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Blühende Bürde 

Discounter belasten Dörthe Geißlers Floristikgeschäft. Am Valentinstag wünscht sie sich mehr Liebe zu ihrer Branche. 

© Christian Juppe

Manchmal möchte Dörthe Geißler einfach in ihrem Blumenmeer versinken. Durch Düfte schwimmen, Blütenstaub atmen, diese geliebten Gewächse nur als das spüren, was die meisten Menschen in ihnen sehen: Freudespender, Danksager. Oder wie Poeten schwärmen: das Lächeln der Natur, die Sterne des Tages.

Für Dörthe Geißler sind Blumen Ware. Auch das. Neben aller Verliebtheit in die kunstvollen Kreaturen muss die Floristin damit Geld verdienen, für sich und ihre beiden Kinder. Die sind zehn und 15 Jahre alt. Eher selten besucht Veronique ihren Vater. Niclaas hat seinen schon als Kleinkind an eine schwere Krankheit verloren. Der Jugendweiheanzug passt dem Jungen nicht mehr, zum Tanzstundenball muss er einen neuen haben. Klassenfahrten, Kindergeburtstage, Sportschuhe. Dörthe versucht, günstig einzukaufen, doch manche Dinge kosten, was sie kosten. Das weiß sie nicht nur als Mutter, sondern auch als Unternehmerin. Jede welke Blüte ist mehr als ein trauriger Anblick, sie ist eine zu viel.

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Ohne Obdach mit 18 Jahren

Bei Blumengeißler an der Kesselsdorfer Straße stehen die Bodenvasen voller frischer Schnittblumen. Rosen in Rot, Gelb, sogar Blau, mit Glitzer und geflammten Blättern – nicht nur am Valentinstag. Gerbera, Freesien, Lilien. „Viele Kunden staunen darüber“, sagt Dörthe Geißler. Ein so großes frisches Angebot finden sie bei anderen Floristen nicht. Dort kringeln sich Korkenzieherweidenzweige neben Trockengräsern und Zimtstangen im Bund. Moos und Bast füllen da Gestecke und rettet über blühende Risikoprodukte hinweg.

Nicht bei Dörthe Geißler. „Die Leute hier wollen richtige Blumen“, sagt sie. Hier, das ist keine Flaniermeile, auf der die Kundschaft bummeln geht und nebenbei in den Laden läuft. Blumengeißler liegt zwischen Möbel- und Autohäusern, neben Motorrad-Store und Sanitärausstatter. Hier oben in Gorbitz ist das Asphaltmischwerk näher als Boutiquen voller Mode und Accessoires.

Tante-Emma-Laden und Post gibt es schon lange nicht mehr. Nebenbei hat sich ergeben, dass Dörthes Floristikgeschäft mehr ist als das – Deutsche Postfiliale Nummer 651 und Gemüseladen außerdem. Beides bringt ein wenig Geld zusätzlich, das Onlineshopping der Kunden, die ihre Pakete bringen und holen und hoffentlich Blumen bei der Floristin vor Ort kaufen. Und die Produkte aus der Region: Kartoffeln, Eier, Honig, Marmelade. Ab dem Frühjahr hat Dörthe Geißler eigene Pelargonien, Geranien, Tomaten, Paprika und Kräuter im Sortiment. Balkonpflanzen und Gemüse baut sie auf der Fläche an, die ihr vom elterlichen Betrieb noch geblieben ist. Der war mal ein florierendes Familienunternehmen. Früher. Vor der Wende.

„Ich bin zwischen Stecklingen und Stauden groß geworden“, erzählt Dörthe Geißler. Die Eltern verschwanden im Morgengrauen in den Gewächshäusern, die Gärtnerskinder machten ihr Ding. Dörthe kann sich nicht erinnern, dass sie etwas vermisst hätte. Umso stärker war das Gefühl des Verlustes, als nach Mauerfall und Währungsunion Obst, Gemüse und Blumen aus dem Westen und aus Holland in den neuen Supermärkten lagen. „Unsere Produkte blieben auf der Strecke, da hat die Firma kaum meine Eltern ernährt“, erinnert sich die Floristin. Die war sie damals noch nicht, sondern gerade mit der Gärtnerlehre fertig und erdrückt von der Vorstellung, Mutter und Vater zur Last zu fallen. „Eine meiner Cousinen lebte in Darmstadt. Dort habe ich versucht, eine Anstellung zu bekommen.“ Aber kein Arbeitgeber schien der 18-Jährigen aus dem Osten etwas zuzutrauen. Immerhin als Verkäuferin an einer Käsetheke fand sie ihr Auskommen und fühlte sich wohl damit.

„Aber meine Eltern hatten andere Pläne“, erzählt Dörthe Geißler. „Sie wollten sich nicht damit abfinden, dass ich den Gärtnerberuf aufgebe. Das hatte auch viel mit Familientradition zu tun.“ Also organisierten sie der Tochter einen Arbeitsvertrag in einer Wiesbadener Gärtnerei und schickten sie dorthin. „Nach exakt einem Jahr war die staatliche Förderung für mich zu Ende, und ich flog raus.“ Nicht nur aus der Firma, auch aus der firmeneigenen Wohnung. Drei Monate war Dörthe obdachlos. „Ich habe in meinem kleinen Auto gewohnt und beim Onkel einer Freundin geduscht und Wäsche gewaschen.“ Es wäre höchste Zeit gewesen, heimzukehren. Stattdessen trug sie ab drei Uhr morgens Zeitungen aus und fuhr nur zu Besuch nach Hause. Dort hatte ihre Mutter, eine Anpackerin bis heute und inzwischen 81 Jahre alt, begonnen, ihre Waren auf Märkten aus einem Bus heraus zu verkaufen. „Ich habe ihr geholfen und mir an der hohen, eisernen Busstufe mein Schienbein verletzt.“ Zurück in Wiesbaden bekam Dörthe Fieber – und ein sauberes Bett im Krankenhaus. „Die Blutvergiftung war mein Glück“, sagt sie heute, „In der Klinik haben mir die Schwestern erklärt, dass ich mich arbeitslos melden müsse und Unterstützung bekäme. Das wusste ich alles nicht, jung und unerfahren wie ich war.“

Endlich sah die junge Frau Licht. In Pillnitz schulte sie zur Floristin um, ihre Familie verkaufte die Hälfte der hypothekenbelasteten Gärtnerei an einen Nachbarn und plante auf dem verbleibendem Hektar ein neues Floristikunternehmen. „Meine Eltern waren zu alt, um Geld von der Bank zu bekommen, da nahm ich den Kredit auf – eine Million D-Mark, mit Mitte 20.“ Das war 1995, seitdem führt Dörthe Geißler ihr eigenes Geschäft.

Das tut sie mit allen Höhen und Tiefen. „Die Euroumstellung hat zwar meine Schulden halbiert, aber das Geschäft lief die ersten Jahre schlecht.“ Für Luxus wie Blumen gaben die Menschen ungern Geld aus, damals, als der Euro noch Angst machte. Später verschwand mit dem öffentlichen Nahverkehr vor der Ladentür auch die Laufkundschaft. Seit dem Ausbau der Straße ist die Bahnlinie zu weit weg.

Beim Geschäft mit dem Lächeln der Natur vergeht Dörthe gelegentlich das Lachen. Zum Beispiel dann, wenn Kunden Pflanzen, Erde und Gefäß aus dem Baumarkt zu ihr in den Laden bringen und alles arrangiert haben wollen. Auch Fertiggestecke machen der Floristin zu schaffen. Die billigen Massenprodukte stehen mittlerweile in jedem Supermarkt. „Aber manche Menschen haben wirklich nicht mehr Geld“, sagt die Frau, die ihr Geschäft die gesamte Woche geöffnet hat, auch sonntags. Und wenn sich montags kaum ein Kunde in den Laden verirrt, überlässt sie ihrer Mutter das Zepter und hilft für einen Tageslohn in einer benachbarten Gärtnerei aus.

Irgendwie sollte ein Ruhetag drin sein. Darüber denkt sie nach, wenn es mal Schwierigkeiten in der Schule gibt oder wenn die Kinder keine Lust haben, ihre Nachmittage im Laden zu verbringen. Viel lieber helfen sie bei der Freiwilligen Feuerwehr. Das ist auch Dörthe recht, und sie ist stolz darauf, genau wie auf Niclaas Einserzeugnis. Dass die Kids mal den Familienbetrieb übernehmen, erwartet sie nicht. „Sie sollen ihren Weg gehen und zufrieden sein.“ Es hört sich nicht immer so an, aber Dörthe Geißler ist es. „Könnte ich von vorn beginnen, würde ich nichts anders machen“, sagt sie. Ohne ihre Männer hätte sie ihre Kinder und ohne die Eltern ihren Beruf nicht. Ohne den eigenen Betrieb würde ihr das Gefühl von Freiheit fehlen. „Aber wenn ich mir was wünschen dürfte: für mich ein paar Minuten mehr Zeit und für unsere Branche mehr Liebe.“