SZ +
Merken

Besucherflaute in Görliwood

Vor einem Jahr konnte Görlitz traumhafte Touristenzahlen verbuchen. Doch ohne Hollywood bleiben die Gäste fern.

Teilen
Folgen

Von Susanne Sodan

Einmal die Zeit zurückdrehen. Das wünscht sich momentan so mancher Hotelier. Vor einem Jahr konnten die Görlitzer Hotels und Pensionen Traumzahlen verbuchen: 94.500 Übernachtungen in den ersten sechs Monaten. Gerade im Januar, für gewöhnlich Saure-Gurken-Zeit in der Branche, war manches Hotel sogar ausgebucht. Die vollen Auftragsbücher verdankten die Hoteliers und Gastronomen vor allem dem Einzug von Hollywood in Görlitz. Den Namen Görliwood hat sich die Stadt im letzten Sommer als Marke schützen lassen. Görlitz als Filmstadt, so die Marketingstrategie, die auch in Zukunft mehr Touristen locken sollte – ein Jahr später herrscht aber eher Winterflaute statt Besucherhoch.

Der Film „The Grand Budapest Hotel“ wurde im Januar in Görlitz gedreht, einige Szenen für „Die Bücherdiebin“ im März. Die Filmcrews mieteten sich in Privatpensionen und Hotels ein. Und wo Größen wie Regisseur Wes Anderson und die Schauspieler Ralph Fiennes, Jeff Goldblum und Willem Dafoe sich blicken lassen, sind auch Touristen, die einen Blick auf Drehorte und Schauspieler werfen wollen. Zwischen Januar und März brachte Hollywood der Stadt rund 6.000 Übernachtungen mehr pro Monat, so die Zahlen des IHK-Saisonberichtes. „Im Vergleich zu heute war die Auslastung vor einem Jahr bei uns etwa doppelt so hoch“, erzählt Ilona Fellmann, Direktorin des Hotels „Am Goldenen Strauss“. Aus dem Hotel „Schwibbogen“ kommen düstere Töne: „Im Vergleich zum Vorjahr haben wir aktuell rund 80 Prozent weniger Gäste“, erklärt der Inhaber. Nur drei der 15 Hotelzimmer sind belegt.

Dass es im Januar und Februar eher mau aussieht, daran sind die Görlitzer Hoteliers gewöhnt. „Abgesehen von den Wintersportorten ist das aktuell überall so“, meint Michael Pietsch, stellvertretender Geschäftsführer des Hotels „Tuchmacher“. Um die schwache Jahreszeit zu überbrücken, setzen Hotels auf unterschiedliche Strategien. „Ohne Ersparnisse aus den stärkeren Monaten funktioniert das nicht“, heißt es zum Beispiel aus dem „Schwibbogen“. „Es sind aktuell vor allem Firmengäste, die den Betrieb aufrecht erhalten. Unser Haus ist im Moment zu 30 bis 40 Prozent ausgelastet“, so Ilona Fellmann.

Im „Goldenen Strauss“ bereitet man sich schon auf die neue Saison vor. „Bei uns wurden gerade neue Heizungen installiert und neue Betten aufgebaut. Außerdem wird gerade ein Bad erneuert“, erzählt Fellmann. Januar und Februar – die Zeit für Renovierungen und Urlaub in der Branche. So sieht es auch im Hotel „Meridian“ aus. „Im Februar ist das Hotel zwei Wochen lang für Renovierungsarbeiten geschlossen. Aktuell steht bei uns eine Generalreinigung an“, erzählt Mitarbeiter Oliver Tiedtke.

Überbewerten wollen die Hoteliers die starke Hollywood-Saison aber auch nicht. Besucher, die nur nach Görlitz kamen, um die Stars zu sehen, seien die Ausnahme gewesen, meint Michael Pietsch. „Einige Hotels hatten die Filmcrews aufgenommen und waren ausgebucht. Deshalb kamen zu uns mehr Touristen“. Gut getan habe das Hollywood-Flair der Stadt aber auf jeden Fall, findet Ilona Fellmann. Nicht nur den Hoteliers, sondern auch den Gastronomen und dem Handel.

Nun ist man zurück auf dem Niveau der Jahre zuvor. Am touristischen Angebot der Stadt habe sich in den vergangenen Jahren nur wenig geändert, erklärt Eva Wittig, Management-Leiterin der Europastadt Görlitz GmbH. Aktuelle Übernachtungszahlen liegen noch nicht vor, voraussichtlich werden die aber wieder beim Niveau der Saison 2011/ 12 liegen. „Die beiden Filmprojekte haben Görlitz im Bereich der allgemeinen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit geholfen“, so Wittig. Das sei eine wichtige Voraussetzung für das weitere Tourismuswachstum. In den Zahlen schlägt sich das aber nicht wieder. Müsste die Stadt mehr tun? Auf jeden Fall, findet der Inhaber des Hotels „Schwibbogen“. Sich nur auf Projekte von außen zu verlassen, funktioniere nicht. „Man kann auch nicht alles auf die Stadt schieben“, meint dagegen Michael Pietsch. „Die wichtigen Veranstaltungen finden meist im Sommer statt. Um tatsächlich etwas zu ändern, braucht man den Mut zu publikumswirksamen Konzepten für Januar und Februar. Aber auch die müssten sich erst entwickeln“. Demnächst ergibt sich die Chance, die Quote aufzubessern: Am 26. Februar findet die Vorpremiere von „The Grand Budapest Hotel“ in Görlitz statt. Eine Möglichkeit, die auch die Stadt nutzen will, um auf Görliwood aufmerksam zu machen.