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Berührendes Familientreffen in Görlitz

Artur Schlesingers Geschichte während des Dritten Reichs führt seine Nachfahren in der Synagoge in Görlitz zusammen.

© nikolaischmidt.de

Von Sebastian Beutler

Gerhard Spörl hat nichts davon abhalten können nach Görlitz zu kommen. Kein dringlicher Termin am selben Tag in Hamburg, keine Anreise quer durch Deutschland, keine Autofahrt auf den letzten Kilometern. Der frühere „Spiegel“-Auslandschef kommt zwar ein paar Minuten zu spät am Freitagabend, doch das stört die große Zuhörerschaft in der ehemaligen Görlitzer Synagoge nicht. Dabei kann Görlitz an diesem Abend nicht die Prominenz auffahren, die Spörl sonst bei Lesungen aus seinem Buch über die Lebensgeschichte des Görlitzers Artur Schlesinger während des Dritten Reiches gewohnt ist.

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Zwei Stunden liest und erzählt Gerhard Spörl in der früheren Görlitzer Synagoge über das Leben von Artur Schlesinger während der Nazizeit in Görlitz, über das er sein Buch „Es muss noch etwas anderes geben als Angst und Sorge und Herrn Hitler“ geschrieben
Zwei Stunden liest und erzählt Gerhard Spörl in der früheren Görlitzer Synagoge über das Leben von Artur Schlesinger während der Nazizeit in Görlitz, über das er sein Buch „Es muss noch etwas anderes geben als Angst und Sorge und Herrn Hitler“ geschrieben © nikolaischmidt.de

In Berlin beispielsweise stellte das Buch Anfang November der frühere Chef des „Spiegel“ und heutige Herausgeber der „Welt“-Gruppe, Stefan Aust, vor. Im Publikum saßen der frühere ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann und der ehemalige NDR-Intendant Jobst Plog. In Görlitz kommt kein Oberbürgermeister, kein Bürgermeister, kein Stadtrat und auch sonst niemand derjenigen, die sich sonst für wichtig halten.

Görlitz bietet Authentizität

Doch Görlitz hat anderes zu bieten, was diesen Mangel mehr als ausgleicht. Authentizität. „Alle Schauplätze sind hier, die ich mir in meiner Hamburger Bude ausgedacht habe“, sagt Spörl an diesem Abend, zu dem der Synagogen-Förderverein und die Comenius-Buchhandlung eingeladen haben. Im Publikum sitzen Menschen, die sich noch an die Schlesingers in Rauschwalde erinnern können, die fragen, ob das Haus noch steht, wie es mit der Familie nach dem Zweiten Weltkrieg weiterging, wohin der eine zog und der andere ging.

Wie es halt so ist, wenn sich Menschen, die sich kannten, aber dann aus den Augen verloren, nach langer Zeit wiedertreffen. Zum ersten Mal sei er in einer Synagoge, sagt Gerhard Spörl, das sei sehr bewegend, für ihn, für seine Frau, die Intendantin des RBB Patricia Schlesinger, für deren Vater Peter – sie alle sind nach Görlitz gekommen, werden nach der Lesung noch das ganze Wochenende in der Stadt sein, alte Plätze aufsuchen und neue Blicke auf diese Stadt gewinnen, mit denen ihre Familiengeschichte so dramatisch verbunden ist.

Darüber hat Gerhard Spörl ein Buch geschrieben, das im vergangenen Jahr im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Es erzählt die Geschichte von Artur Schlesinger. Über den hat die SZ öfters in der Vergangenheit berichtet. Da stand der Autorennfahrer Schlesinger im Mittelpunkt oder der Nachkriegspolitiker, der sogar Minister in Sachsens Landesregierung und Volkskammer-Abgeordneter wurde. Wenig erfuhren die Görlitzer bislang über die „atemberaubende Überlebensgeschichte“ des Artur Schlesinger im Nazireich, wie es das Hamburger Abendblatt jüngst schrieb.

Die Nazis reduzierten Schlesinger auf sein Judentum, das er längst abgelegt hatte. Im Deutschland der 1930er Jahre war das lebensgefährlich. 1890 wird Artur Schlesinger in eine jüdische Familie in Zittau geboren, später nimmt er den evangelischen Glauben an, wird Autohändler und Rennfahrer. Am 9. November 1932 heiratet er Grete Lehmann, Tochter eines wohlhabenden Holzhändlers von der Rauschwalder Straße. Ihr Vater billigt die Heirat nicht, weil er in Artur Schlesinger eben den Juden sieht.

Doch Artur und Grete Schlesinger lassen sich davon nicht stören, gründen eine Familie, bekommen zwei Söhne, Peter und Jochen, und beginnen schließlich 1939 ein Haus in Rauschwalde zu bauen. So als gäbe es keine Judenverfolgung im Nazireich. Als hätte Artur Schlesinger nach der Reichspogromnacht nicht vier Wochen im Gestapo-Keller gesessen, als hätte er nicht eine Anstellung nach der nächsten verloren, als wäre seine Mutter nicht nach Tormersdorf und von dort ins KZ Theresienstadt geschafft worden, wo sie im Spätsommer 1942 stirbt, als wäre sein Schwager, ein Rabbiner in Mühlhausen, nicht fast am 9. November 1938 erschossen worden.

Artur und Grete Schlesinger finden immer wieder eine Nische zum Überleben, eine neue Anstellung oder eine neue Verdienstmöglichkeit durch eine patentierte Erfindung für die Automobilindustrie. So überleben sie gemeinsam. Das ist nicht ganz selten. In Görlitz ist ein zweiter ähnlicher Fall überliefert. Benno Arnade, der Jurist mit jüdischer Abstammung aus Görlitz, verdankt auch sein Überleben seiner Ehe mit einer „arischen“ Frau. Doch die Regel ist es nicht in jenen dunklen Jahren.

Spörls Spiegel-Kollege Martin Doerry schrieb vor einigen Jahren ein Buch über seine Großmutter Lilly Jahn. Auch sie Jüdin, verheiratet mit einem „arischen“ Deutschen. Als er sich von ihr scheiden lässt, ist sie vogelfrei. Die Nazis verschleppen sie ins KZ Auschwitz, wo sie stirbt. Oder der Theologe Jochen Klepper, der keinen Ausweg sieht und mit seiner jüdischen Frau und einer Tochter den Freitod wählt.

Spätes Reden

Die Geschichte der Schlesingers aber geht gut aus. Auch das gab es. Seit Jahren hatte Spörl die Absicht, ein Buch über die Familie seiner Frau zu schreiben. Im Görlitzer Ratsarchiv sah er in die wenigen überlieferten Dokumente ein, er sprach viel mit dem Görlitzer Stadthistoriker Dr. Ernst Kretzschmar, mit Hamburger Wissenschaftlern und recherchierte in zahlreichen Archiven. Doch all das war zu wenig für ein Sachbuch. So entstand der Gedanke an einen Roman. Am Ende, so sagt Spörl selbst, ist es eine Mischung aus beiden geworden.

Wichtigster Gewährsträger für Spörls Buch ist Peter Schlesinger, der an diesem Tag auch in seine Heimatstadt gekommen ist. Er ist der Sohn von Artur Schlesinger. Spörl nennt ihn seinen „Kronzeugen“. Der 82-Jährige ist zehn bei Kriegsende, bricht 1956 sein Studium in Dresden ab und geht zu Bosch nach Stuttgart. Als Brandschutz-Sachverständiger ist er noch heute tätig. Dabei, so berichtet seine Tochter und Intendantin Patricia Schlesinger, war es bei ihnen auch wie in vielen anderen Familien.

Nach dem Krieg wurde über die Zeit im Nazireich nicht gesprochen. „Erst als ich Anfang der 1980er Jahre nach Israel fuhr“, sagte mir meine Großmutter Grete, dass wir Verwandte in Israel haben: dem Rabbiner aus Mühlhausen, Artur Schlesingers Schwager, gelang nach der Pogromnacht die Flucht nach Palästina. Patricia Schlesinger traf ihre Großcousine, die beiden schlossen eine tiefe Freundschaft. Und die Geschichte wurde wieder lebendig.

Folgt nun ein Film?

Auch Martin Doerry berichtet, dass in seiner Familie über das Schicksal von Lilly Jahn kaum gesprochen wurde. Die einen erzählten nichts, die anderen fragten nicht nach. Selbst Sigrid Arnade, die die Geschichte ihrer Familie erforschte, erzählte von diesem Phänomen. Doerry erklärt es so: „Dieses Tabu beherrschte viele Familien von Opfern wie Tätern über Jahrzehnte und verlor erst im Laufe der neunziger Jahre an Kraft und Bedeutung.“

Eine neue Generation fragte gründlicher denn je nach den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus. „Und diese Auseinandersetzung war es, die plötzlich jene Blockade löste, mit der sich viele Überlebende des Holocausts und deren Angehörige vor den eigenen Emotionen zu schützen suchten.“ Peter Schlesinger ist an diesem Abend in Görlitz fast sprachlos vor Rührung, vor Ergriffenheit. Auf offener Bühne dankt er seinem Schwiegersohn für das Buch, das die Geschichte seines Vaters ganz „nah“ beschreibe.

Dass Spörl auch manches erfunden hat, verteidigt er. Die Lebensdaten und -ereignisse von Schlesinger stimmen alle, die Freundschaft zum Kabarettisten Werner Finck auch. Damit die Geschichte gut läuft, hat er aber beispielsweise den Görlitzer Notar Paul Mühsam zu einem engeren Freund gemacht, als er tatsächlich war. „Es ist ein Roman, es hätte so sein können“, sagt Spörl. Die Zeit nach dem Krieg, bildet an dem Abend und auch in dem Buch nur einen Nachtrag.

Ob noch ein zweites Buch folgt, fragt Moderator und Museumsleiter Markus Bauer. „Das glaube ich nicht“, entgegnet Spörl. Aber vielleicht ein Film. Material gäbe es genug. Das wäre doch was für Görliwood.