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Bonus fürs Görlitzer Welterbe

Architekt Frank-Ernest Nitzsche hat jetzt Hallenhäuser im Ausland besucht. Nun ist klar, wo Görlitz die Nase vorn hat.

Von Ingo Kramer

Allein schon die Zahlen klingen nicht nach Erholungsurlaub. Rund 2 100 Kilometer haben der Görlitzer Architekt und Bauforscher Frank-Ernest Nitzsche und der Berliner Architekt und Architektur-Fotograf Ulrich Schwarz in den vergangenen zwei Wochen per Auto zurückgelegt. Binnen 13 Tagen haben sie 15 historische Städte besichtigt, haben mit Bürgermeistern, Wissenschaftlern und Hausbesitzern gesprochen. „Unser Arbeitstag ging stets von 7 bis 24 Uhr“, sagt Nitzsche.

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Die Mission: Die beiden sollen die Görlitzer Unesco-Welterbe-Bewerbung voranbringen. Görlitz hatte zunächst beim Freistaat eine Bewerbung eingereicht, die nur zehn Seiten lang sein durfte. Innerhalb des Freistaates Sachsen schaffte sie es auf den dritten Platz – und wurde deshalb zusammen mit der Gartenstadt Dresden-Hellerau und der Leipziger Notenspur an den Bund weitergeleitet. Später forderte die deutsche Kultusministerkonferenz eine auf maximal fünf Textseiten begrenzte Kurzversion der Bewerbung. Der Vergleich mit anderen Städten bildete darin nur einen Teilabschnitt. Und nun, im dritten Schritt quasi, will die Kultusministerkonferenz genau diesen Vergleich präzisiert haben. Diesmal ist keine Seitenzahl vorgegeben.

„Wir haben uns für diese Aufgabe in zwei Gruppen aufgeteilt“, sagt Nitzsche. Er und Schwarz sind auf Expedition in die anderen Städte gegangen und haben sich mit den örtlichen Wissenschaftlern ausgetauscht. Der Architekt Andreas Bednarek und der Historiker Lars-Arne Dannenberg, die beiden anderen im Team, arbeiten inzwischen Archivmaterial aus verschiedenen Städten auf. „Ab Anfang November werden wir die Ergebnisse zusammenführen“, sagt Nitzsche. Er selbst will zudem noch ein paar weitere Städte besuchen – vor allem solche, die sich von Görlitz aus als Halbtagestour ansteuern lassen. Der weitere Zeitplan ist straff, denn schon am 6. Dezember muss die Vergleichsanalyse beim Bund eingereicht werden.

Für die Görlitzer Welterbe-Bewerbung könnten die Chancen steigen, denn all diese brandaktuellen Beobachtungen fließen nun in die Vergleichsanalyse sein. Nitzsches Fazit: „Das Görlitzer Hallenhaus ist keine Görlitzer Erfindung, sondern es widerspiegelt die Hausentwicklung in einem großen Raum.“ In Görlitz ist dabei einiges anders verlaufen als in den anderen Städten: Die Entwicklung setzte sehr früh ein, es sind besonders repräsentative und technisch sehr hochwertige Häuser entstanden – und auf engstem Raum sind überdurchschnittlich viele bis heute sehr authentisch erhalten. Gute Chancen auf Welterbe also.

Doch Nitzsche und Schwarz brachten noch mehr Erkenntnisse mit. Etwa, dass viele schöne Beispiele für Hallenhäuser, die in der Literatur immer wieder zitiert werden, gar nicht mehr existieren. Oder, dass die wissenschaftliche Hausforschung in den vergangenen Jahrzehnten in Polen und Tschechien auf extrem hohem Niveau betrieben wurde. „Wir müssen die Zusammenarbeit mit den dortigen Wissenschaftlern unbedingt ausbauen“, sagt Nitzsche.

Acht der jetzt besuchten Städte liegen in Polen, sechs in Tschechien – und die letzte Station war das sächsische Freiberg. In manchen Städten waren die beiden angemeldet, bei anderen reichte im Vorfeld die Zeit nicht, um etwas zu organisieren. Allerdings hatten Nitzsche und Schwarz für jeden der 15 Bürgermeister einen Brief von OB Siegfried Deinege dabei – in der jeweiligen Landessprache. „So ein Schreiben ist wie ein Königsbrief im Mittelalter“, sagt Nitzsche. Das habe Kontakte ermöglicht, die sich aus der Ferne gar nicht hätten organisieren lassen. Das Ergebnis waren lange und intensive Besichtigungen, Gespräche und Fotogelegenheiten in 15 Städten, von denen Nitzsche 14 in den vergangenen 30 Jahren schon besucht hatte – damals allerdings ohne den Auftrag, überall die Hallenhäuser unter die Lupe zu nehmen.

Ausgerechnet die einzige Stadt, die er noch nicht kannte, erwies sich als besonders guter Vergleich zu Görlitz: Das ostpolnische Jaroslaw (Jaroslau) kurz vor der ukrainischen Grenze. „Dort gibt es gigantische Hallen und Haustiefen“, sagt Nitzsche. Bei einem Haus hat er eine Tiefe von 45 Metern gemessen. Das entspricht fast dem Görlitzer Schönhof. Der ist rund 60 Meter lang – besteht aber aus drei Gebäuden hintereinander. Und noch etwas macht die Görlitzer Hallenhäuser einzigartig: An der Neiße wurden alte Gebäude zu Hallenhäusern umgebaut. Die Hallenhäuser von Jaroslaw sind hingegen Neubauten des späten 16. und vor allem des 17. Jahrhunderts.