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„Kredite wegen Corona sind nur zweite Wahl"

An die Schuldnerberatung im Kreis Meißen wenden sich zurzeit auffällig viele Selbstständige.

Alltag in Corona-Zeiten: In der Caritas-Schuldnerberatung Meißen und Radebeul besprechen Leiter Sandro Vogt (Foto) und sein Team so viel wie möglich telefonisch mit den Klienten.
Alltag in Corona-Zeiten: In der Caritas-Schuldnerberatung Meißen und Radebeul besprechen Leiter Sandro Vogt (Foto) und sein Team so viel wie möglich telefonisch mit den Klienten. © Claudia Hübschmann

Kurzarbeit für Arbeitnehmer, weggebrochene Aufträge und ausbleibende Kunden für Selbstständige – Corona verschärft für viele die ohnehin schon schwierige finanzielle Situation. Bereits im vergangenen Jahr waren laut dem Schuldneratlas der Creditreform knapp neun Prozent der Erwachsenen im Kreis Meißen überschuldet. 614 suchten Rat in der Caritas-Schuldnerberatung Meißen-Radebeul.Mit deren Leiter Sandro Vogt sprach die Sächsische Zeitung über die Folgen der Corona-Krise.

Herr Vogt, welche Auswirkungen bekommen Sie in Ihren Beratungsstellen in Meißen und Radebeul mit?

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Es ist auffällig, dass innerhalb so kurzer Zeit eine zunehmende Nachfrage zu spüren ist beim Personenkreis der selbstständig Tätigen, also der Soloselbstständigen und Kleingewerbetreibenden. Dieser Personenkreis kam bisher eher selten. Wir befürchten, dass es noch mehr werden, vor allem im Bereich des Einzelhandels und der Gastronomie.

Wie sieht eine typische Fallkonstellation aus?

Nehmen wir eine Einzelhändlerin mit einem kleinen Laden. Sie konnte bisher ihr Geschäft geradeso aufrechterhalten. Weil es schon länger nicht mehr gut lief, konnte sie keine Rücklagen bilden. Das Geld reichte auch nicht für die Altersvorsorge oder eine freiwillige Arbeitslosenversicherung. Der Vater ihrer zwei Kinder ist durch Corona von Kurzarbeit betroffen. Sein Einkommen glich bisher das schwankende Einkommen seiner Frau aus. Nun liegen die Umsätze seiner Frau bei null, aber alle Kosten der Familie laufen weiter: die Laden- und die Wohnungsmiete, die Versicherungen, die Kranken- und Pflegeversicherung. 

Wie kann die Schuldnerberatung helfen?

Es geht darum, die Mieten zu stunden, einen Zahlungsaufschub bei den Behörden zu erreichen und so weiter. Das ist mit viel Aufwand verbunden. Man muss sich auskennen. Wir informieren auch über Arbeitslosengeld II oder andere Leistungen, um das Existenzminimum abzusichern für private Ausgaben, vor allem den Lebensunterhalt mit den zwei Kindern.

Mit welchem Anliegen kommen die Selbstständigen meist in die Schuldnerberatung? Brauchen Sie in erster Linie Unterstützung beim Beantragen von finanziellen Hilfen?

Das Anliegen bei den meisten ist die Privatinsolvenz. Bei den bisher Ratsuchenden war die seelische Komponente die entscheidende. Sie sagten: Ich habe keine Kraft mehr zu kämpfen. Corona ist jetzt das Zünglein an der Waage. Sie wollen die Reißleine ziehen. Aber die Privatinsolvenz ist immer das letzte Mittel.

Was heißt das für die Hilfesuchenden?

Wir schauen erst einmal, wie wir eine Privatinsolvenz verhindern können und wohin man sich noch wenden kann. Ich möchte immer zur Besonnenheit ermuntern. Wir versuchen, Strategien zu entwickeln, wie man mit der jetzigen Situation umgeht, damit der Lebensunterhalt der Familie gesichert ist. Wenn wirklich nur die Privatinsolvenz als geeignetes Mittel zum wirtschaftlichen Neustart bleibt, dann soll sie tatsächlich die Perspektive einer Entschuldung bieten.

Es gibt diverse Soforthilfe-Zuschüsse, Soforthilfe-Darlehen, Hilfsangebote. Gebündeltes Überblickswissen findet man dazu schwer. Auf welcher Wissensgrundlage beraten Sie zurzeit?

Die Schuldnerberatung ist die Stelle, die hilft, wenn die private Existenz auf dem Spiel steht, weil etwa die Selbstständigkeit gescheitert ist. Wenn es bei Selbstständigen um die Überbrückung der Krise geht, verweisen wir auf staatliche Hilfsprogramme und Unternehmensberatungen. Die SAB, IHK und Wirtschaftsförderung sind dafür wichtige Ansprechpartner.

Wie hilfreich sind in der jetzigen Situation Kredite für Ihre Klienten?

Sie lösen für viele Betroffene das Problem nicht, weil sie irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Man hat also noch ein Risiko im Nacken sitzen, weil man nicht weiß, wie sich die Kaufkraft entwickelt. Dazu kommt: Kredite werden meist nur für Unternehmen bewilligt, die im vergangenen Jahr, also per 31. Dezember 2019, wirtschaftlich gesund waren.

Wie schwierig ist es zurzeit für Ratsuchende ohne Internet, an Formulare zu gelangen, um Anträge zu stellen? Etwa bei Ämtern und Behörden?

Die wichtigen Stellen im Landkreis Meißen wie das Jobcenter sind erreichbar. Es war in den vergangenen Wochen noch kein Klient bei uns, weil er an anderen Stellen vor verschlossener Tür gestanden hätte. Die Ämter und Behörden schicken Anträge auch zu. Telefonische Möglichkeiten sind da.

Was stellt in Ihren Augen zurzeit das größte Problem für Ihre Klienten dar: Anträge korrekt zu stellen, Fristen nicht zu verpassen …?

Nein, ich würde sagen: Das größte Problem ist die große Unsicherheit für Menschen ohne Rücklagen. Die Verunsicherung, wie geht es weiter, was kommt auf uns zu, wie lang ist die Zeit, die überbrückt werden muss. Aus der Erfahrung heraus machen sich die Folgen einer solchen Krise in ihrem Ausmaß erst später bemerkbar. Im Moment sind viele noch mit der Organisation des Alltags beschäftigt.

Womit rechnen Sie? 

Dass die große Beratungsnachfrage bei uns zeitversetzt eintreten wird. Wir gehen davon aus, dass die Corona-Krise mehrere Personenkreise besonders hart treffen wird. Den der Selbstständigen, wie gesagt. Schon angerissen haben wir auch den Personenkreis mit Niedrigeinkommen oder Verlust der Arbeit. Er machte schon bisher den höchsten Anteil in unserer Beratungsarbeit aus, mit knapp 30 Prozent im vergangenen Jahr. Aber gefährdet ist auch der Personenkreis, der eh schon in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lebt.

Inwiefern?

Das Problem für Arbeitslosengeld-II-Empfänger ist, dass sich jetzt die laufenden Ausgaben erhöhen. Die kostenfreie Mittagsverpflegung in Kita oder Hort fällt weg, die Schulen gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass Kinder digitale Medien nutzen, Internet haben und so weiter.

Die Schuldnerberatung ist zurzeit für den Publikumsverkehr geschlossen. Wie erreichen Ratsuchende Sie und Ihr Team?

Die offenen Sprechzeiten mussten wir vorübergehend einstellen. Bei bis zu 16 Personen an einem Vormittag im Wartebereich erscheint das sinnvoll. Wir versuchen aber, so viel wie möglich telefonisch zu besprechen mit den Klienten. Termine können telefonisch oder per Mail vereinbart werden. Die persönliche Beratung konzentrieren wir auf unaufschiebbare Notfälle, etwa bei akuten Strom- und Mietschulden oder beim Pfändungsschutz.

Gibt es auch schon Angebote, die online laufen?

Ja, wir sind auch über eine Onlineberatung erreichbar: unter www.caritas-meissen.de. Die ist mit einem Chat vergleichbar, nur antworten wir zeitversetzt. Über eine gesicherte Verbindung kann man Fragen an uns richten, auch anonym.

Die Fragen stellte Ulrike Keller.

Kontakt zur sozialen Schuldnerberatung der Caritas: Telefon 03521 40675-130, E-Mail: [email protected]

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