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Pirna

„Ein bitterer Beigeschmack bleibt“

Stefan Bohne, Vorsitzender des größten Fußball-Vereins im Landkreis, befürchtet finanzielle Schäden - sieht aber auch Chancen.

„Idealerweise nehmen wir auch etwas für unseren Erziehungsauftrag mit“: Stefan Bohne, hier fotografiert kurz vor Jahreswechsel in der Pirnaer Altstadt.
„Idealerweise nehmen wir auch etwas für unseren Erziehungsauftrag mit“: Stefan Bohne, hier fotografiert kurz vor Jahreswechsel in der Pirnaer Altstadt. © Daniel Schäfer

Mit mehr als 1.300 Mitgliedern ist der VfL Pirna-Copitz der größte Sportklub im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Die Corona-Krise hat den Sport in und um das Willy-Tröger-Stadion komplett zum Erliegen gebracht. Stefan Bohne, 46, ist seit mehr als acht Jahren der 1. Vorsitzende und steht nun auch vor seiner wohl größten persönlichen Herausforderung, zumal er als Geschäftsführer der Dresdner Logistikfirma LOGSOL ebenfalls viel um die Ohren hat. Dennoch fand der Familienvater Zeit für ein Gespräch mit Sächsische.de.

Herr Bohne, Sie haben vier Kinder, da funktioniert nur noch Homeoffice, oder?

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Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

Nein. Ich selbst bin kein großer Fan von Homeoffice, weil ich die Trennung von Familien- und Berufsleben sehr schätze. Privat bekommen wir das auch in der aktuellen Situation noch organisiert. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aber größtenteils im Homeoffice.

Messen, Dienstreisen, Urlaub – wie viele Stornierungen mussten Sie persönlich schon vornehmen?

Da geht es mir wie sicherlich vielen anderen auch. Es ist aus meiner Sicht müßig, jetzt entfallenen Messen und Urlauben nachzutrauern. Viel wichtiger ist, dass innerhalb kürzester Zeit Lösungen entwickelt werden, unter welchen Umständen ein Alltag mit Corona möglich ist. Alle anderen Dinge sind aktuell schlichtweg unwichtig.

Viele Vereine befürchten, dass sie den finanziellen Schaden, der entstehen wird, nicht stemmen können. Wie sehen Sie die Situation beim VfL Pirna?

Diese Sorgen teilen wir. Wir können aktuell nur den finanziellen Schaden für den Verein minimieren, indem wir die steuerbaren Kostenreduktionen vornehmen. Ein bitterer Beigeschmack bleibt, da dies leider auch zu persönlichen Lasten des Personals geht.

Denkt der Verein über eine Stundung der Mitgliedsbeiträge nach?

Dazu würde ich gern die Worte von Ulrich Franzen, dem Präsidenten des Landessportbundes Sachsen, übernehmen: „Wenn Sie es sich leisten können, weiterhin Mitglied in einem Verein zu sein oder sogar zu werden, dann unterstützen Sie bitte gerade jetzt den organisierten Sport. Bitte zeigen Sie auch in schwierigen Zeiten Solidarität. Verzichten Sie auf eventuelle anteilige Rückforderungen von Vereinsbeiträgen oder die Kündigung von Mitgliedschaften. Angesichts des enormen Engagements, das in jedem einzelnen Verein steckt, wäre das ein falsches Signal.“ Damit spricht er uns aus dem Herzen!

Die Sportanlagen sind geschlossen. Wird das Willy-Tröger-Stadion bewacht, damit Unbefugte nicht ins Gelände gelangen?

Dazu sind wir aktuell in Gesprächen mit der Stadt Pirna, da wir als Verein personell und finanziell nicht in der Lage sind, eine vollumfängliche Sicherung der Anlage trotz geschlossener Tore vorzunehmen.

Die Volleyball-Sachsenklasse, in der der VfL Tabellenzweiter ist, hat die Saison abgebrochen. Wie würden Sie in der Fußball-Landesliga entscheiden?

Ich halte die Rufe nach einem Saisonabbruch für verfrüht, so lange rein theoretisch die Zeitschiene für das Nachholen der abgesagten Punktspiele noch gegeben ist.

Angenommen, die Serie in der Fußball-Landesliga wird vorzeitig beendet, wie würden Sie den Auf- und Abstieg regeln?

Sollte es tatsächlich dazu kommen, egal in welcher Sportart, werden diese Entscheidungen Anwälte und Gerichte beschäftigen. Aus diesem Grund ist es sicher nicht verkehrt, einen Plan B zu entwickeln, welcher beispielsweise die Aufstockung der jeweiligen Ligen durch die aktuellen Aufsteiger und den Nichtabstieg der aktuell auf einem Abstiegsplatz befindlichen Vereine vorsieht. Die anschließende Reduzierung der Ligen müsste dann über einen vertretbaren zeitlichen Rahmen erfolgen. Aber auch an dieser Stelle sei nochmals betont, dass es aktuell wesentlich wichtigere Fragen in unserer Gesellschaft zu beantworten gilt.

In der Fußball-Landesklasse, in der die zweite VfL-Mannschaft in der Staffel Mitte spielt, ist eine Reform geplant. Sollte man diese auf Eis legen?

Grundsätzlich ist das eine absolut sinnvolle Reform. Zur zeitlichen Umsetzung und Machbarkeit sollte allerdings erst eine Entscheidung getroffen werden, wenn Klarheit dahingehend herrscht, was mit der aktuellen Saison passiert.

Was halten Sie von solchen Aussagen wie: „Corona ist auch eine Chance für uns alle“?

Auch wenn es in der aktuellen „Zwangs-Erdung“ ein bisschen wie Hohn klingt, ich würde das absolut unterschreiben. Vor allem, weil es uns nahezu alle betrifft, entsteht daraus auch wieder ein gesellschaftlicher Gemeinschaftsauftrag, der Solidarität erfordert. Aber auch wirtschaftlich: Die Digitalisierung wird nun noch schneller vorangetrieben werden, Lieferketten und Lieferantenstrukturen werden sich verändern, um Abhängigkeiten zu reduzieren, was auch mit großen Chancen für uns verbunden ist. Idealerweise nehmen wir auch etwas für unseren Erziehungsauftrag mit.

Wie meinen Sie das?

Mal etwas überspitzt formuliert: Ich empfinde es als naiv, sich über Corona-Partys oder Jugendtreffen im großen Stil zu wundern, wenn diverse Erziehungssysteme in unserem Land den Heranwachsenden von klein auf ihre nahezu ausschließlich freiheitlichen Rechte suggerieren und es wichtiger ist, seinen Vornamen sauber vor- und zurücktanzen zu können, anstatt beispielsweise Respekt, das Einhalten von Regeln und das Übernehmen von Verantwortung im Erziehungskonzept zu priorisieren.

Wie hält der VfL Kontakt zu seinen Mitgliedern?

Unsere Geschäftsstelle ist zu den üblichen Geschäftszeiten durch Oliver Herber besetzt und somit für Fragen, aktuell vornehmlich per Mail beziehungsweise Telefon, erreichbar.

Was halten Sie von der Initiative „Teamsport Sachsen“, zu denen 21 sogenannte sächsische Topvereine gehören?

Eine Bündelung der Kräfte erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu umsetzbaren Lösungen führt. Von daher werden wir als VfL Pirna-Copitz auch versuchen, uns dieser Initiative anzuschließen.

Das Gespräch führte Jürgen Schwarz.

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