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Corona: Abitur in der Turnhalle

Für die Zwölftklässler des Pirnaer Schiller-Gymnasiums beginnen jetzt die Prüfungen - unter besonderen Bedingungen und an ungewöhnlichen Orten.

Bernd Wenzel, Schulleiter des Schiller-Gymnasiums, in der für die Prüfung hergerichteten Aula: Keiner soll sich fürchten müssen.
Bernd Wenzel, Schulleiter des Schiller-Gymnasiums, in der für die Prüfung hergerichteten Aula: Keiner soll sich fürchten müssen. © Thomas Möckel

Bernd Wenzel sitzt am Dienstagvormittag in seinem Büro und telefoniert. Wenzel ist Schulleiter des Pirnaer Schiller-Gymnasiums, im Gespräch mit dem Rathaus klärt er, wann die Bauarbeiten für die neue Kindertagesstätte hinter der Schulturnhalle ruhen oder zumindest keinen großen Krach verursachen. Wenzel benötigt die vorübergehende Bauruhe für seine Schüler, auch an diesem besonderen Ort, weil ein entscheidender Termin ansteht: In dieser Woche beginnen die Abiturprüfungen. 

Der 21. April ist der erste Tag, an dem nach fünf Wochen behördlich angeordneter Zwangspause erstmals wieder Schüler die Bildungsstätte an der Seminarstraße bevölkern. Es sind zunächst die Zwölftklässler, 79 Schüler sind im Haus, bei Normalbetrieb wären es mehr als zehnmal so viele. 

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Während für die Gymnasiasten aus Pirna und der Umgebung der Schulstart recht unkompliziert war, bedurfte es schon einiger Mühe, eine andere kleinere Schülergruppe an die Bildungsstätte zu holen. Denn am Schiller-Gymnasium gibt es eine Besonderheit: einen binationalen Bildungsgang, ab der siebten Klasse je eine Klasse pro Jahrgang, die zur Hälfte mit deutschen und tschechischen Schülern besetzt ist.

Passierschein für tschechische Schüler

Elf Jugendliche aus dem Nachbarland lernen derzeit in der zwölften Klasse, für sie musste Wenzel eine Art Passierschein ausstellen, damit sie in Deutschland einreisen durften. Dabei galt es, der tschechischen Botschaft sowie tschechischen Behörden zu versichern, dass im Schulhaus die derzeit geltenden Hygienestandards eingehalten werden. 

In der schulfreien Zeit wohnen die tschechischen Schüler weiterhin im binationalen Internat auf der Schloßstraße, der Internatsbetrieb läuft weiter, wenn auch ein wenig eingeschränkt. So sind die Schüler angehalten, möglichst im Quartier zu bleiben. 

Inzwischen sind alle Schüler eingetroffen, am ersten Schultag mussten sie zunächst draußen warten, jeder wurde einzeln hereingebeten, so wollen es die Hygienevorschriften. Wenzel belehrte die Abiturienten über den Infektionsschutz, danach mussten alle ihre Hände waschen und bekamen Schutzmasken ausgehändigt.

Wer hustet, muss draußen bleiben

Eine Pflicht, diese Masken zu tragen, sagt Wenzel, gebe es nicht. Er empfiehlt es aber jedem, das gebiete schon der Respekt und die gegenseitige Rücksichtnahme. "Denn auch an unserer Schule gibt es sowohl Lehrer als auch Schüler, die zur Risikogruppe zählen", sagt der Schulleiter. 

Darüber hinaus muss die Schule weitere Regeln befolgen, um die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten. An zentralen Orten, beispielsweise im Foyer, im Kopierraum oder in den Toiletten steht jetzt Desinfektionsmittel bereit. Räume und Tisch werden mehrfach täglich gereinigt und desinfiziert. Wer rein- oder rausgeht, muss sich die Hände waschen und desinfizieren. Seife gab es in den Sanitärräumen zwar schon vor der Corona-Pandemie, nun sind Einmalhandtücher aus Papier hinzugekommen.  

Die Räume werden regelmäßig gelüftet, fast alle Türen stehen offen, damit keiner unnötig Türklinken anfassen muss. 

Nur Schüler, die frei von Atemwegserkrankungen sind, dürfen ins Schulhaus. Wer hustet, muss draußen bleiben. Pfeile aus schwarz-gelbem Klebeband weisen jetzt auf dem Fußboden die Laufrichtungen sowie die einzuhaltenden Mindestabstände aus, vor den Toiletten sind Wartebereiche gekennzeichnet. Lehrer wachen darüber, dass sich die Schüler einander möglichst wenig begegnen. 

Absage ohne Attest

Auch bei den Prüfungen selbst gelten neue Regeln. So werden die Aufgaben nicht persönlich an die Schüler verteilt, sondern schon vorher auf die Plätze gelegt, das Personal trägt dabei Handschuhe. Die Tische werden weit auseinandergerückt, um alles passend zu machen, greift die Schule auch auf ungewöhnliche Orte zurück. So schreiben die Abiturienten ihre Prüfungen unter anderem in der Aula, in einzelnen Fachräumen sowie in der Turnhalle. "Auf diese Weise können wir räumlich alles etwas entzerren", sagt Wenzel.

Am 24. April geht es mit der schriftlichen Physik-Prüfung los, die nächsten wichtigen Haupttermine sind der 30. April sowie der 5. und 8. Mai. 

Die sonst geltenden Prüfungsregeln sind in diesem Jahr etwas gelockert worden. Wer beispielsweise seine Prüfung nicht jetzt zum Ersttermin schreiben möchte, kann dies einfach schriftlich erklären, er benötigt nicht - wie sonst üblich - ein Attest oder einen anderen Nachweis. "Das ist einfach der derzeitigen Situation geschuldet", sagt Wenzel.

Wer dann allerdings zum Zweittermin nicht antreten kann, weil er vielleicht krank ist, muss aber ein Attest vorlegen. Wer weder zum Zweittermin noch zum Dritttermin zur Prüfungswiederholung antreten kann, kann auf schriftlichen Antrag hin das Schuljahr problemlos wiederholen, es wird nicht auf die Schulzeit angerechnet. Das heißt: die schon einmal absolvierte 12. Klasse gilt als nie gemacht. 

Neue Bewertungsmaßstäbe

Die Arbeiten selbst werden in diesem Jahr sensibler korrigiert als sonst. So finden die üblichen Zweitkorrekturen diesmal in der derselben Schule statt. "Auf diese Weise können die Lehrer besser auf die während der Pandemie aufgetretenen schulinternen Probleme eingehen und im Unterricht nicht vermitteltes Wissen bei der Bewertung berücksichtigen", sagt Wenzel. 

Denn es gilt das allgemeine Credo: die Schüler sollen möglichst angstfrei in die Prüfungen gehen. "Es ist ja derzeit eine besondere Situation. Und keiner soll sich angesichts des vorangegangenen Unterrichtsausfalls vor den Prüfungen fürchten müssen", sagt Wenzel. 

Aus für den Abi-Ball

Wie es hingegen künftig mit dem allgemeinen Schulalltag weitergeht, ist noch weitgehend unklar. Zwar ist avisiert, dass nach dem 4. Mai die nächsten Klassen - wohl die 11. Klassen - in die Bildungsstätte zurückkehren dürfen. Laut Wenzel gebe es aber noch keinen konkreten Plan. 

Gleichwohl ist der Schulleiter der Ansicht, dass sich der bisherige Stundenausfall noch kompensieren lasse, selbst wenn es noch Wochen dauern sollte, bis alle Schüler wieder zurück sind. "Der Lehrplan bietet da noch Spielraum", sagt er. Man müsse sich dann eben auf das Wesentliche konzentrieren und abwägen, welcher Stoff für die Schüler wirklich wichtig ist.

Die Abiturienten müssen allerdings, das steht schon so gut wie fest, in diesem Jahr auf ein großes Fest verzichten. Ihren Abschluss feierten die Schiller-Gymnasiasten mangels eines ausreichend großen Raumes in Pirna bislang im Dresdner Kongresszentrum, rund 450 Gäste waren stets dabei. "Doch einen richtigen Abi-Ball", sagt Wenzel, "wird es diesmal wohl nicht geben können."

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