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Zittau

"Voneinander weggesperrt"

Das Besuchsverbot in Pflegeheimen ist für alle schlimm, für manche Bewohner und ihre Angehörigen gar dramatisch. Zwei traurige Beispiele aus Zittau.

Cornelia Urban kommt oft vorbei und kann ihrer Schwiegermutter am Fenster zuwinken. Die 87-Jährige lebt im Zittauer St. Jakob-Pflegeheim an der Weberkirche. Beim Telefonieren helfen die Mitarbeiter.
Cornelia Urban kommt oft vorbei und kann ihrer Schwiegermutter am Fenster zuwinken. Die 87-Jährige lebt im Zittauer St. Jakob-Pflegeheim an der Weberkirche. Beim Telefonieren helfen die Mitarbeiter. © Matthias Weber/photoweber.de

Erika Müller* kann ihren Mann durchs Fenster sehen, wenn die Vorhänge weit genug geöffnet sind. Sie sieht, wie er im Bett liegt, fast teilnahmslos. Und wie es dann in ihm zu leben beginnt, wenn sie ihn anruft und ihm sagt: "Ich bin da. Ich stehe vorm Fenster und kann dich sehen." Und er fragt sie: "Warum kommst du denn nicht rein?"

Die 74-Jährige, die hier nicht erkannt werden möchte, hat Tränen in den Augen. Seit fast einem Jahr lebt ihr Mann nach einem Schlaganfall im Pflegeheim. Und Erika Müller hat ihn seitdem jeden Tag besucht. Hat sich um ihn gekümmert, hat mit ihm geredet, ist mit ihm spazieren gefahren, war einfach da.

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Jetzt steht sie draußen vorm Fenster und hat keine Ruhe. Das Coronavirus hat Erika Müller und ihren Mann "voneinander weggesperrt". So drückt sie dieses Gefühl aus, das für sie so schlimm ist, wie lange nichts mehr. In den Pflegeheimen herrscht jetzt ein striktes Besuchsverbot. Zum Schutz der Bewohner und der Mitarbeiter vor einer möglichen Ansteckung. Nicht auszudenken, wenn das passieren würde.

Jeder sieht das ein. Auch Erika Müller. "Aber es ist schwer", sagt die Zittauerin. Und die Situation macht sie krank. Sie kann nicht mehr schlafen und übersteht den Tag nur noch mit Tabletten.  "Ich merke, wie es mir immer schlechter geht und meinem Mann auch. Ich muss von draußen zusehen, wie er immer mehr abbaut", sagt sie. Und sie fühlt sich von der Heimleitung und den Mitarbeitern im Stich gelassen.

"Eine menschlich sehr schwere Situation"

"Es ist menschlich eine sehr schwere Situation", sagt auch Cornelia Urban, die für die SZ arbeitet. Vor anderthalb Jahren mussten ihre Schwiegereltern ins Pflegeheim umziehen, weil es zu Hause nicht mehr ging. Vor wenigen Wochen ist ihr Schwiegervater gestorben. Das erschwert die Situation für ihre Schwiegermutter zusätzlich.

Doch für die Urbans ist das Kontaktverbot besser zu verkraften. Die Mitarbeiter im städtischen Pflegeheim St. Jakob an der Zittauer Weberkirche helfen den Angehörigen, so gut wie möglich in Verbindung mit den Bewohnern bleiben zu können. Und die Angehörigen können jederzeit auch in den Wohnbereichen anrufen und sich nach dem Befinden der Bewohner erkundigen.

"Wir telefonieren mit unserer Omi öfter", erzählt Cornelia Urban. Die Pflegekräfte im Wohnbereich helfen Barbara Urban dabei, das Telefon zu bedienen, wenn es die 87-Jährige mal alleine nicht schafft. "Wir reden dann über alles", sagt die Schwiegertochter, "über ganz banale Dinge: was sie so macht, was es zum Mittagessen gab, oder welche Schwester gerade Dienst hat. Und wenn die Omi nichts mehr zu erzählen hat, dann erzählen wir."

Cornelia Urban weiß aber auch, dass die Familie großes Glück hat, weil Omi Barbara zum Telefonieren noch in der Lage ist, und weil sie das Besuchsverbot auch versteht. Viele andere Heimbewohner können das nicht mehr. Vor allem für die, deren Demenz schon weit fortgeschritten ist, ist es schwer.

In den Heimen ist jetzt Engagement gefragt

Das sieht auch Thomas Lange so, der zwei private Pflegeheime in Hörnitz und Oybin betreibt. "Es ist eine große seelische Belastung für alle", sagt er, "für die Bewohner, für die Angehörigen und auch für uns. Und wir wissen nicht, welchen Schaden das bei den Menschen anrichtet." Die Mitarbeiter versuchen jetzt, den Bewohnern mit zusätzlichen Betreuungsangeboten zu helfen. Die könnten zwar nicht die Besuche der Angehörigen ersetzen, aber zumindest das Gefühl lindern, allein gelassen zu sein.

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