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Freital

“Bei uns gibt es keine Denkverbote“

Bürgermeister Peter Pfitzenreiter ist dafür verantwortlich, dass Freital allen Kindern einen Platz in der Kita anbieten kann. Er präsentiert kreative Ideen.

Freitals erster Bürgermeister Peter Pfitzenreiter (CDU) kämpft gegen den Personalmangel in den Kitas und im Hort. Es sollen Lösungen gefunden werden, die ermöglichen, dass die Betreuung der Kinder nicht leidet.
Freitals erster Bürgermeister Peter Pfitzenreiter (CDU) kämpft gegen den Personalmangel in den Kitas und im Hort. Es sollen Lösungen gefunden werden, die ermöglichen, dass die Betreuung der Kinder nicht leidet. © Karl-Ludwig Oberthuer

Wie viele Kita-Plätze fehlen denn in Freital eigentlich?

Für uns geht es da in erster Linie um die Erfüllung des Rechtsanspruchs. Bis März 2020 sind noch 15 Plätze zur Vergabe verfügbar. Demgegenüber stehen 104 Kinder, die einen Rechtsanspruch haben. Das heißt , 89 Kinder können bis März 2020 nach derzeitigem Stand keinen Platz bekommen. Wenn es uns gelingt Kindern beispielsweise von der Tagespflege einen Platz im Kindergarten anzubieten, dann werden zusätzlich 30 Krippenplätze frei. Dafür benötigen wir aber zusätzliches Personal. Dann bleiben aber immer noch 29 Kinder ohne Platz. Unter den 104 Anträgen sind allerdings auch solche, die auf einen Wunschplatz warten. Das heißt, diese Eltern lassen lieber ein Angebot an ein anderes Kind gehen, anstatt es selber zu besetzen, wenn es nicht genau der Kindergarten ist, den sie unbedingt wollen.

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Offenbar lassen sich in Freital nicht alle Plätze in den Kitas ausschöpfen, weil Erzieherinnen fehlen. Richtig?

Grundsätzlich ist es richtig, dass wir viele Plätze gewissermaßen baulich verfügbar haben, sie aber nicht belegen können, weil uns Personal fehlt. Ob bei voller Auslastung die Plätze reichen würden, müssen wir noch genauer prüfen. Aber wir beschäftigen uns auch schon mit zwei möglichen Kitaneubauten. Und wir haben natürlich auch schon bei den Freien Trägern nachgefragt, inwieweit sie ihre Kapazitäten kurzfristig noch ausbauen können oder neue Kapazitäten betreiben können. Leider sind auch da die Möglichkeiten begrenzt.

Gibt es Erzieherinnen in Teilzeit, die freiwillig in Vollzeit wechseln?

Das haben wir schon intensiv und oft angesprochen. Daraufhin haben sich auch einige Mitarbeiter an uns gewandt, und sie arbeiten jetzt mehr Stunden als vorher. Aber viele haben auch gut nachvollziehbare Gründe, warum sie Teilzeit arbeiten.

Müssen es denn alles fertig ausgebildete Erzieher sein?

Nein, wir setzen auch Assistenzkräfte ein. Beispielsweise solche Mitarbeiter, die dann die Chance haben eine berufsbegleitende Ausbildung zu machen. Die Anerkennung anderer Abschlüsse wäre auch eine Möglichkeit, beispielsweise studierte Erziehungswissenschaftler. Aus dem Programm für Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf können wir sicherlich etwas lernen.

Was gibt es für Ideen, um mehr Personal für Kitas zu finden?

Wir haben in der Vergangenheit schon sehr viel unternommen. Seit ich 2016 ins Rathaus gewechselt bin, haben wir uns mit dem Thema beschäftigt. Als Erstes haben wir die Bewerbungsverfahren vereinfacht und beschleunigt. Dann haben wir die Befristung von Verträgen beendet und vergeben neue Stellen alle unbefristet. Wir machen Pendlern mit dem Jobticket ein attraktives Angebot.

Wie werben Sie um neue Mitarbeiter?

Wir machen Werbung in der Zeitung, auch im Radio. Wir diskutieren auch Autowerbung, Bannerwerbung und so weiter, um alle Möglichkeiten in dieser Richtung zu nutzen. Wir haben in Freital dieses Jahr den Tag des Erziehers aus der Taufe gehoben und werden das auch am 25. Januar 2020 wiederholen. Wir hängen in den Einrichtungen Werbung auf. Wir präsentieren uns bei Messen, direkt in den Ausbildungsschulen und wir sprechen unsere Praktikanten an, ob sie sich bei uns bewerben wollen. Wir werben gleichzeitig damit, Auszubildenden einen Zuschuss für Schulgeld zu geben.

Lässt sich auch über die Bezahlung etwas steuern?

Wir bezahlen nach Tarif für den öffentlichen Dienst genauso wie Dresden. Es gibt aber ein paar Unterschiede, die wir durchaus nutzen. Wir bezuschussen beispielsweise Praxisanleiter, die sich mit der Ausbildung der Azubis in den Einrichtungen beschäftigen. Wir prüfen jetzt, wie wir das noch ausweiten können und bilden auch neue Praxisanleiter aus. Zudem werden Stufenlaufzeiten anerkannt. Wer also zu uns wechseln will, kann seine Stufenlaufzeit mitnehmen.

Im Stadtrat wurden kreative Ideen eingebracht wie zum Beispiel die Frage, ob es möglich ist, Erzieherinnen statt im Hort in Kitas einzusetzen?

Bei uns gibt es keine Denkverbote. Prinzipiell ist das rechtlich auch möglich und ich hoffe, dass die Eltern für diese Maßnahmen Verständnis haben. Wir suchen natürlich erst einmal immer die mildesten Mittel. Da ist die Umlenkung von Personal sicher eine Variante. Bedeutet aber eben für den Hort eine Einschränkung in der Betreuung. Da sind wir nun in der unangenehmen Situation, dass die Erfüllung des Rechtsanspruches in der Kita Priorität hat. Für den Hort gibt es diesen Anspruch derzeit nicht. Wenn es uns gleichzeitig gelingt, die Ganztagsangebote auszubauen, können wir darüber vielleicht etwas abfangen.

Es wird darüber nachgedacht Eltern einzubinden. Wie kann das aussehen?

Bevor zuletzt im Hort die Betreuungsmöglichkeiten eingeschränkt werden mussten, haben Eltern Unterstützung in der Einrichtung selbst organisiert. Wir haben schon Gespräche mit Eltern aus der Ludwig-Richter-Grundschule geführt. Sie haben uns gesagt, dass sie es vielleicht schaffen, die Nachfrage für den Hort auf freiwilliger Basis so zu senken, dass nicht alle Viertklässler keine Hortbetreuung bekommen. Bis zu den Winterferien wollen wir alle Horte abfragen. Inwiefern es Horterzieherinnen gibt, die freiwillig bereit sind, befristet in die Kita zu wechseln, werden wir ermitteln. Mitarbeiterinnen dazu zu zwingen, was theoretisch möglich wäre, hat wenig Sinn. Das kann wirklich nur das allerletzte Mittel sein. Wir wollen die Situation ja nicht noch verschärfen.

Warum ist es eigentlich zu dieser Situation gekommen?

Dass sich der Fachkräftebedarf verschärft, war vorhersehbar. Aber dass sich die Betreuungssituation so ändert, war für die Stadt Freital nicht vorhersehbar. Die Steigerung der Anmeldequote war sicherlich etwas, wo man wusste, dass das kommt. Aufgrund des Rechtsanspruchs hat sich diese von 2011 bis 2019 deutlich erhöht, deshalb wurden einige neue Einrichtungen geschaffen. Aber mit Zuzügen in der Größenordnung, konnten wir so vorher nicht rechnen. Flüchtlingsfamilien haben keinen nennenswerten Einfluss auf die Situation. In ganz Freital leben gerade einmal 15 Flüchtlingskinder unter 18 Jahren. Was den Personalbedarf deutlich erhöht hat, ist die Verbesserung des Betreuungsschlüssels, auch die Anerkennung von Vor- und Nachbereitungszeit. Allein dadurch brauchten wir im letzten Jahr in Freital zehn Vollzeitkräfte mehr.

Wie gehen Sie mit Kindern um, die nicht in Freital wohnen, aber hier in die Kita gehen?

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Das Gespräch führte Tilman Günther.