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Chirurgennotstand in Görlitz

Seit der Schließung einer Gemeinschaftspraxis drängen sich die Patienten bei den übrigen Chirurgen. Jetzt naht Rettung.

© dpa

Von Jenny Thümmler

Die Wartezimmer sind voll, die Schlangen an der Anmeldung lang. Seit das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) der Malteser im City-Center zum Jahreswechsel geschlossen hat, ist die Situation für kranke Menschen schwieriger geworden. Zwei Allgemeinärztinnen des MVZ behandeln inzwischen in eigenen Praxen, doch für die Chirurgen fand sich bisher keine Lösung. Chirurgennotstand in Görlitz?

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Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen listet für Görlitz vier zugelassene Chirurgen auf: Andreas Budig, Roland Jaczkowski, Ina Mehnert und Norbert Poguntke. Alle haben mehr als genug zu tun. Arzthelferinnen in fast allen Praxen berichten von äußerst stressigen Zeiten. Neue Patienten vor allem mit chronischen Problemen müssen weggeschickt werden, die Ärzte machen Überstunden und kürzen ihre Pausen. Von 70- bis 80-Stunden-Wochen für die Ärzte ist die Rede. Trotzdem sind die Wartezimmer voll, Termine wegen nicht-akuter Erkrankungen gibt es zum Teil nur viele Wochen oder Monate im Voraus. „Wir können einfach nicht noch mehr arbeiten“, sagt eine Mitarbeiterin und ärgert sich über das Verhalten mancher Patienten. Türen werden geschmissen, Schimpfworte fallen. Eine explosive Mischung, wenn Menschen mit Schmerzen auf überarbeitete und gestresste Menschen treffen.

Chirurgin Ina Mehnert rotiert in ihrer Praxis in Königshufen seit Monaten gemeinsam mit ihren Mitarbeitern, um die Patienten so gut es geht zu versorgen. Wartezeiten von ein, zwei Stunden lassen sich trotzdem nicht vermeiden, sagt sie. Akute Fälle werden natürlich behandelt. Rund 23.000 Patienten umfasst die Kartei der Praxis inzwischen. „Wir verschleißen bei diesem Arbeitspensum“, sagt die Ärztin. „Das ist richtig schlimm, denn die Qualität unserer Arbeit darf nicht leiden.“ Um Ostern herum ist sie allein, weil die anderen Chirurgen Urlaub haben. „Davor graut’s mir jetzt schon. Aber wir Ärzte brauchen dringend Urlaub.“ Darum hofft sie auf eine baldige Entspannung der Situation.

Und eigentlich sollte das längst so weit sein. Im Dezember, als die Schließung des MVZ bekannt wurde, hieß es von den Maltesern, dass der Chirurg Slawomir Czekalowski, der schon im St. Carolus-Krankenhaus einige Jahre mit Bernhard Römelt zusammengearbeitet hat, dessen Nachfolger wird. Römelt wechselte damals als Durchgangsarzt – ein Unfallchirurg für Arbeitsunfälle – ans Carolus und ist seit 1. April in Ruhestand. Zwischenzeitlich kam aus der Malteser-Geschäftsführung die Information, Czekalowski praktiziere ab April.

Doch nun ist wieder alles anders. Aktuell gibt es keine vertragliche Verbindung von Czekalowski und den Maltesern mehr, teilt eine Sprecherin mit. Denn Slawomir Czekalowski will sich als Chirurg in eigener Praxis niederlassen. Wie er selbst sagt, ist das seit Jahren sein Traum. „Jetzt ist die Gelegenheit da. Aber es ist sehr viel zu tun, weil ich bei Null anfange und nicht in eine funktionierende Praxis einsteige.“ Darum dauere es so lange.

Seine Praxis wird sich im Einkaufs- und Gesundheitszentrum Rauschwalde befinden. Dort, in den ehemaligen Räumen des Meridian-Getränkemarkts, haben vor Kurzem die Umbauarbeiten begonnen, der Mietvertrag ist unterzeichnet. Spätestens zum 1. Juli öffnet die Praxis. Ansonsten läuft die Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung (KVS) für einen weiteren niedergelassenen Chirurgen aus, die Czekalowski bekommen hat. Und die ist wertvoll. Nur durch die Umwandlung der vorhandenen Chirurgenstelle von Bernhard Römelt kann sich Czekalowski hier überhaupt niederlassen. Laut KVS ist Görlitz nämlich überversorgt mit Chirurgen.

Nach Einwohnerzahlen und demografischem Faktor, nach denen die KVS nötige Fachärzte plant, würden für Görlitz zwei Chirurgen ausreichen. Da auch Slawomir Czekalowski weiß, wie voll die Praxen der Kollegen sind, will er diese Frist auf keinen Fall verstreichen lassen. Sondern am liebsten noch etwas eher öffnen. „Das hängt vom Umbau ab und einigen bürokratischen Sachen, die noch zu klären sind“, sagt der gebürtige Zgorzelecer, der in der Partnerstadt seit Jahren eine kleine chirurgische Praxis hat und schon seit zwölf Jahren auch in Deutschland arbeitet. Er lobt die Zusammenarbeit mit Ämtern und Kollegen. „Es ist viel Papierkram. Aber es geht voran und hat seinen Sinn.“ Der 47-Jährige freut sich auf die neue Zeit und ist aufgeregt, wie er sagt. „Nach 20 Jahren im klinischen Bereich ist das jetzt etwas ganz Neues. Ich bin vorsichtig optimistisch und neugierig, wie es wird.“