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Bernstadt lässt sich den Puls fühlen

Yvonne Noack beißt herzhaft in die Salamisemmel. Verspätetes Frühstück kann man das wohl nennen, denn es ist bereits kurz vor 12Uhr. Die 25-jährige Bernstädterin hat jedoch im Dienste der Wissenschaft...

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Von Anja Beutler

Yvonne Noack beißt herzhaft in die Salamisemmel. Verspätetes Frühstück kann man das wohl nennen, denn es ist bereits kurz vor 12Uhr. Die 25-jährige Bernstädterin hat jedoch im Dienste der Wissenschaft gehungert, denn sie hat sich vom Robert-Koch-Institut für eine bundesweite Gesundheitsstudie vermessen, wiegen, Blut abnehmen, befragen und mit Ultraschall untersuchen lassen. Und zumindest für die Blutabnahme musste sie nüchtern sein.

„Ich habe so etwas noch nie gemacht, aber es ist ja schon mal interessant zu wissen, was mit dem eigenen Körper eigentlich los ist“, sagt Yvonne Noack. Während sie isst, blättert sie in einem von zwei zeichenblockgroßen Heften. Sie nennen sich „Fragebögen“, auch wenn das bei der Fülle der Fragen schamlos untertrieben ist. „Da wollen sie wissen, wann man zum letzten Mal Pommes gegessen hat, ob man raucht, wo man arbeitet“, zählt die 25-Jährige auf. Das nehme viel Zeit in Anspruch und man müsse manchmal echt überlegen, schmunzelt die junge Frau.

Sascha List weiß, welchen Aufwand die Studienteilnehmer mit dem Fragebogen haben. Der 31-jährige Hallenser ist der Feldarzt des vierköpfigen Untersuchungsteams. Wobei Feldarzt nicht militärisch gemeint ist, sondern sich vom Wort Feldstudie ableitet. Seit insgesamt drei Jahren touren zwei Untersuchungsteams des Robert-Koch-Instituts im Auftrag der Bundesregierung quer durch Deutschland, um die Gesundheit der Bundesbürger zu erforschen. Bernstadt und Berlin sind die letzten Stationen der Studie. Es herrscht schon ein bisschen wie Abschiedsstimmung.

In den drei Jahren sind die Mediziner auch in einigen Städten eingekehrt, die bereits vor zehn Jahren Ziel einer solchen Untersuchung waren. Bernstadt ist ein solcher Untersuchungspunkt. Und auch Oybin haben die Mediziner zum zweiten Mal einen Besuch abgestattet. „Man lernt dabei Deutschland sehr gut kennen und fragt sich, warum man eigentlich im Ausland Urlaub macht“, fasst die Untersucherin Birgit Bergmann, die aus Westberlin kommt, zusammen. Bernstadt hat das Team nun zum Studienabschluss noch einmal positiv überrascht: „In ländlichen Gebieten ist die Nachfrage, bei der Studie mitzumachen zwar generell höher, aber in Bernstadt haben sich besonders viele gemeldet“, freut sich Sascha List. Das Team habe sogar überlegt, zwei Tage länger vor Ort zu bleiben, aber dann haben sich die rund 55 Termine doch noch alle unterbringen lassen. Auch mit der Unterkunft sind die Untersucher sehr zufrieden, denn im Bernstädter Stadthaus, das sie anmieten konnten, finden sie gute Bedingungen vor. „Das ist nicht überall gegeben“, sagt List und betont: „Wir wollen ja auch keine Abläufe hier im Ort durcheinanderbringen.“

Kurz nachdem er das gesagt hat, geht die Tür auf und Untersucherin Birgit Bergmann schaut in den Raum: „Hier draußen sind vier Damen, die immer hier Karten spielen, haben wir einen Schlüssel von den Räumen oben?“, fragt sie. Doch auch für die Damen findet sich rasch ein neues Plätzchen.

Sascha List hat noch ein paar Minuten Zeit, dann wird er das erste Gespräch des Tages führen und Yvonne Noack löchern: Die Fragen, die er stellt, sind vorgegeben, standardisiert, damit am Ende die Daten vergleichbar bleiben. „Für viele ist es schon etwas Besonderes, dass sie für eine solche Studie ausgewählt worden sind“, sagt er. Manche lassen sich vielleicht auch von den 40 Euro Aufwandsentschädigung locken.

Aber die meisten finden es ganz gut, wenn sie mal so richtig auf den Kopf gestellt werden. Zumal sich wohl kaum ein Hausarzt so viel Zeit für die Krankengeschichte und die verschiedenen Untersuchungen nehmen kann wie das Team vom Robert-Koch-Institut. „Viele haben auch bereits ein gesundheitliches Problem und wollen bei uns eine zweite Meinung einholen“, erklärt der junge Mann. „Dabei können die Teilnehmer selbst entscheiden, was sie wollen oder nicht. Menschen mit einer Phobie vor dem Blutabnehmen werde man nicht zwingen, sagt der Arzt. Aber er habe schon so manchen überzeugen können, dass es ja auch für ihn Vorteile habe, weil ein so großes Blutbild, wie hier angefertigt werde, nicht oft gemacht wird.

Außerdem ist es für den Arzt leichter, im Abschlussgespräch die ersten Daten zu deuten und den Menschen zu sagen, wie es um ihre Gesundheit stehe. „Wir verschreiben aber keine Tabletten“, betont List. Allerdings weise er die Teilnehmer daraufhin, wenn etwas unbedingt abgeklärt werden müsse – hoher Blutdruck zum Beispiel.

Auch Yvonne Noack weiß inzwischen Bescheid: „Alles in Ordnung“, freut sie sich. Drei Stunden haben die Untersuchungen und das Beantworten aller Fragebögen gedauert. Doch die junge Beiköchin ist zufrieden. „Ich würde wieder mitmachen“, sagt sie. Und vielleicht hat sie in zehn Jahren die Chance dazu: „Sollte sich nichts grundlegend ändern, wird die Studie in zehn Jahren sicherlich fortgeführt“, sagt Sascha List.