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BRN-TV sendet Schwafelrunde digital

Das große bunte Neustadt-Fest fällt Corona zum Opfer. Seine Urgesteine hindert das nicht daran, es zum Jubiläum trotzdem hochleben zu lassen.

Die TV-Techniker Jan Kossick (l.) und Thomas Wilk haben im Blick und im Ohr, was die Moderatoren Anne Liebscher und Jan Frintert für ihre Talksendung im Stadtteilhaus brauchen.
Die TV-Techniker Jan Kossick (l.) und Thomas Wilk haben im Blick und im Ohr, was die Moderatoren Anne Liebscher und Jan Frintert für ihre Talksendung im Stadtteilhaus brauchen. © Christian Juppe

Dresden. Da steht es auf der Homepage Grün auf Weiß: Die Bunte Republik Neustadt 2020 fällt aus! "Geht doch gar nicht", interveniert Jan Frintert und erklärt: "Die BRN wurde 1990 gegründet und nie aufgelöst. Also kann sie auch nicht ausfallen!" Recht hat der als Anton Launer bekannte Neustadt-Kolumnist. Und was er sagt, klingt irgendwie beruhigend - wenn das Fest auch fehlen wird. Seit langem ist es bedeutungsvoller als der alternative Mini-Staat, der in den Wendewirren ausgerufen wurde und dem die Stadtteilparty ihren Namen verdankt. Eine weitere frohe Botschaft: Auch das Fest wird nicht sang- und klanglos aus dem Kalender verschwinden. 

Dreißig Jahre gibt es die Mikro-Nation Bunte Republik Neustadt nun schon. Das Jubiläum hätte groß gefeiert werden sollen, obwohl der Fantasiestaat immer mehr in den Hintergrund getreten ist und seine politische Ausstrahlung verloren hat. Als sich einige interessierte und engagierte Neustädter einst in der früheren Kneipe Bronxx entschlossen, mit der Bunten Republik ihre Enttäuschung über den Verlauf der deutschen Wiedervereinigung zum Thema zu machen und die Republikgründung als Fest zu feiern, war das noch Rebellion.

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Die verhallte mit den Jahren. Anfang der 2000er sahen viele Neustädter wieder mehr Anlass, aufzubegehren, weil die BRN wegen rechter und linksradikaler Auseinandersetzungen im Fokus stand. Diskussionen um Kultur und Kommerz und inwieweit das eine das andere stört, blieben hingegen nahezu konstant präsent. Zuletzt fragte Scheune-Betreiber Magnus Hecht öffentlich, was die BRN denn noch sei: Bier- und Bratwurstsause oder außergewöhnliches Ereignis mit Charakter und Potential?

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Als die beiden Neustadt-Stadträte Magnus Hecht und Johannes Lichdi im vergangenen Jahr die Chancen der BRN ausloteten und eine Satzung vorschlugen, war auch die Koordinatorin Ulla Wacker wieder mit im Boot. Zwischenzeitlich hatte sie sich zurückgezogen. Die Entwicklung der Veranstaltung war ihr fremd geworden, ihre Rahmenbedingungen hatten sie frustriert. 

"Um bei der ersten BRN 1990 dabei zu sein, bin ich zuhause ausgebüchst und habe das Wochenende unter Hausbesetzern verbracht", erinnert sie sich. Ende der 1990er-Jahre gründete sie einen Verein zur Organisation der BRN mit, erlebte 2004 den Dachstuhlbrand im Stadtteilhaus Neustadt aus nächster Nähe und schwärmt noch heute von der Aktion, Vertreter mehrerer Mikro-Nationen aus anderen Ländern einzuladen und sie auf dem Festgelände Botschaften eröffnen zu lassen, inklusive Visaausstellungen. 

Lärm, Kommerzialisierung, Müll und "Wildpisserei" haben den Kümmerern der BRN fortlaufend das Leben schwer gemacht, und doch hängt Ulla Wackers Herz daran. So sehr, dass sie es genau so wenig wie der Neustadtbeobachter Jan Frintert erträgt, Stillschweigen über die BRN zu breiten. Noch dazu im Jubiläumsjahr.

Denn vieles ist trotz Corona-Ruhe zu sagen, und ein möglichst großes Publikum soll zuhören. Ulla und Jan widmen, zusammen mit ihren Unterstützern, der Bunten Republik Neustadt und ihrem Geburtstag eine eigene Fernsehsendung. Um sie vorzubereiten, haben sie sich am Sonntag im Stadtteilhaus getroffen und dort probehalber ihr Studio aufgebaut. An drei aufeinanderfolgenden Tagen werden sie jeweils anderthalb bis zwei Stunden lang aus dem Leben der BRN berichten - im Talkrundenformat.

Am Sonntag wird die Singer-Songwriterin Tini Bot im Studio singen. Talkrundenplanerin Ulla Wacker gibt ihr Tipps für die Sendung.
Am Sonntag wird die Singer-Songwriterin Tini Bot im Studio singen. Talkrundenplanerin Ulla Wacker gibt ihr Tipps für die Sendung. © Christian Juppe

Dafür haben sie sich Gäste eingeladen. Am kommenden Freitag, dann, wenn normalerweise die Stimmung im Viertel voller Vorfreude aufkochen würde, startet auf Youtube der erste Teil: Um 20 Uhr eröffnen die beiden Moderatoren Anne Liebscher und Jan Frintert die Schwafelrunde zur ersten Dekade der BRN. "Wir senden am Freitag unsere Talkrunde zu den 90er-Jahren der BRN, am Sonnabend zu den Nullerjahren und am Sonntag zu den 2010ern", erklärt Ulla Wacker.

Auf die Idee sind die Macher gekommen, weil die Allgemeinverfügung lange keinen Zweifel daran ließ, dass zum Schutz vor Corona bis Ende August Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen verboten bleiben müssen. Deshalb gab es keine andere Chance, als  das Stadtteilfest abzusagen oder mit viel Glück auf den Herbst zu verschieben. "Die BRN wollten wir trotzdem wach halten und dachten: Was andere Kulturveranstalter nun auf digitalem Weg versuchen, das können wir auch für uns nutzen", erzählt Jan Frintert. 

Natürlich muss der Dreh der Sendung wie alle zwischenmenschlichen Zusammenkünfte derzeit mit gebührend Abstand vonstatten gehen. Jedenfalls räumlich gesehen. Auch inhaltlich ist die Sicht auf die Geschehnisse von damals mit einiger Distanz sicher interessant. Dabei dürften all die Erinnerungen von Mitstreitern aus dem inneren Zirkel spannend für alle sein - für diejenigen, die die BRN gut kennen - ebenso wie für Zuschauer, denen die Rückblicke wie ein Spezial von Guido Knopps TV-Unterricht "History" erscheint. 

Folgende Sendezeiten sind geplant: Freitag, 20 Uhr bis maximal 22 Uhr; Sonnabend, 18 bis maximal 20 Uhr; Sonntag, 14  bis maximal 16 Uhr. Die Zuschauer können per Mail oder Kommentarfunktion Fragen zu den Talk-Themen stellen, die nach Möglichkeit von den Gästen der Sendungen beantwortet werden. Auch auf der Website der BRN wird der Youtube-Kanal verlinkt sein. 


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