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Fahrradboom in Dresden

Während Corona viele Branchen in Schwierigkeiten brachte, werden Fahrradhändler in Dresden regelrecht überrannt. Was sie am meisten verkaufen.

Anja Beeg hat am Dienstag zugeschlagen. Mit diesem E-Bike will sie künftig von Omsewitz zur Arbeit fahren. Björn Kühlborn hat sie dabei gut beraten.
Anja Beeg hat am Dienstag zugeschlagen. Mit diesem E-Bike will sie künftig von Omsewitz zur Arbeit fahren. Björn Kühlborn hat sie dabei gut beraten. © Christian Juppe

Dresden. Dieses Bild ist keine Seltenheit: Schlangen vor Fahrradgeschäften, alle Mitarbeiter sind im Beratungsgespräch, Kunden machen Probefahrten. Selten war das Fahrrad so nachgefragt wie heute, viele Händler machen gute Umsätze. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass diese Art der Fortbewegung wieder hoch im Kurs steht. 

Auch Anja Beeg hat jetzt ernst gemacht und sich am Dienstag ein E-Bike gekauft. Eigentlich wollte sie mit ihrem Mann Frank erstmal nur in den Fahrradladen reinschauen. Aber Björn Kühlborn von Little John Bike hat sie letztlich mehr als zwei Stunden beraten und das passende Rad gefunden. Mit 3.000 Euro kein Schnäppchen, obwohl schon reduziert. "Aber ich möchte wieder öfter mit dem Rad zur Arbeit fahren statt wie bisher mit dem Roller. Das ist mir bisher sehr schwer gefallen, denn um nach Hause nach Omsewitz zu kommen, muss ich 2,5 Kilometer nur bergauf fahren", sagt die 47-Jährige. Das soll jetzt mit Motorunterstützung viel leichter gehen. Die Jungfernfahrt ging direkt von der Tharandter Straße nach Hause. 

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Warum boomt der Fahrradhandel?

Nach Schätzungen des Zweirad-Industrie-Verbands gibt es aktuell rund 80 Millionen Drahtesel in der Republik. Und diese Zahl wird in diesem Jahr noch steigen, ist Jan Schneidewind von Little John Bikes (LJB) sicher.  Das Unternehmen hat vier Filialen in Dresden. Dieses Jahr boome durch die Coronasituation, obwohl sie auch mehrere Wochen geschlossen waren.  "Unsere Läden wurden nach dem Lockdown regelrecht überrannt", so Schneidewind. Viele Kunden wollen sich jetzt mehr an der frischen Luft bewegen, einige planen sogar den Urlaub mit dem Fahrrad, sagt der Marketingchef von  LJB. Andere steigen aufgrund von Sicherheitsbedenken von den öffentlichen Verkehrsmitteln aufs Rad um, damit sie nicht so eng neben anderen sitzen müssen. 

Auch Roland Pohl, der Geschäftsführer vom Bike-Center, der zwei Läden in der Neustadt und im Hechtviertel betreibt, kann sich vor Anfragen kaum retten. Die Auftragslage sei um 50 Prozent höher als im Vorjahr, vor allem auch in der Werkstatt. "Zu uns kommen sehr viele Kunden, die jetzt regelmäßig das Rad nutzen wollen, den Kauf aber bisher aufgeschoben haben. Corona hat den nötigen Anstoß dazu gegeben", sagt Pohl. 

Gilbert Gabriel von GS Velo am Fetscherplatz verkauft rund 20 Prozent mehr Fahrräder als im Vorjahr. "Wir arbeiten seit Wochen am Limit", sagt er. 

Auch Fahrrad XXL Emporon hat von Corona profitiert und neue Kunden gewonnen.  Viele, die ihr Geld nicht in große Flugreisen investieren konnten, kauften sich stattdessen Fahrräder, gern teure E-Bikes, für den kleinen Urlaub im Sattel, vermutet Geschäftsführer Hamid Ameli. Dazu käme der Wunsch, fit zu sein, um weniger schnell krank zu werden.  Ameli rechnet im laufenden Geschäftsjahr mit 60 Prozent Zuwachs. Das sind rund 53.000 Fahrräder.

Welche Räder sind besonders beliebt?

Ganz klar E-Bikes, zumindest bei Little John Bikes, die jährlich rund 40.000 Fahrräder in ihren Filialen in ganz Deutschland verkaufen. Ein Drittel sind inzwischen E-Bikes. "Innerhalb der letzten drei Jahre haben wir unseren E-Bike-Absatz verdreifacht. Er ist der eigentliche Wachstumstreiber der Branche", sagt Jan Schneidewind. 

In diese positive Entwicklung spielten auch gesetzliche Rahmenbedingungen mit hinein wie das "Dienstrad“ als steuerlich günstige Beschaffungsoption. "E-Bikes sind zunehmend auch bei jüngeren und sportlichen Menschen im Trend", so Schneidewind. Das Durchschnittsalter der Käufer sei in den vergangenen Jahren erheblich gesunken. Doch auch bei Kinderfahrrädern, City- und Trekkingrädern sowie Mountainbikes gab es bei Little John Bikes  eine Steigerung um 25 Prozent.

Ganz andere Räder hat das Bike-Center im Angebot, nämlich vor allem Einzelanfertigungen. Der Kunde sucht sich den Rahmen und alle Anbauteile aus, dann wird es für ihn montiert. "Wir setzen vorwiegend auf Stahlrahmen, weil die besonders langlebig sind. Unsere Kunden haben damit schon Weltreisen gemacht, die Räder müssen also viel aushalten und möglichst lange halten", sagt Roland Pohl. Und meint damit mindestens 30 Jahre. Sehr nachgefragt seien derzeit auch Kinderräder. Wünsche danach kann Pohl zeitnah oft nicht erfüllen.

Bei GS Velo kann Gilbert Gabriel keinen Trend zu bestimmten Räderarten erkennen. "Alle  werden verstärkt nachgefragt."

Was geben die Dresdner dafür aus?

Der Trend geht zum Kauf hochwertiger Räder. Im Schnitt wurden laut Zweirad-Verband 2019 für ein neues Rad beinahe tausend Euro bezahlt, etwa 30 Prozent mehr als im Jahr davor. Entsprechend deutlich stiegen die Umsätze der Branche, laut Verband um 34 Prozent.

Bei Little John Bikes haben die Mitarbeiter beobachtet, dass die Kunden bewusst mehr Geld für ein qualitativ hochwertiges Fahrrad ausgeben. "Das E-Bike hat auch hier im Kopf eine andere Preisbereitschaft erzeugt. Noch vor ein paar Jahren war es für viele Menschen undenkbar, für ein Rad mehr als 2.000 Euro auszugeben", sagt Schneidewind.

Die Durchschnittspreise für E-Bikes lagen in seinem Unternehmen im Jahr 2017 noch bei 2.200 Euro, in diesem Jahr schon bei 2.500 Euro. Für "normale" Räder für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ist der Durchschnittspreis von 470 auf 520 Euro in den Jahren 2017 und 2020 gestiegen. 

Auch im Bike-Center legen die Interessenten zwischen 2.000 bis 3.000 Euro für ihr neues Rad auf den Tisch. "Die Leute sind bereit, mehr Geld für hochwertige Produkte zu bezahlen", sagt Roland Pohl, der selbst nur auf Rädern unterwegs ist, die mindestens 30 Jahre alt sind. 

Können alle Wünsche zeitnah erfüllt werden?

Das sei inzwischen ein großes Problem, sagt Roland Pohl. Mittlerweile müssten seine Kunden auf Manufakturräder 18 bis 20 Wochen warten, vor Corona waren es vier. Auch bestimmte Kinderräder seien erst wieder in acht Wochen verfügbar. "Das hat ganz klar damit zu tun, dass viele Teile aus China kommen und der Nachschub von dort ausbleibt", sagt Pohl. Die Farhrradzulieferindustrie habe so viel zu tun wie in den letzten 30 Jahren nicht mehr. Auch sein Rahmenhersteller aus Tschechien habe Lieferprobleme.

Gemessen an der Nachfrage könnten viele Fahrradhändler sogar deutlich mehr verkaufen. Aber es ist einfach nicht genügend Ware in allen gewünschten Farben und Größen vorrätig, sagt Marketingleiter Schneidewind. "Die Branche bereitet sich schon im Winter auf die Saison vor. Das bedeutet, dass sehr sehr viele Händler gar nicht entsprechend eingekauft haben und nun faktisch in vielen Warengruppen ausverkauft sind." 

Schon jetzt gebe es bei vielen Händlern große Bestandslücken. "Wir haben zum Glück sehr zeitig die Situation und Chance erkannt und Zusatzkäufe getätigt, was damals nicht ganz risikolos war", sagt Schneidewind. Doch der Mut werde jetzt belohnt und er schätzt, dass Little John Bikes die Nachfrage bis zum Saisonende sehr gut bedienen könne. (mit SZ/Jörg Stock)

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