen, roher Fisch und Hackfleisch sind wegen der unklaren Haltbarkeit ein Problem. Und: Auch Alkohol ist tabu.

Tagsüber ist der Fairteiler öffentlich zugänglich. Spätestens aller zwei Tage kommen Anne Wilhelm, Christin Wegner oder auch andere Engagierte vorbei und reinigen die Regale, durchsuchen die Lebensmittel, prüfen, was aussortiert werden muss.

Unternehmen können sich Müllkosten sparen

Vor allem eine Sache suchen die Bautzener Foodsaver aber noch: Supermärkte, Gemüsehändler, Lokale, die ihre Reste lieber teilen wollen, statt sie wegzuwerfen. „Wir holen die Lebensmittel dann dort ab“, erklärt Wegner. „Die Betriebe sparen sich damit die Müllkosten – und tun etwas für die Nachhaltigkeit“, sagt sie. Auch um die Haftung müssten sich die Betriebe keine Sorge machen: „Die Foodsharer übernehmen die Haftung, was mit den Lebensmitteln passiert“, erklärt sie.

Einen ersten Partner haben die Foodsaver bereits gefunden: Das vegetarische Restaurant Grünschnabel gibt Reste regelmäßig an die Gruppe ab. Weil die Speisen allerdings zubereitet sind, werden diese nicht im Fairteiler zu finden sein – sondern werden über die Facebook-Gruppe direkt verteilt.

Viel Mühe stecken die beiden Frauen in den Fairteiler. Es soll zwar kein Ort zum lange Aufhalten sein – aber wer zum Tauschen kommt, soll sich trotzdem wohlfühlen. Deshalb haben die beiden auch Liebe in Details gesteckt. Ein Highlight ist die kleine Ecke zum Tauschen von Kochbüchern. Denn wer kommt, soll Spaß am Tauschen der Lebensmittel haben – Spaß daran, sich gegen Verschwendung zu engagieren.

Kontakt zur Initiative: [email protected]

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